Essay : Wachsende Ungleichheit

Wo bleibt der Protest? Anmerkungen zum Entwurf des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung.

Das Wahljahr hat begonnen, doch noch bleibt es seltsam still, wenn es um die entscheidenden Zukunftsfragen geht. Stattdessen ergötzen sich Medien und Wahlvolk lieber an personellen Turbulenzen in der FDP oder vermeintlicher Fettnäpfchen-Fixiertheit des SPD-Kanzlerkandidaten. Dabei existiert seit vielen Jahren ein gravierendes Problem für die deutsche Demokratie: die wachsende soziale Ungleichheit. Was manche reflexhaft als linksradikales Mantra abtun wollen, hat sich tatsächlich in den letzten Jahren dramatisch zugespitzt – und kann sich, wenn nichts passiert, in diesem Jahrzehnt zu einer existenziellen Gefährdung des Gemeinwesens auswachsen.

Ein schwarz-gelbes Bubenstück war daher im Herbst 2012 die Verstümmelung des neuen Armuts- und Reichtumsberichts, dessen Entwurf seit September den Bundesministerien vorlag. So wurde dort zum Beispiel die Verdoppelung des Privatvermögens in den letzten Jahren von 4,5 auf 9 Billionen Euro nicht nur beim Namen genannt, sondern auch enthüllt, dass der Löwenanteil daran zu den obersten fünf bis zehn Prozent der Sozialhierarchie gewandert war. Dieser und weitere brisante Punkte fielen aber dem Kürzungseifer des internen Kartells zum Opfer – eine massive Intervention, die dem Staatsbürger fundamental wichtige Informationen kaltblütig vorenthält. Wo ist das Aufbegehren der empörten Öffentlichkeit geblieben?

Die Bundesrepublik ist seit den frühen fünfziger Jahren, seit dem Beginn des »Wirtschaftswunders«, durch eine überraschend stabile soziale Ungleichheit gekennzeichnet. Das »Spitzenquintil« – die vom Statistischen Bundesamt sogenannten obersten zwanzig Prozent der Bevölkerung – hat 43,5 Prozent der Einkommen und Vermögen an sich gebunden; das unterste stagniert dagegen bei sieben Prozent, während die Mittelklassen stets bei 49,4 Prozent lagen. Das Verblüffende an dieser Struktur ist die Konstanz, mit der sie sich in den ersten fünfzig Jahren gehalten hat. Das Volumen des Einkommens und des Vermögens ist natürlich dank der Wohlstandsexplosion drastisch gestiegen. Doch ihr Verteilungsmodus ist insgesamt stabil geblieben.

Der Autor

Hans-Ulrich Wehler, geboren 1931, ist emeritierter Professor für Allgemeine Geschichte in Bielefeld. Am 18. Februar erscheint sein Buch »Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland« im Verlag C.H. Beck

Die 23 Jahre des »Wirtschaftswunders« haben einen einmaligen Sockel für die seither beispiellos steigenden Einkommen geschaffen. Nie zuvor hat es in Deutschland eine solche Epoche wie die Hochkonjunkturperiode von 1950 bis 1973 gegeben, und nie hat sie sich seither wiederholt. Das westdeutsche Sozialprodukt verdreifachte sich in dieser Zeitspanne; die durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten lagen bei 6,5 Prozent. Bis zum Einschnitt der ersten Ölkrise von 1975 verzehnfachte sich das durchschnittliche Nettohaushaltseinkommen von 357 Mark auf 3705 Mark. Das Volkseinkommen verachtfachte sich pro Kopf bis 1990 – schneller als in allen anderen westlichen Gesellschaften.

Der erste Armuts- und Reichtumsbericht 2001 ermittelte die zehn Prozent an der Spitze als Bezieher von 35 Prozent des Nettogesamteinkommens. Zwei Millionen Reiche lagen um ein Vielfaches über dem durchschnittlichen Nettoeinkommen. Die reichsten fünf Prozent erzielten zusammen ein Einkommen, das 95 Prozent aller Einkommensbezieher zusammengenommen nicht erreichten. Diese »Superreichen« unter den 27.000 Millionären konnten jedoch, wie das Statistische Bundesamt beschämt zugab, nicht korrekt erfasst werden, da sich Vermögen, die größer sind als zwei Millionen Euro, dem Statistischen Bundesamt schlechterdings entzögen. Aus dieser Dunkelzone stammen vermutlich die 180 Milliarden der deutschen Steuerflüchtlinge in der Schweiz, auch die hohen Summen in Luxemburg und neuerdings in Singapur. Zwei OECD-Studien haben demgegenüber 2011 nachgewiesen, dass die Ungleichheit in Deutschland wegen der Teilzeitarbeit und der Minijobs steil anwächst, da es seit 1984 in diesem Bereich zu einem Anstieg von drei Millionen auf mehr als acht Millionen Erwerbstätige gekommen ist.

Es herrscht in Deutschland ein nie dagewesener Reichtum

Ungleich schärfer noch als die Einkommensverteilung wirken die Vermögensverhältnisse. Sie zeigen die Klassengrenzen anhand eines in Deutschland bisher einmaligen Reichtums. 1970 kontrollierte das oberste Zehntel schon 44 Prozent des gesamten Nettogeldvermögens. 2011 gehörten dem reichsten Dezil 66 Prozent des Privatgeldvermögens. In einem dramatischen Konzentrationsprozess hat mithin das oberste Zehntel sage und schreibe zwei Drittel des Privatgeldvermögens an sich gezogen. Hundert Milliardäre stehen 2012 an der Spitze von 345.000 Vermögensmillionären: Die deutschen Reichen waren noch nie so reich wie in der unmittelbaren Gegenwart.

Die Vermögenslage wird heute noch dadurch drastisch verschärft, dass zum zweiten Mal eine Erbengeneration – erstmals seit den »goldenen Jahren« vor 1914 – in den Genuss einer gewaltigen Erbmasse kommt. In den späten neunziger Jahren wurden die ersten Milliarden von der Aufbaugeneration des »Wirtschaftswunders« vererbt. Danach aber ging es erst richtig los: Zwischen 2000 und 2010 wurden in Deutschland zwei Billionen Euro vererbt. In den 37 Millionen Haushalten hatte sich bis dahin ein Vermögen von 7,7 Billionen Euro angesammelt – davon befanden sich volle zwei Billionen Euro in der Hand von Haushalten, die in diesem Jahrzehnt durch Tod erloschen sind. Für die Erben des folgenden Jahrzehnts von 2010 bis 2020 gilt die Begünstigung in noch höherem Maße: Das Deutsche Institut für Altersvorsorge hat geschätzt, dass seit 2010 jedes Jahr 260 Milliarden Euro erbrechtlich den Besitzer wechseln. In dieser Dekade geht es mithin um drei Billionen Euro Erbmasse.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

lustig...Steuererhöhungen nach Gusto

also die Erbschaftssteuer auf 50 Prozent ist wohl ein schlechter Witz und Wunschtraum der Leistungsgerechtigkeitsfanatiker.
DAnn bitte auch Steuern auf vererbte EIgenschaften wie Körpergröße, die ja angeblich bei Frauen sehr beliebt ist.
In den USA gibts übrigens einen Freibetrag von 3 mio oder so