EssayWachsende Ungleichheit

Wo bleibt der Protest? Anmerkungen zum Entwurf des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung. von Hans-Ulrich Wehler

Das Wahljahr hat begonnen, doch noch bleibt es seltsam still, wenn es um die entscheidenden Zukunftsfragen geht. Stattdessen ergötzen sich Medien und Wahlvolk lieber an personellen Turbulenzen in der FDP oder vermeintlicher Fettnäpfchen-Fixiertheit des SPD-Kanzlerkandidaten. Dabei existiert seit vielen Jahren ein gravierendes Problem für die deutsche Demokratie: die wachsende soziale Ungleichheit. Was manche reflexhaft als linksradikales Mantra abtun wollen, hat sich tatsächlich in den letzten Jahren dramatisch zugespitzt – und kann sich, wenn nichts passiert, in diesem Jahrzehnt zu einer existenziellen Gefährdung des Gemeinwesens auswachsen.

Ein schwarz-gelbes Bubenstück war daher im Herbst 2012 die Verstümmelung des neuen Armuts- und Reichtumsberichts, dessen Entwurf seit September den Bundesministerien vorlag. So wurde dort zum Beispiel die Verdoppelung des Privatvermögens in den letzten Jahren von 4,5 auf 9 Billionen Euro nicht nur beim Namen genannt, sondern auch enthüllt, dass der Löwenanteil daran zu den obersten fünf bis zehn Prozent der Sozialhierarchie gewandert war. Dieser und weitere brisante Punkte fielen aber dem Kürzungseifer des internen Kartells zum Opfer – eine massive Intervention, die dem Staatsbürger fundamental wichtige Informationen kaltblütig vorenthält. Wo ist das Aufbegehren der empörten Öffentlichkeit geblieben?

Anzeige

Die Bundesrepublik ist seit den frühen fünfziger Jahren, seit dem Beginn des »Wirtschaftswunders«, durch eine überraschend stabile soziale Ungleichheit gekennzeichnet. Das »Spitzenquintil« – die vom Statistischen Bundesamt sogenannten obersten zwanzig Prozent der Bevölkerung – hat 43,5 Prozent der Einkommen und Vermögen an sich gebunden; das unterste stagniert dagegen bei sieben Prozent, während die Mittelklassen stets bei 49,4 Prozent lagen. Das Verblüffende an dieser Struktur ist die Konstanz, mit der sie sich in den ersten fünfzig Jahren gehalten hat. Das Volumen des Einkommens und des Vermögens ist natürlich dank der Wohlstandsexplosion drastisch gestiegen. Doch ihr Verteilungsmodus ist insgesamt stabil geblieben.

Der Autor

Hans-Ulrich Wehler, geboren 1931, ist emeritierter Professor für Allgemeine Geschichte in Bielefeld. Am 18. Februar erscheint sein Buch »Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland« im Verlag C.H. Beck

Die 23 Jahre des »Wirtschaftswunders« haben einen einmaligen Sockel für die seither beispiellos steigenden Einkommen geschaffen. Nie zuvor hat es in Deutschland eine solche Epoche wie die Hochkonjunkturperiode von 1950 bis 1973 gegeben, und nie hat sie sich seither wiederholt. Das westdeutsche Sozialprodukt verdreifachte sich in dieser Zeitspanne; die durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten lagen bei 6,5 Prozent. Bis zum Einschnitt der ersten Ölkrise von 1975 verzehnfachte sich das durchschnittliche Nettohaushaltseinkommen von 357 Mark auf 3705 Mark. Das Volkseinkommen verachtfachte sich pro Kopf bis 1990 – schneller als in allen anderen westlichen Gesellschaften.

Der erste Armuts- und Reichtumsbericht 2001 ermittelte die zehn Prozent an der Spitze als Bezieher von 35 Prozent des Nettogesamteinkommens. Zwei Millionen Reiche lagen um ein Vielfaches über dem durchschnittlichen Nettoeinkommen. Die reichsten fünf Prozent erzielten zusammen ein Einkommen, das 95 Prozent aller Einkommensbezieher zusammengenommen nicht erreichten. Diese »Superreichen« unter den 27.000 Millionären konnten jedoch, wie das Statistische Bundesamt beschämt zugab, nicht korrekt erfasst werden, da sich Vermögen, die größer sind als zwei Millionen Euro, dem Statistischen Bundesamt schlechterdings entzögen. Aus dieser Dunkelzone stammen vermutlich die 180 Milliarden der deutschen Steuerflüchtlinge in der Schweiz, auch die hohen Summen in Luxemburg und neuerdings in Singapur. Zwei OECD-Studien haben demgegenüber 2011 nachgewiesen, dass die Ungleichheit in Deutschland wegen der Teilzeitarbeit und der Minijobs steil anwächst, da es seit 1984 in diesem Bereich zu einem Anstieg von drei Millionen auf mehr als acht Millionen Erwerbstätige gekommen ist.

Es herrscht in Deutschland ein nie dagewesener Reichtum

Ungleich schärfer noch als die Einkommensverteilung wirken die Vermögensverhältnisse. Sie zeigen die Klassengrenzen anhand eines in Deutschland bisher einmaligen Reichtums. 1970 kontrollierte das oberste Zehntel schon 44 Prozent des gesamten Nettogeldvermögens. 2011 gehörten dem reichsten Dezil 66 Prozent des Privatgeldvermögens. In einem dramatischen Konzentrationsprozess hat mithin das oberste Zehntel sage und schreibe zwei Drittel des Privatgeldvermögens an sich gezogen. Hundert Milliardäre stehen 2012 an der Spitze von 345.000 Vermögensmillionären: Die deutschen Reichen waren noch nie so reich wie in der unmittelbaren Gegenwart.

Die Vermögenslage wird heute noch dadurch drastisch verschärft, dass zum zweiten Mal eine Erbengeneration – erstmals seit den »goldenen Jahren« vor 1914 – in den Genuss einer gewaltigen Erbmasse kommt. In den späten neunziger Jahren wurden die ersten Milliarden von der Aufbaugeneration des »Wirtschaftswunders« vererbt. Danach aber ging es erst richtig los: Zwischen 2000 und 2010 wurden in Deutschland zwei Billionen Euro vererbt. In den 37 Millionen Haushalten hatte sich bis dahin ein Vermögen von 7,7 Billionen Euro angesammelt – davon befanden sich volle zwei Billionen Euro in der Hand von Haushalten, die in diesem Jahrzehnt durch Tod erloschen sind. Für die Erben des folgenden Jahrzehnts von 2010 bis 2020 gilt die Begünstigung in noch höherem Maße: Das Deutsche Institut für Altersvorsorge hat geschätzt, dass seit 2010 jedes Jahr 260 Milliarden Euro erbrechtlich den Besitzer wechseln. In dieser Dekade geht es mithin um drei Billionen Euro Erbmasse.

Leserkommentare
  1. Sie sollten nicht mit riesigen Zahlen so rumrechnen , sondern mal konkret auf den einzelenen Bürger sich
    beziehen,
    Allein der kapitalisierte Pensionsanspruch von durchschnittlich 2700 € im Monat bei
    den Pensionären ergibt ein Kapital von 2700 € * 300 (Restlebenserwartung in Monaten )
    = 810000 € , zuzüglich schuldenfreies Eigenheim bis zur Rente von 400000 € , macht
    mindestens 1,2 Mio €

    Sie sollten auch klarstellen, daß das durchschnittlich zurückgelegte Alterskapital von 300000 €
    des Handwerkes einer Rente von 1000 € im Monat entspricht . :-( .

    Und das hohe Durchschnittsvermögen der "wohlhabendsten Bevölkerungsgruppe der Unternehmer" in Höhe von
    1,1 Mio € einer Rente von 3600 € im Monat entspricht.
    Vielleicht relativiert sich jetzt so einiges.

    Im weiteren entspricht einer angenommene Pension von 6600 € des Hernn Steinbrück einem
    Kapital von 2 Mio € .
    Vielleicht relativieren sich hiermit auch die Vermögensmillionen
    Und sie umverteilen vielleicht mal ein bißchen mehr bei Renten und Pensionen
    und bei der Vererbung

    Die Milliardäre kriegen Sie sowieso nicht. Die versteuern
    im Billigsteuerausland.

    Eine Leserempfehlung
  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/ls

  3. machen alles gleich - diese These machte oft die Runde.
    Meine Erfahrung aus der DDR:
    Ein sehr guter Facharbeiter verdiente etwa soviel wie ein
    Fachschulingenieur, ein promovierter Direktor eines
    Forschungsinstitutes erhielt höchstens des 2,5- fache
    der Bezüge seiner Abt.-Leiter,keiner wurde "reich", alle
    waren mit dieser Regelung zufrieden.
    Mit anderen Dingen nicht!!!

    Eine Leserempfehlung
  4. also die Erbschaftssteuer auf 50 Prozent ist wohl ein schlechter Witz und Wunschtraum der Leistungsgerechtigkeitsfanatiker.
    DAnn bitte auch Steuern auf vererbte EIgenschaften wie Körpergröße, die ja angeblich bei Frauen sehr beliebt ist.
    In den USA gibts übrigens einen Freibetrag von 3 mio oder so

    • 2africa
    • 19. Februar 2013 11:45 Uhr

    Was Hans-Ulrich Wehler schreibt ist fact, so verhält es sich also. Für die Darstellung des Sachverhalts gebührt im Dank. Wohin wir uns entwickeln, wenn wir egomanisch nur unsere persönliche Konsummacht präferieren, uns entsolidarisieren, ausgrenzen, ist leicht vorstellbar. Gated Communities, Brutalisierung aller Lebensbereiche, Rückfall in native naivety, Omnipräsenz manipulierter Technik- und Konsumwelten, desaströse Ökonomie etc.
    Wenn derartiges Lebensrealität für die Vielen ist, welcher Art ist dann die Lebensqualität in der Reichtumsisolation? Als erstes stirbt das Mit-Gefühl. Bleibt ein fühlloser Rest - ein entsinnlichter Mensch, ein Residuum.
    Zeit also, uns Rosstäuschern auf den Zahn zu fühlen, Zeit darzustellen, was Sache ist.

  5. Seit wann veranstalten Schafe eine Protestaktion?

    Die sonst ja meist unlesbare TAZ hat dazu einen grundlegenden Kommentar gebracht. Grundlegend weil er einer der ganz, ganz seltenen Exemplare ist, die NICHT heucheln wenn es um Demokratie und den Bürger geht:

    "In Deutschland .... gilt: Was ich nicht habe, soll auch sonst keiner haben. Wenn ich schlechten Sex habe, soll sich auch sonst niemand amüsieren. Wenn ich nur einen Pass besitze, sollen die Ausländer gefälligst auch keinen zweiten haben. Und eben: Wenn mein Leben aus freudloser Plackerei besteht, dann sollen sich auch die anderen totschuften. Deshalb schlägt einem Hasso Plattner derselbe Neid entgegen wie einem Florida-Rolf. Gerechtigkeit ist, wenn es allen scheiße geht."

    http://www.taz.de/Kolumne-Besser/!111896/

  6. Der Beitrag ist eher klassenkämpferischer Natur, daher unsachlich.
    Ich will hier nur auf einen Punkt eigehen.
    Da heißt es:

    "Zurzeit gilt, dass die Besteuerung von Kapitaleinkünften deutlich geringer ausfällt als die Steuer auf Einkommen aus Arbeit. Die Kapitalertragsteuer liegt bei 25 Prozent, die Belastung des Arbeitseinkommens bei bis zu 45 Prozent."

    Kapitalerträge entstehen u. A. durch Dividenden auf Aktien, die aus dem Gewinn des Unternehmens bezahlt werden.

    Der Gewinn einer Aktiengesellschaft unterliegt vorab der Körperschaftssteuer von 25%.
    Wird der verbleibende Ertrag an die Aktionäre als Dividende ausgeschüttet, werden wieder 25 % Kapitalertragssteuern fällig.
    Das sind 19 % des unversteuerten Jahresertrags dieses Unternehmens.
    Das ergibt zusammen mit der Körperschaftssteuer 44%.Steuern.
    Die Körperschaftssteuer kann nicht mehr, wie früher, von der zu leistenden Kapitalertragssteuer abgezogen werden.

    http://www.recht-finanzen...

    Insofern sind die 25 %Kapitalertragssteuer angemessen.
    Liegt mein persönlicher Steuersatz nach der Progressionstabelle unter 25 %, kann ich mir die Differenz vom Finanzamt erstatten lassen.

    Dennoch ist dann die Besteuerung der auf mich fallenden Erträge deutlich höher als die Besteuerung eines gleich hohen Einkommens aus Arbeit, da ich die 25 % Körperschaftssteuer in jedem Falle nie wieder sehe.

    Dass Spekulationsgewinne nur mit max. 25 % versteuert werden, ist skandalös.

  7. Da steht:
    "Ohne jede kontroverse Debatte werden zwischen 2000 und 2020 mehr als fünf Billionen Euro vererbt. Besäßen wir, wie andere Länder, eine Erbschaftsteuer von 50 Prozent, hätte die Bundesrepublik mehr als 2,5 Billionen Euro gewonnen, die sie für den Ausbau des Bildungssystems, des Verkehrsnetzes, die Renovierung der Infrastruktur in den west- und ostdeutschen Städten ohne irgendeine neue Belastung des Steuerzahlers hätte einsetzen können"

    Wie, um Himmels Willen, wollen Sie, wenn z.B. Herr Rossmann mal stirbt, die halbe ererbte Drogeriekette in die oben genannten Investitionen umwandeln?
    In Ihrer Gedankenwelt wir es ja niemanden mehr geben, der dem Staat die 50 % abkaufen könnte oder wollte. Vater Staat bleibt drauf sitzen.

    Wann aber wird das floriende Unternehmen pleite sein, wenn dort zu 50 % mit Pöstchen belohnte politische Jasager die Geschicke lenken werden.

    Meiner Meinung nach sollte ererbtes Betriebsvermögen selbst dann, wenn es sich um Aktien handelt, stets steuerfrei bleiben.
    Erst im Falle der Veräusserung sollte Einkommensteuer im Verhältnis zum Ausgangswert fällig werden.

    Unser Staat braucht, das ist klar, ein gutes Bildungssystem und eine gute sonstige Infrastruktur.
    Das ist aber nur zu verwirklichen, solange es gesunde florierende Unternehmen gibt, denen das notwendige Kapital nicht durch eine von Habgier, Neid und "Gerechtigkeits"wahn angetriebene Steuergesetzgebung entzogen wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Armut | Reichtum
Service