Irgendwann wird jemand im Kino sitzen, vielleicht eine Popcorntüte mit Loch neben sich. In der Tüte steckt eine Kamera. Durch das Loch richtet er das Objektiv auf die Leinwand. Er drückt auf »Record«, und die Kamera läuft, bis der Abspann erscheint. So wird er Stefan Arndt seinen Film wegnehmen.

Das ist es, wovor Arndt jetzt Angst hat.

Ein Nachmittag Anfang August 2012. Arndt sitzt am Schreibtisch seines Berliner Büros, hinter ihm stehen goldene Trophäen. Der Deutsche Filmpreis für Lola rennt, für Good Bye, Lenin!, für Das weiße Band.

Stefan Arndt, 51, ist Filmproduzent, Miteigentümer der Firma X-Filme. Er streicht seine schütteren Haare zurück, erhebt sich schwer aus dem Stuhl und fragt: »Whisky?«

Dann lacht er und ruft seiner Assistentin zu: »Bianca, bringst du uns zwei Cappuccino?«

Die Filme, die Arndt bisher auf den Markt gebracht hat, haben meist etwa zwei Millionen Euro gekostet, manchmal fünf, einmal waren es zwölf. Kleinkram gegen den Film, den er jetzt gemacht hat.

Er heißt Cloud Atlas. Er basiert auf einem Roman des britischen Schriftstellers David Mitchell. Die Amerikaner Lana und Andy Wachowski, Schöpfer der Science-Fiction-Trilogie Matrix, und der Deutsche Tom Tykwer, Regisseur von Lola rennt und Das Parfum, führten Regie. Die Oscar-Preisträger Tom Hanks und Halle Berry spielten die Hauptrollen.

100 Millionen Euro hat die Produktion von Cloud Atlas gekostet. Die Dreharbeiten fanden größtenteils im Studio Babelsberg in Potsdam statt. Dazu kommen noch einmal etwa 100 Millionen für Werbung und Vertrieb. Es ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten.
Stefan Arndt benötigte zwei Jahre und 174 Verträge, bis er das Geld beisammenhatte. Er lieh sich die Millionen bei russischen Oligarchen und einem reichen Chinesen, die Deutsche Filmförderung und die ARD gaben etwas dazu, eine Schweizer Bank stieg ein, eine Investorin während der Dreharbeiten wieder aus, die Absage kam per SMS. Damit das Projekt nicht platzte, steckte Arndt sein eigenes Geld in den Film.

Das Geschäftsmodell eines Filmproduzenten ist schnell beschrieben: Er schafft die Millionen her, die der Film kostet, bringt ihn auf den Markt, kassiert die Einnahmen, begleicht Schulden und Zinsen, und was am Ende übrig bleibt, gehört ihm.

Wenn etwas übrig bleibt.

Früher hing das vor allem davon ab, ob der Film beim Publikum ankam. Mochten die Leute ihn nicht, wurde der Produzent arm. Gefiel er ihnen, machte der Produzent Gewinn. Er zeigte seinen Film erst im Kino, dann brachte er ihn als DVD heraus, schließlich verkaufte er ihn ans Fernsehen. Er hatte Zeit. Die Zeit brachte das Geld.

Heute kann es passieren, dass die Zuschauer Cloud Atlas lieben oder mit der Zeit lieben lernen und Arndt trotzdem umsonst arbeitet. Weil irgendjemand den Film heimlich kopiert und ins Internet stellt. Er wird womöglich tausendfach heruntergeladen, millionenfach angesehen. Es kann dann passieren, dass kaum jemand noch die DVD kauft, dass kein Fernsehsender noch viel Geld dafür bezahlt, dass er den Film zeigen kann. Dann macht Stefan Arndt Verlust, egal, wie lange er den Film vermarktet.
Internetpiraten könnten ihm seinen Film stehlen. Das ist die Gefahr.

»Kann sein, dass wir daran pleitegehen«, sagt Stefan Arndt an jenem Nachmittag Anfang August 2012.

Zwei Wochen später sitzt Steffen Schuchhardt im Nachmittagszug von Berlin nach Leipzig, zweiter Klasse. Neben ihm liegt der Film, das 100-Millionen-Euro-Werk, gespeichert auf einer Festplatte, gebettet auf Schaumstoff, eingepackt in einen schwarzen Koffer.

Schuchhardt, 34, ist Angestellter von X-Filme. Eigentlich komponiert er Musik, aber weil er davon nicht leben kann, arbeitet er seit Jahren beim Film. Er war Fahrer am Set von Der Vorleser und Tage des Zorns.