Berlinale 2013Hinaus ins Offene!

Endlich wagt das deutsche Kino den Aufbruch aus der heimatlichen Enge. Von der Berlinale berichtet Katja Nicodemus. von 

Wenn der Schauspieler Lars Rudolph in der tiefsten Wildnis Nordamerikas zum Banjo greift und in Thomas Arslans Western Gold ein altes Volkslied anstimmt, dann hat das deutsche Kino wieder einmal in der größten Ferne zu sich gefunden: "Nun ade, du mein lieb Heimatland." Seit einer ganzen Weile schon begibt sich dieses Kino auf Reisen. Nicht als Selbstfindungstrip, der die Helden zueinander oder in die eigenen Seelenwindungen führt, nicht als Roadmovie, an dessen Ende alle Konflikte am Meer sanft im Sonnenuntergang zerfließen. Nein, die deutschen Filme ziehen in die Fremde, stellen sich der Fremde – und bleiben.

Vor zwei Jahren erzählte Ulrich Köhler in seinem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag Schlafkrankheit von einem deutschen Entwicklungshelfer in Kamerun, der sich verliert zwischen der Heimat, in die er nicht mehr gehört, und einem Kontinent, der ihm fremd bleibt. Auf den letztjährigen Filmfestspielen zeigte Matthias Glasners Gnade Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel als Auswanderer, die in der Eislandschaft Norwegens an einer schweren Schuld zu tragen haben – und erlöst werden. In diesem Jahr geht die Reise weiter, mit zwei deutschen Produktionen, die quer über die Kontinente blicken: Pia Marais, die in Berlin lebende Tochter eines Südafrikaners und einer Schwedin, hat einen in Kapstadt spielenden Thriller gedreht und der deutsch-türkische Regisseur Thomas Arslan einen Film über deutsche Goldsucher in Nordkanada. Willkommen in der Welt der globalisierten Biografien!

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"Diese alten Fotos von Deutschen, die nichts hatten und nichts verlieren konnten"

Und in einem deutschen Western! Wie kommt man zu diesem Genre, das es im hiesigen Kino nicht weit gebracht hat, jenseits von ostdeutschen Indianerabenteuern, westdeutschen Karl-May-Verfilmungen und Potato Fritz mit Hardy Krüger und Paul Breitner? Im Antiquariat, beim Stöbern in Fotobänden, sei er auf historische Aufnahmen von deutschen Pionieren und Goldsuchern gestoßen, sagt Thomas Arslan beim Frühstück in einem Restaurant in Berlin-Kreuzberg. "Diese Bilder haben mich nicht mehr losgelassen, diese Gesichter, diese alten Fotos von Deutschen, die nichts hatten und nichts verlieren konnten." Er begann zu recherchieren, las Tagebuchaufzeichnungen, wühlte sich in ein fast vergessenes Kapitel der deutschen Geschichte hinein.

In Gold spielt Nina Hoss das ehemalige Dienstmädchen Emily Meyer, das sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit einer kleinen Gruppe von Auswanderern 1.500 Kilometer durch die kanadische Wildnis schlägt, um nach Dawson zur Mündung des Klondike zu kommen. Erstaunlicherweise ist die Tatsache, dass zwischen 1830 und 1900 Millionen von Deutschen aus bitterer Armut ihr Glück in der Ferne suchten, erst jetzt, mit Gold, ins heimische Kinobewusstsein gedrungen. Es habe schon einen Reiz, in einem Land, das sich von Einwanderern heute eher belästigt fühle, von deutschen Auswanderern zu erzählen, sagt Arslan. Das passe nicht so recht ins Muster der Geschichtsschreibung.

Arslans Protagonisten sind ständig in Bewegung

Arslan, Jahrgang 1962, wurde in Braunschweig geboren, besuchte die Grundschule in Istanbul und zog dann mit seinen Eltern nach Berlin. Hier drehte er Geschwister, Dealer und Der schöne Tag, eine Trilogie von Berlin-Filmen, die sich mit präziser Gelassenheit auf den Lebensrhythmus ihrer Helden einlassen. Komplizenhaft folgt die Kamera etwa in Geschwister den Brüdern Erol und Ahmed auf ihren Wegen durch Berlin-Kreuzberg. Die Gänge durch den Kiez werden zum Ausdruck eines nicht mehr als deutsch, türkisch oder deutsch-türkisch definierbaren "cruisenden" Lebensgefühls. Auch in seinem neuen Film sind Arslans Gold- und Glückssucher ständig in Bewegung, zu Fuß und zu Pferd durch Gestrüpp und endlose Wälder. An den Tagebuchaufzeichnungen der deutschen Pioniere interessierten ihn vor allem die Details der langen Reise. "Die Mühsal des Sattelpackens, das Zeltaufbauen, die Stürze und Verletzungen. Und weil man nicht richtig vorwärtskommt, verkehrt sich die panoramische Weite, die am Anfang noch ein Versprechen ist, ins Gegenteil und wird klaustrophobisch."

Kein Zweifel, Gold, auf Deutsch gedreht von einem deutschen Regisseur und produziert von einer Berliner Produktionsfirma, ist ein deutscher Film. Aber wie steht es mit dem zweiten Wettbewerbsbeitrag, dem Thriller Layla Fourie, der in der Nähe von Kapstadt auf Afrikaans entstand? Und was ist überhaupt das Deutsche am aktuellen deutschen Kino? Tatsächlich kann man fragen, ob sich in den Zeiten einer globalisierten Filmproduktion auf Dauer überhaupt noch nationale Kinoidentitäten erhalten können. Gerade wurde die französisch-österreichisch-deutsche Co-Produktion Liebe, von Michael Haneke auf Französisch gedreht, für fünf Oscars nominiert. Und Cloud Atlas, die englischsprachige Literaturverfilmung von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern, produziert von der Berliner Firma X-Filme, erscheint in der Vorauswahl zum deutschen Filmpreis.

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