Baden-Württemberg wählte Grün, und auch die Landeskapitale Stuttgart mit ihren 600.000 Einwohnern wählte Grün, nachdem die halbe Stadt aufgestanden war gegen ein monströses Bauprojekt. Es weht ein Wind aus Südwesten, der selbst im Berliner Muff zu spüren ist, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse fährt’s schon in den Bart. Wird aus der Berliner Republik jetzt die Stuttgarter Republik? Wer weiß, manches spricht dafür.

Das übliche "Schwaben"-Ressentiment will davon natürlich nichts wissen. Es kann frischen Wind und Moderne nicht mit Stuttgart zusammenbekommen. Und doch gehörte die Stadt in den zwanziger Jahren zu den Zentren der Avantgarde in Deutschland. Just 1921/22, als der neue (inzwischen wohl gerettete) Bahnhof fertig ist, steckt Stuttgart mitten in einem großen kulturellen und politischen Um- und Aufbruch. Während der schillernden Roaring Twenties herrscht hier ein besonderes Lebensgefühl und ein entschiedener Drang, alles Alte umzukrempeln und neu zu machen.

Dabei verläuft der Übergang von der Monarchie zur Republik noch recht unspektakulär. Am 9. November 1918 besetzen Arbeiter das Palais des württembergischen Königs Wilhelm II., der kurz darauf abdankt. Die SPD verabschiedet ihn mit dem Lob, anders als sein preußischer Namensvetter habe er stets eine "mustergültige konstitutionelle Haltung" eingenommen. Auf die 112-jährige Monarchie – errichtet einst von Napoleons Gnaden – folgt der Volksstaat Württemberg. Eine überwältigende Mehrheit von über 80 Prozent der Männer und (erstmals) der Frauen des Landes stimmt am 12. Januar 1919 für eine "Weimarer Koalition" aus SPD, Linksliberalen und katholischem Zentrum unter Führung des sozialdemokratischen Staatspräsidenten Wilhelm Blos.

Die Republik bekommt Stuttgart gut. Die Stadt wächst in diesen Jahren bis 1933, auch durch Eingemeindungen, auf mehr als 400.000 Einwohner. Und die Kunst erblüht. Noch in den letzten Tagen des Königreiches hat sich in der Akademie der Bildenden Künste um den abstrakten Maler Adolf Hölzel eine Künstlergruppe gesammelt. Der Hölzel-Kreis zählt neben dem Blauen Reiter in München und der Dresdner Brücke zu den Begründern der Moderne in Deutschland. Künstler wie Oskar Schlemmer, Willi Baumeister, Johannes Itten, Ida Kergovius und später Max Ackermann gehören dazu.

Schlemmer und sein Freund Baumeister schließen sich einer Gruppe von Bohemiens an, die seit 1918 regelmäßig mit Journalisten, Architekten und weiteren Künstlern zusammenkommt. Hier "wurde viel gelärmt, diskutiert und Unfug getrieben", erinnerte sich Baumeister später. Auch in der Üecht-Gruppe (nach dem althochdeutschen Wort "üecht" für Morgendämmerung) ist das Duo Schlemmer/Baumeister rührig. Gleich im Oktober 1919 gelingt der Gruppe eine viel besuchte Ausstellung im Kunstgebäude am Schlossplatz, in der sie neben Werken von Franz Marc und Paul Klee auch Bilder von Georges Braque und Marc Chagall zeigt. Die Münchner Avantgarde-Zeitschrift Der Ararat preist die Üechtler in schrillen Tönen: "Deutscher Problemwille und französische Malkultur in fühlbarer, vielleicht ungewohnter Zusammenschweißung."

In der "Bruderschaft der Vagabunden" sammeln sich derweil politische Anarchisten, Maler, Dichter und Wanderprediger. Ihr Organ ist die Zeitschrift Der Kunde, die der Stuttgarter Anarchist Gregor Gog herausbringt. Die erste Waldorfschule für die Kinder von Arbeitern aus der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik öffnet 1919 ihre Pforten. Und auch die bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Waldheimbewegung – eine Initiative der Arbeitervereine – nimmt Fahrt auf. Man kauft in etlichen Vierteln der Stadt Anteile an Wald- und Grünflächen und stattet sie mit Schutzhütten, Rasenflächen und Spielplätzen aus. In den zwanziger Jahren verbringen hier Arbeiterkinder die Ferien, werden politische Kundgebungen abgehalten, Laientheater zeigen ihre Stücke. Noch heute sind diese Plätze im Sommer beliebte Ausflugsziele.