Deutsche GeschichteStuttgart 1921

Frischer Wind aus Schwabenland! Das ist nicht neu – das war schon in den zwanziger Jahren so, als in Württembergs Hauptstadt die Avantgarde tobte und die Republik gelebt wurde. von Jörg Schweigard

Weißenhof Soedlung

Ein Wohnblock, entworfen von Ludwig Mies van der Rohe für die Stuttgarter Weißenhof-Siedlung im Jahr 1927  |  © Joan Woollcombe Collection/Getty Images

Baden-Württemberg wählte Grün, und auch die Landeskapitale Stuttgart mit ihren 600.000 Einwohnern wählte Grün, nachdem die halbe Stadt aufgestanden war gegen ein monströses Bauprojekt. Es weht ein Wind aus Südwesten, der selbst im Berliner Muff zu spüren ist, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse fährt’s schon in den Bart. Wird aus der Berliner Republik jetzt die Stuttgarter Republik? Wer weiß, manches spricht dafür.

Das übliche "Schwaben"-Ressentiment will davon natürlich nichts wissen. Es kann frischen Wind und Moderne nicht mit Stuttgart zusammenbekommen. Und doch gehörte die Stadt in den zwanziger Jahren zu den Zentren der Avantgarde in Deutschland. Just 1921/22, als der neue (inzwischen wohl gerettete) Bahnhof fertig ist, steckt Stuttgart mitten in einem großen kulturellen und politischen Um- und Aufbruch. Während der schillernden Roaring Twenties herrscht hier ein besonderes Lebensgefühl und ein entschiedener Drang, alles Alte umzukrempeln und neu zu machen.

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Dabei verläuft der Übergang von der Monarchie zur Republik noch recht unspektakulär. Am 9. November 1918 besetzen Arbeiter das Palais des württembergischen Königs Wilhelm II., der kurz darauf abdankt. Die SPD verabschiedet ihn mit dem Lob, anders als sein preußischer Namensvetter habe er stets eine "mustergültige konstitutionelle Haltung" eingenommen. Auf die 112-jährige Monarchie – errichtet einst von Napoleons Gnaden – folgt der Volksstaat Württemberg. Eine überwältigende Mehrheit von über 80 Prozent der Männer und (erstmals) der Frauen des Landes stimmt am 12. Januar 1919 für eine "Weimarer Koalition" aus SPD, Linksliberalen und katholischem Zentrum unter Führung des sozialdemokratischen Staatspräsidenten Wilhelm Blos.

Jörg Schweigard

Der Autor ist Historiker und Journalist. Er lebt in Stuttgart.

Die Republik bekommt Stuttgart gut. Die Stadt wächst in diesen Jahren bis 1933, auch durch Eingemeindungen, auf mehr als 400.000 Einwohner. Und die Kunst erblüht. Noch in den letzten Tagen des Königreiches hat sich in der Akademie der Bildenden Künste um den abstrakten Maler Adolf Hölzel eine Künstlergruppe gesammelt. Der Hölzel-Kreis zählt neben dem Blauen Reiter in München und der Dresdner Brücke zu den Begründern der Moderne in Deutschland. Künstler wie Oskar Schlemmer, Willi Baumeister, Johannes Itten, Ida Kergovius und später Max Ackermann gehören dazu.

Schlemmer und sein Freund Baumeister schließen sich einer Gruppe von Bohemiens an, die seit 1918 regelmäßig mit Journalisten, Architekten und weiteren Künstlern zusammenkommt. Hier "wurde viel gelärmt, diskutiert und Unfug getrieben", erinnerte sich Baumeister später. Auch in der Üecht-Gruppe (nach dem althochdeutschen Wort "üecht" für Morgendämmerung) ist das Duo Schlemmer/Baumeister rührig. Gleich im Oktober 1919 gelingt der Gruppe eine viel besuchte Ausstellung im Kunstgebäude am Schlossplatz, in der sie neben Werken von Franz Marc und Paul Klee auch Bilder von Georges Braque und Marc Chagall zeigt. Die Münchner Avantgarde-Zeitschrift Der Ararat preist die Üechtler in schrillen Tönen: "Deutscher Problemwille und französische Malkultur in fühlbarer, vielleicht ungewohnter Zusammenschweißung."

In der "Bruderschaft der Vagabunden" sammeln sich derweil politische Anarchisten, Maler, Dichter und Wanderprediger. Ihr Organ ist die Zeitschrift Der Kunde, die der Stuttgarter Anarchist Gregor Gog herausbringt. Die erste Waldorfschule für die Kinder von Arbeitern aus der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik öffnet 1919 ihre Pforten. Und auch die bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Waldheimbewegung – eine Initiative der Arbeitervereine – nimmt Fahrt auf. Man kauft in etlichen Vierteln der Stadt Anteile an Wald- und Grünflächen und stattet sie mit Schutzhütten, Rasenflächen und Spielplätzen aus. In den zwanziger Jahren verbringen hier Arbeiterkinder die Ferien, werden politische Kundgebungen abgehalten, Laientheater zeigen ihre Stücke. Noch heute sind diese Plätze im Sommer beliebte Ausflugsziele.

Leserkommentare
  1. Das gab es in den 20er Jahren fast überall, da hat Stuttgart wenig dafür gekonnt.
    Diese spät gewordene und früh wieder eingeschlafene Stadt, die quasi im Kielwasser der Autoindustrie schwimmt kann man gern mit der Weißenhofsiedlung vergleichen. War mal kurz kühn und wird mittlerweile nur nach von echten Fans der "Wohnmaschine" für ein taugliches Konzept gehalten und ist dabei doch nur noch erstarrte Vergangenheit in billiger Formensprache, deren Bewohner vom allkonservierenden Denkmalschutz gequält sind.

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  2. So schön der geschichtliche Teil dieses Artikel ist, ich tue mir schon etwas schwer, wenn hier die schwäbischen Grünenwähler und das Aufbegehren gegen ein Bahnhofsprojekt als Symbol für den Fortschritt gehandelt werden. Vor allem, weil ich diese Menschen aus meinem persönlichen Bekanntenkreis kenne. Das ist z.B. der "kritische" Ingenieur Ende 50, der in Frührente gegangen ist. Der Gymnasiallehrer, den es nach 20 Jahren Bürgerlichkeit mal wieder in den Fingern juckt und die wohlhabende Stuttgarter Witwe, die sich in der Halbhöhenlage über die Baustelle ärgert.
    Alles freundliche und sympathische ältere Menschen, gebildet, in der Regel aber nicht besonders politisch.

    Wenn der Autor diese Menschen aus der Ferne, wegen seiner Sympathie für die Grünen oder aus melancholischer Sehnsucht zur "linken Avantgarde" idealisiert, dann muss ich ihn leider enttäuschen: Stuttgarter Stadtgespräche handeln immer noch von der "Preisinflation" bei der Brezel und vom Nachbarn, der die Kehrwoche nicht ordentlich macht.

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    • Medley
    • 14. Februar 2013 23:31 Uhr

    Also, wer Grün wählt -und das auch in Schwaben, Baden und Württemberg- der will im Kern, daß alles so bleibt wie es ist, bzw. wie er es aus seinen Jugendjahren kennt. Nicht nur räumlich sondern auch geistig. Das Motto der Grünen-Wähler ist ja vielmehr: "Es ist geschafft. Wir haben Karriere gemacht und sind saturiert und nun bitte keine großartigen Veränderungem mehr in unserer gefühlten und gelebten Gemütlichkeit. Alles um unsere inneren und äußeren Reihenhäuser soll ab jetzt nur noch dekoriert schöner, biederer, grüner und sauberer werden und ansonsten bitte kein "Wind of Change" mehr." Sowas nennt man dann im Übrigen auch "Spiessertum".

    • Halapp
    • 14. Februar 2013 13:55 Uhr

    Schade für den einst dynamischen Geist des Landes. Den Zug des Fortschritts führen in Stuttgart neuerdings alte Weiber und Männer an in der Hoffnug, daß ein paar Polizisten presseträchtig nach ihnen spritzen.
    Kretschmann, Hermann, Kuhn wollen den modernen Bahnhof
    kaputtmachen. Wenn er tot ist, werden sie dastehen und fest-
    stellen, daß nichtbauen und endlos trickreich verhindern noch schlimmer ist als bauen.
    Denn ab dem Nichtbautermin sind die drei Verhinderer für
    das Weitere verantwortlich und das wird möglicherweise
    nicht so lustig.
    Zum Glück wurde Stuttgart bei allen Kommunalreformen
    auf einen Kern von 5000 000 Einwohnern beschränkt.
    In den großen Landkreise um Stuttgart (Böblingen, Ludwigsburg, Eßlingen)lebt und wächst die Entwicklung in
    der Region Stuttgart mit 2,5 Mio Einwohner, dort haben die
    Grünen bis jetzt nicht so viel zu sagen.

    2 Leserempfehlungen
    • Halapp
    • 14. Februar 2013 13:59 Uhr
  3. Auch wenn die Avantgarde heute - wenn überhaupt - eher in Berlin als in Stuttgart zuhause ist, bebildern Sie hier die Weißenhof- und nicht die Weißensee-Siedlung. Dann nennen Sie das doch (auch in der BU) bitte so...

    Mit freundlichen Grüßen ans Korrektorat!

    2 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Lieber Leser.

    Danke für den Hinweis. Da habe ich beim Betexten wohl an Weißensee in Berlin gedacht... Es ist nun korrigiert.

  4. 6. @frank

    Ich bin häufig in Stuttgart und kann Ihren Schilderungen nicht folgen:

    "Alles freundliche und sympathische ältere Menschen, gebildet, in der Regel aber nicht besonders politisch.
    ...
    Stuttgarter Stadtgespräche handeln immer noch von der "Preisinflation" bei der Brezel und vom Nachbarn, der die Kehrwoche nicht ordentlich macht."

    Vlt sollten Sie aus Ihrem Bekanntenkreis keine vermeintlich allgemeingültigen Rückschlüsse ziehen wollen.
    V.a. auch, was Ihre Polemik zum Thema "Stadtgespräche" angeht. Schnarch-alte Stereotype zu bedienen gelingt auch ohne die Referenz aus "sympathischen Älteren" - die vlt. auch keine Repräsentanz für Stuttgart sind.

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  5. für diesen informativen Artikel, der fast vergessene Personen und Entwicklungen der Stadtgeschichte wieder aktuell macht.
    Nachdem die 58-jährige Dauerregierung an ihrer eigenen Hybris gescheitert war und sich viele Bürger bahnverkehrs- und preistechnisch schlau machten, merkte man, dass die Verhältnisse doch nicht in Stein gemeißelt sind. Und dass manche vormalige Lichtgestalten eher Dunkelmänner waren. Ich hoffe jedenfalls, dass die Zeiten von „ihr wählt uns, wir machen das dann schon“ vorbei sind.

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  6. das stimmt so nicht, zumindest nicht life. Das einzige Mal, als Hitler in Stuttgart redete hat man das Stromkabel gekappt und Schluss wars mit der Rede. Hitler kam dann nicht mehr nach Stuttgart.

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