Bisher war es für die meisten indischen Frauen unmöglich, überhaupt über ihr Sexualleben zu reden. Zu groß war die Angst, von der Männer- und Medienwelt als "leichte Mädchen" eingestuft zu werden. Sie hätten damit den Ruf ihrer Familie beschädigt und einen Bruch mit sämtlichen Verwandten riskiert. Auch deshalb sind Mütter und Großmütter oft die Ersten, die Misshandlungen und Vergewaltigungen in der Familie vertuschen.

Erst die Booker-Preisträgerin Arundhati Roy schaffte es 1996 mit ihrem Roman Der Gott der kleinen Dinge, die alltägliche sexuelle Unterdrückung in Indien zu beschreiben. Der Roman handelt von einer Familie, die an Kindesmissbrauch und verbotener Liebe zerbricht. Doch immer noch, klagt Nanda, würden sexuelle Übergriffe von der indischen Großfamilie als Geheimnis gehütet. "Kein Mann wurde für diese Dinge je belangt – wie mein damaliger Aufseher und mein Onkel", sagt sie.

Als Kind war sie stumm und wehrte sich nicht, doch als Jugendliche entwickelte sie eine Wut auf Männer. Ihre Hausangestellten trat sie mit Füßen, und in der Schule hielt sie sich von Jungen fern. Zwar heiratete sie auf Vermittlung ihrer Eltern und bekam eine Tochter: "Doch ich habe in meinem Leben auf alle sexuellen Freuden verzichtet und sie auch meinem Mann vorenthalten. Ich kam über die Vergangenheit einfach nicht hinweg."

Umso klarer erkennt die Politologin heute die Ursachen ihrer traumatischen Kindheitserlebnisse. Sie war die Tochter eines hohen, von der Zentralregierung entsandten Regierungsbeamten in der Provinz. Das stattliche Anwesen der Familie war Treffpunkt der Verwandtschaft. Ständig waren Onkel und Tanten zu Besuch, Mutter und Vater kümmerten sich um die Gäste, Bedienstete kreisten um sie herum.

In den vier Wänden der Großfamilie herrschte eine gewisse sexuelle Freizügigkeit. Als Kind nahm Nanda wahr, wie Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen regelmäßig zusammen ins Schlafzimmer gingen. Für sie waren sexuelle Beziehungen innerhalb der Familie die einzige Möglichkeit, vor der Ehe ein Sexualleben zu führen. Nicht alles geschah gegen den Willen der Frauen. "Ich erinnere mich an dramatische Trennungsszenen in unserem Haus, wenn wieder eine Tante oder ein Onkel wegziehen und heiraten musste", erzählt Nanda.

Dennoch waren meist die Frauen die Leidtragenden. "Keiner der Männer musste sich sorgen, eine Frau zu schwängern – die Familie würde es schon decken", sagt Nanda. Zur Not auch stillschweigend per Abtreibung. Selbst das Dienstpersonal hatte kaum etwas zu befürchten. "Die Hausangestellten machten es unseren Verwandten nach", so Nanda. Nach außen hin wurde peinlich darauf geachtet, einen Anschein von Sitte und Anstand zu wahren. Nie hätten sich die Eltern vor Kindern oder Gästen berührt. "Das Liebesleben in der arrangierten Ehe ist oft trostlos. Indische Männerfantasien beginnen meistens bei der Ehefrau des Bruders", erklärt Nanda.

Quer durch alle Kasten verstehen sich indische Familien als Bollwerk gegen Individualisierung und Verwestlichung. Auch heute noch gelten Liebesehen als unzuverlässig, und vorehelicher Sex wird nur in kleinen Teilen der Oberschicht toleriert. Frauen, die in eine unpassende Kaste einheiraten, droht nicht selten der Ehrenmord durch Angehörige. Die Polizei verhält sich oft komplizenhaft, weil sie nicht interveniert und solche Taten als Familienangelegenheit betrachtet. Die meisten Ehen im heutigen Indien werden arrangiert. Die Scheidungsrate ist wegen des immensen Drucks der Familien niedrig. Politik und Gesellschaft feiern das als Erfolg indischer Tradition.

Die dunkle Seite dieser Tradition ist eine tabuisierte Vergewaltigungskultur in den Familien, die jetzt erst an die Öffentlichkeit kommt. "80 Prozent aller Vergewaltigungen finden zu Hause statt", sagt Nanda. Kein Wunder: Das indische Recht sieht für Vergewaltigung in der Ehe keine Strafe vor. Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Ehemann seinem Bruder die eigene Frau zum Sex anbietet. Auf der Strecke bleiben romantische Liebe und sexuelle Selbstbestimmung. Professorin Nanda hat am eigenen Leib die Vergiftung der Geschlechterverhältnisse in den indischen Familien erlebt.

Als sie den Studentinnen ihre Geschichte erzählt, sind sie erst ganz still. "Es ist schwer, als Frau Gewalt zu ertragen und darüber zu reden. Aber wir müssen reden!", fleht sie zum Schluss. Nanda ist bekannt geworden durch ihre Kampagne gegen die Abtreibung von weiblichen Föten. Wenn sie nun wie derzeit viele andere Aktivistinnen im Land gegen die Vergewaltigungskultur kämpft, ist das nur eine andere Form des gleichen Kampfes gegen Frauenhass.