Sexueller Missbrauch : Der Onkel kam davon
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"Wir müssen mit unserer Kritik raus aus der Uni!"

Nach einer Weile brechen die ersten Studentinnen im Hörsaal ihr Schweigen. Sie sind 18 bis 20 Jahre alt. Eine erzählt, wie sie von ihrem Lehrer im Internatszimmer beinah vergewaltigt wurde und sich danach vor allen versteckte. "Wenn das mein zukünftiger Ehemann wüsste", sagt sie bitter. Eine andere erzählt, dass ihre Schwester von ihrem Cousin vergewaltigt wurde und sich seither völlig verschlossen hat. Eine Dritte erzählt von einem Nachhilfelehrer, der ihr immer wieder unter die Bluse fasste.

"Die meisten Leute würden uns für verrückt halten, wenn sie uns zuhören könnten", sagt Nanda, "aber das ist ja eben das Problem." Dann erzählt sie, wie sie einmal im Audimax der Uni neben einem berühmten Professor saß und der sie während einer Veranstaltung gegen ihren Willen streichelte. Sie stand auf und beschuldigte ihn vor versammeltem Publikum. Anschließend bekam sie viel Zuspruch von anderen Frauen.

Die Vorlesung ist zu Ende. Die Studentinnen im Hörsaal springen auf, einige klatschen, andere drängen zu ihrer Professorin. Erst nach einigen Minuten verlassen die Ersten den Saal.

Am Nachmittag aber ist Nanda wieder allein: Als Vorsitzende des Beschwerdekomitees ihrer Uni für sexuelle Belästigungen gibt sie auf der nahen Polizeistation eine Anzeige auf.

Zwei Polizistinnen und ein Polizist behandeln sie freundlich. Noch am gleichen Tag kommt es zu einer Ladung des Beschuldigten. Doch weder die klagende Studentin noch eine ihrer Kommilitoninnen wollen Nanda beim erneuten Gang zur Polizei begleiten.

Die Professorin bittet sie eindringlich darum. "Wir müssen mit unserer Kritik raus aus der Uni!", sagt Nanda. Doch die jungen Frauen fürchten auch den geringsten Anlass, der ihren Namen mit einer sexuellen Belästigung in der Öffentlichkeit in Verbindung bringen könnte. Selbst als Zeuginnen wären sie in den Augen vieler beschmutzt und entehrt.

Nanda hat diese Ängste abgelegt. In ihrer Gegenwart kassiert der Beschuldigte herbe Kritik und einen schriftlichen Verweis der Polizei.

Etwas hat sich geändert, seit sie von sich erzählt hat. Die Zeit des Schweigens ist vorbei.

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Kommentare

38 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

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Klar, niemand will mehr von Sexismusdebatte hierzulande hören. Oder dass irgendwelchen fremden Frauen aus weit entfernten Ländern nach einem Rudelfick, sie müssen aber im Koma liegen oder tot sein, nicht nur 10 sondern jetzt 20 Jahre Freiheitsentzug drohen.

Finden Sie? Ich finde gerade diese Entwicklung äußerst berichtenswert, insbesondere, wenn man bedenkt, welches Ereignis hierzulande eigentlich überhaupt erst die Sexismusdebatte angestoßen hat (auch wenn das eine das andere nicht besser macht).

Bitte

Das kann kein Mensch nachvollziehen. Kapitalisten sehen natürlich als Humankapital.
Hier geht es um den unerlaubten Eingriff in die menschliche Sexualität und die Privatsphäre- in die sexuelle Eigenständigkeit.
Welches (.....) will sich einbilden, auch nur im Ansatz zu bestimmen, was man/Mann Frau sich da gegen seinen/ihren Willen gefallen lassen soll-muß-darf?
Lesen Sie die Verfassung. Das bildet ungemein.

Das geht

wohl an dem allgeminen Verständnis vorbei, dass man Menschen nicht als Mittel gebrauchen, sondern nur als Zweck ansehen darf. (I. Kant) - was auch absolut richtig ist!
Wenn es sich aber um einvernehmliche Handlungen dreht, verstehe ich Ihre Argumentation absolut - man gebraucht sich sozusagen gegenseitig zur Triebbefriedigung.
Und baut dann ein großes romantisches Etwas drumherum, damit es nicht ganz so primitiv wirkt, weil eben auch einvernehmlicher Sex meistens nicht so romantisch ist, wie wir das durch Ehe und andere gesellschaftliche Institutionen suggeriert bekommen :)

manchmal

muss man aber lange argumentieren, um wirklich differenziert zu urteilen. Und um sich darüber klar zu werden, dass es neben unseren allgemeinen gesellschaftlichen Vorstellungen auch differenzierte Analysen und Begründungen gibt, aufgrund derer wir urteilen.
Dazu gehört zum Beispiel die marx'sche Erkenntnis, dass der freiwillige, einvernehmliche Verkauf unserer Arbeitskraft uns auch zu Teilen des Humankapitals macht. Und unter Umständen zwei erwachsenen Partner sich gegenseitig zum Sex-Objekt machen. Objekt wie Sache.