Eliteschule : Salem verpflichtet

Durch ein Stipendium kam Andro aus Bulgarien an die Eliteschule am Bodensee – wie fühlt er sich unter all den Reichen?

Manchmal, wenn Andro Mathewson zurück in seiner Heimat ist, dann fragen ihn seine Freunde: Sag mal, wie fühlst du dich denn eigentlich so in Deutschland, unter all den Reichen? Die Heimat von Andro Mathewson ist Plovdiv, die zweitgrößte Stadt in Bulgarien, einem Land, in dem die Menschen durchschnittlich 325 Euro im Monat verdienen. Und Deutschland, das ist für seine Freunde die Schule Schloss Salem – das Internat am Bodensee mit großem Renommee, an das Unternehmer und Adelige gern ihre Söhne und Töchter schicken. Ein Platz kostet hier 34.680 Euro im Jahr. Geld, das Andros Eltern, zwei Englischlehrer, nicht aufbringen können – und dennoch wohnt Andro zur Überraschung und zum Stolz seiner Freunde jetzt dort, und zwar seit mittlerweile zwei Jahren.

"Irgendwie habe ich in meinem Leben bislang viel Glück gehabt", sagt Andro, ein höflicher, schmaler 17-Jähriger mit blonden Haaren. Er sitzt im Foyer der Oberstufe, spricht leise, fasst sich knapp und senkt nach seinen Sätzen oft den Blick. Vielleicht will er keine Fehler machen, weil der Pressesprecher des Internats neben ihm sitzt. Geschichten wie die von Andro sind für Internate wie Salem wichtig – um das Bild als Internat der Kinder reicher Eltern zurechtzurücken und zu signalisieren: Wir sind offen für alle.

Denn auch Andro kommt es im Rückblick irgendwie einfach vor: Um in Salem einen internationalen Abschluss machen zu können, hat er sich um ein Stipendium beworben – und es bekommen. Rund 20 dieser Förderungen vergibt das Internat pro Jahr, 125 der 620 Schüler sind Stipendiaten. Wer beim Auswahltest überzeugt, dem werden 6.000 Euro Schulgeld erlassen. Vom Einkommen der Eltern hängen dann weitere Reduzierungen ab. Einen gewissen Eigenanteil von einigen hundert Euro müssen die Familien, sollte es sich nicht um absolute Härtefälle handeln, allerdings immer bezahlen. Die Bewerber schreckt das nicht: Über 100 Interessierte melden sich bei jeder Auswahlrunde. Ihr Motiv? "Die Stipendiaten wollen etwas leisten", sagt Gesa Meyer-Wiefhausen, die Leiterin des Stipendienwesens. "Und sie hoffen, dass sie sich bei uns, mit den Chancen und Möglichkeiten, die Salem bietet, gut entwickeln können."

In den Ferien geht Andro kellnern, seine Mitschüler haben das nicht nötig

Das wollte auch Andro. In seiner Freizeit spielte er Klavier und Fußball, er war begabt und hätte Profi-Kicker werden können, doch er hatte einen anderen Traum: "Ich möchte nach der Schule im Ausland an einer guten Universität studieren. Mit einem bulgarischen Abschluss ist das kaum möglich." Seine Eltern schlugen vor: Wie wäre es mit Gordonstoun, dem berühmten schottischen Privatinternat? Andros Großvater hatte dort als Chemielehrer gearbeitet, und seine Großmutter war mal für zwei Wochen die Sekretärin von Kurt Hahn gewesen, dem Reformpädagogen, der zuvor die Schule Schloss Salem gegründet hatte. Andro informierte sich über Hahns Konzept und war begeistert: Doch nicht Gordonstoun, sondern Salem sollte es sein – Englisch konnte er ja schließlich schon, und Deutsch, das wollte er lernen.

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