Die Männer vom Einsatzkommando stehen im Karlsruher Hotel Berliner Hof beisammen – neun Zollfahnder und sechs Kriminalbeamte. Ein letztes Mal besprechen sie den geplanten Zugriff am nächsten Morgen. Nichts darf schiefgehen. Der Einsatzbefehl ist schnörkellos – und klar: Es kann gefährlich werden. Die Eigensicherung, heißt es, habe absoluten Vorrang.

Die Fahnder sollen den zuständigen Staatsanwalt um acht Uhr am Hauptbahnhof abholen. Dann sollen sie den Beschuldigten, einen 54-jährigen Deutschiraner, festnehmen, die beiden Firmensitze und das Privathaus des Mannes durchsuchen, damit keine Beweismittel beiseitegeschafft werden können. Vor allem aber, so der Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim, sollen die Ermittler einen Flugmotor des Herstellers Limbach beschlagnahmen. Einen Motor, der entweder in ein Ultraleichtflugzeug eingebaut werden kann – oder in eine Drohne.

Sechs Wochen ist das jetzt her, die Razzia lief wie geplant: 24 Stunden nach dem Einsatz saß Mahmood E. in Untersuchungshaft in Mannheim. Dort sitzt er bis heute, nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft Mannheim besteht Fluchtgefahr.

Über seinen Anwalt lässt Mahmood E. seine Geschichte wie folgt erzählen: Er lebe seit 40 Jahren in Deutschland, habe hier studiert, sei mit einer deutschen Frau verheiratet, mit der er einen Sohn habe. Zur Klärung einer Erbschaft sei er vor wenigen Jahren in den Iran gereist. Dort sei er – vermutlich von einem Geheimdienstbeamten – eines Tages in eine staatliche iranische Firma gebracht worden. Bei dieser Gelegenheit habe man ihm erklärt, was man künftig von ihm erwarte und was seine im Iran lebende Schwester, sein Schwager, die Neffen und Nichten zu erwarten hätten, sollte er nicht kooperieren.

Nach Angaben der Ermittler soll der Ingenieur seit April 2010 von Deutschland aus unter anderem Satellitentechnik in den Iran geliefert haben. Mithilfe dieser Technik könnte der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad sein Raketenprogramm ausweiten, die Luftabwehr stärken, Truppenbewegungen im In- und Ausland beobachten. Deshalb hat die Bundesregierung den Export solcher Geräte verboten.

Die Embargopolitik ist Teil des internationalen Drucks, der Teheran von seinen Nuklearplänen abbringen soll. »Wir werden verhindern, dass der Iran eine Atomwaffe bekommt«, bekräftigte US-Vizepräsident Joe Biden erst kürzlich. Die Botschaft dahinter lautet: Notfalls mit Gewalt. Auf der Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende in München sprach auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle davon, dass 2013 »das entscheidende Jahr« im Nuklearstreit mit dem Iran sein werde.

Fälle wie der von Mahmood E. zeigen, dass die Bundesregierung trotz verschärfter Embargopolitik die Lieferung von deutscher Technik in den Iran nur schwer kontrollieren kann. Die Sanktionen werden verschärft – und doch nimmt der Export ständig zu. Allein im vergangenen Jahr führte der Zoll laut einer internen Statistik, die der ZEIT vorliegt, 136 Ermittlungsverfahren wegen Embargoverstößen durch – so viele wie nie zuvor, 26 mehr als noch im Jahr 2010. Die meisten Beschuldigten wurden dabei ertappt, illegale Ware von Deutschland in den Iran zu liefern.

Natürlich ließe sich argumentieren, die wachsende Zahl aufgedeckter Fälle sei ein Beweis für die Effektivität der Kontrollen. Faktisch ist jedoch das Gegenteil der Fall. Mehr noch: Der illegale Handel gefährdet die politische Glaubwürdigkeit der Bundesregierung. Ihr Versuch, angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen dem Iran und Israel rüstungsrelevante Exporte an Teheran mit härteren Strafen zu unterbinden, ist augenscheinlich gescheitert.

Noch im Dezember mahnte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Fernsehinterview: »Wir brauchen Stabilität und Sicherheit, gerade der Iran ist eine große Bedrohung.« Bereits 2007 hatte sie versprochen, Deutschland werde alles tun, um sicherzustellen, dass sich die Waffenhändler nicht einfach neue Routen für ihre Waren suchen.