Ägypten : Gottgewollte Gewalt

Die Vergewaltiger von Kairo pflegen eine Kultur der Verachtung. Wo Frauen als minderwertig gelten, darf man sie angeblich auch malträtieren. Ein Gespräch mit der Juristin Seyran Ateș

DIE ZEIT: Frau Ateş, wussten Sie, dass vorige Woche in Kairo in aller Öffentlichkeit etwa zwei Dutzend Frauen vergewaltigt wurden? Am Jahrestag der Revolution fielen auf dem Tahrir-Platz mehrere Pulks von Vergewaltigern über einzelne Demonstrantinnen her. Die UN-Menschenrechtskommissarin verurteilte die Tatenlosigkeit der Polizei, die nicht einschritt, obwohl Hunderte Männer an den Übergriffen beteiligt waren.

Seyran Ateş: Ich habe es in der Zeitung gelesen, aber mich nicht gewundert.

ZEIT: Wie bitte?

Ateş: Weil Vergewaltigung seit Anbeginn der Revolution ein Thema war. Am Tag von Mubaraks Rücktritt etwa vergewaltigten auf dem Tahrir-Platz Dutzende Männer die südafrikanische Kriegsreporterin Lara Logan. Das jetzige Ausmaß der Gewalt ist erschreckend. Aber es gehört zur Logik der Revolution in einer patriarchalen Gesellschaft, dass Frauen rasch wieder rausgedrängt werden müssen aus der Politik. Wir dürfen nicht vergessen: Die Demonstrantinnen opponieren gegen eine Regierung religiöser Fundamentalisten.

ZEIT: Was hat Vergewaltigung denn mit Religion zu tun?

Seyran Ateş

49, ist eine deutsche Juristin türkischer Herkunft. Zuletzt erschien von ihr "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution".

Ateş: Die Geschlechterapartheid ist ein wesentlicher Bestandteil des Weltbildes der Muslimbrüder. Sie glauben, Frauen sind nicht gleichberechtigt, also müssen sie kleingehalten und erniedrigt werden.

ZEIT: Selbsthilfeorganisationen richten nun Internetseiten ein wie harassmap.org, dort kann man per Mail, SMS oder Tweet Alarm schlagen, wenn Übergriffe drohen. Warum tut die Polizei nichts?

Ateş: Weil sie Teil des frauenverachtenden Systems ist. Die ägyptische Bloggerin Mona el-Tahawy wurde während der Revolution von Sicherheitskräften Mubaraks festgenommen und zwölf Stunden misshandelt. Sie beschrieb später die grausamen Methoden in ihrem Blog, der aber seit einigen Wochen nicht mehr existiert. Sie hat sich zurückgezogen. Das ist es, was diese Gewalttäter erreichen wollen.

ZEIT: Aber die ägyptische Revolution galt auch als ein Aufbegehren der Frauen.

Ateş: Eine Freundin aus Kairo schrieb mir Ende Januar 2011, dass sie sich jetzt zum ersten Mal als gleichberechtigter Mensch wertgeschätzt fühle. Plötzlich hielten alle zusammen: Männer mit oder ohne Bart, Frauen mit oder ohne Kopftuch. Sie hoffte, dass die Geschlechtertrennung aufhört. Doch diese Hoffnung währte nicht lange. Als Menschenrechtlerin weiß ich von vielen politisch aktiven Frauen, die auf Polizeiwachen und von Soldaten sexuell erniedrigt wurden.

ZEIT: Mona el-Tahawy schrieb einen Aufsatz mit dem Titel Warum sie uns hassen. Mit "sie" meinte sie die Männer. Warum also der Hass?

Ateş: Weil Verachtung Hass erzeugt.

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Kommentare

193 Kommentare Seite 1 von 15
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Re: 124. Dann hätte Frau Finger sich wohl "..." bedient

"Für die Reglementierung von Sex und die Einrichtung 'kleiner puritanischer Paradiesgärtchen vor der eigenen Haustür' setzt sich meines Wissens bei uns eher die RKK ein und nicht Frauenrechtler m/w."

Naja, ich weiß nicht. Haben Sie am 27. Januar eine andere Jauch-Sendung gesehen, als ich? (Ich habe fast den Eindruck, daß SIE selbst dort saßen....). Und die Kirche greift in mein Sexualleben NICHT ein. Sage ich Ihnen als getaufter Evangele!

MfG
FT

Bitte seien Sie so freundlich o.T.

und lesen meine Beiträge und weniger etwas hinein oder hinaus. Danke. Ich habe weder Sie noch einen anderen Mann hier 'mit Vergewaltigern in einen Topf geworfen'.

Es liegt mir auch fern, 'Männern in dieser Debatte den Schnabel verbieten' zu wollen. Ich werde aber nicht Männer um Erlaubnis fragen, was ich wie und wo kommentiere. Mir fehlt auch Ihre Kritik in den zahllosen Diskussionen zu Sexismus oder One Billion Rising, wo - sorry to say so - ausschließlich Männern die Umdeutung der Diskussionen über Gewalt gegen Frauen zu welchen über Gewalt gegen Männer gelang.

Bitte seien Sie versichert, daß ich 'sensibel für qualitative Unterschiede und Relationen' bin und vor allem letztere auch weiterhin herstellen werde.

Wäre es nun möglich, zum Thema hier zurück zu kehren? Ich hatte dazu schon einiges an Kontent beigesteuert, von der in Ägypten verbreiteten Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) über einen der Gründe für die permanente sexualisierte Belästigung und Gewalt namens Arbeitslosigkeit und Armut, damit Unerschwinglichkeit der Morgengabe bis zu feministischen Muslimas, die jede Menge Ansätze zur Ermächtigung von Muslimas bieten, darunter auch Seyran Ateș und ihr Buch 'Der Islam braucht eine sexuelle Revolution'.

Re: 140. Bitte seien Sie so freundlich o.T.

"Mir fehlt auch Ihre Kritik in den zahllosen Diskussionen zu Sexismus oder One Billion Rising, wo - sorry to say so - ausschließlich Männern die Umdeutung der Diskussionen über Gewalt gegen Frauen zu welchen über Gewalt gegen Männer gelang."

Und hier meine ich - sorry to say so - wird leider ein etwas eingeschränktes Reflektionsvermögen sichtbar.

"Wäre es nun möglich, zum Thema hier zurück zu kehren?"

Wir sind auf Seite 19 der Kommentarfunktion. Wieso haben wir nicht auf Seite 1 schon damit angefangen?

"von der in Ägypten verbreiteten Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) über einen der Gründe für die permanente sexualisierte Belästigung und Gewalt namens Arbeitslosigkeit und Armut, damit Unerschwinglichkeit der Morgengabe bis zu feministischen Muslimas, die jede Menge Ansätze zur Ermächtigung von Muslimas bieten, darunter auch Seyran Ateș und ihr Buch 'Der Islam braucht eine sexuelle Revolution'."

FGM gehört verboten, um es mal einfach auszudrücken. Aber meiner Meinung nach sollte vor der sexuellen Revolution eine Bildungsrevolution angestrebt werden. Damit man(n)/frau die sexuelle Revolution richtig macht....

MfG
FT

MfG
FT

1. Mose 13,13

"Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN."
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Politisch korrekt ist diese Bibelstelle ja nicht. Man darf ja im PC-Neusprech nichts gegen ein ganzes Volk sagen. Alle Verbrechen, die dort vorkommen, müssen als Einzelfälle, als Ausnahmen betrachtet werden, auch wenn es Tausende sind!
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Aber die Bibel wird man ja noch zitieren dürfen. Oder ist das jetzt auch schon politically incorrect?

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