Italien : Der Professor gegen alle

Mario Monti ist erst durch Italiens Krise in sein Amt gekommen. Im Wahlkampf wird er zum Politiker – und zum Anti-Berlusconi.

Kann Mario Monti, der bedächtige Professor, der eine parteilose Expertenregierung lenkt, eigentlich Wahlkampf? Er ist nun mit seiner Bewegung Scelta Civica (Bürgerwahl) mittendrin. Der Name ist wörtlich zu nehmen, denn Monti besetzt mit seinen Verbündeten, der Zentrumspartei UDC, der konservativen FLI und der Italia Futura von Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo die bürgerliche Mitte in Italien. Der professore hat den Unternehmer Berlusconi an den rechten Rand gedrängt – er wird ihm vermutlich viele Stimmen abjagen. Umfragen sehen Montis Wahlbündnis zwischen 13 und 15 Prozent, es konkurriert zurzeit mit Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung um Platz drei. Mit Grillo will niemand eine Koalition schmieden. Mit Monti hingegen schon. Deshalb umgarnt die Konkurrenz ihn zähneknirschend. Ohne Monti läuft die Chose nicht, so viel ist jetzt schon klar.

Der Premier genießt seine Rolle als Zünglein an der Waage. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Monti in irgendeinem Fernseh- oder Rundfunkstudio nach links und rechts stichelt. In bester christdemokratischer Tradition bewegt er sich zwischen den Lagern, mal verlangt er eine Reform des Arbeitsrechts, mal verspricht er Steuererleichterungen, mal bezieht er Position gegen die Homosexuellenehe: »Ich bin der Meinung, dass eine Familie aus einem Mann und einer Frau bestehen muss und dass Kinder mit einem Vater und einer Mutter aufwachsen sollten.« Genau so sieht es die katholische Bischofskonferenz, die Monti am liebsten als Ministerpräsidenten behalten würde.

Aber dazu wird es kaum reichen. Als Favorit wird der Sozialdemokrat Pierluigi Bersani gehandelt, alles deutet daraufhin, dass er der nächste Ministerpräsident wird. Daraus, dass er dann am liebsten mit Monti als Partner regieren würde, hat Bersani nie einen Hehl gemacht. Er macht darum keinen Wahlkampf gegen Monti, sondern gegen Berlusconi. Monti bekämpft ebenfalls Berlusconi, mit ökonomischen Fachwissen und beißender Ironie. Aber Monti macht Wahlkampf gegen alle. Nur so kann er für sich selbst das bestmögliche Ergebnis herausholen – zur Not auf Kosten der eigenen Verbündeten. Sollen deren Parteien ruhig in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Dann wird Monti eben ganz allein das Zentrum besetzen. Denn bei Scelta Civica gibt es außer ihm und Valentina Vezzali keine prominenten Gesichter. Frau Vezzali verleiht der Partei, die keine sein will, als erfolgreichste Fechterin der Welt ein wenig Glamour, aber das ist es dann auch.

Monti bestreitet den Wahlkampf im Alleingang. Er verzichtet auf Kundgebungen auf der Piazza und sucht den Kontakt zur Basis lieber in Kino- und Theatersälen. Oder er besucht die von Behinderten geführte Trattoria degli Amici der römischen Basisgemeinde Sant’Egidio. Bei diesen Auftritten gibt er sich seriös und bescheiden. Die große Bühne hat er als amtierender Regierungschef sowieso. Zuletzt war er zu Besuch bei Angela Merkel und klagte über die hohen EU-Beitragszahlungen Italiens.

Der Auftritt in Berlin machte klar, wohin die Reise für Monti geht. Als Finanzminister unter einem Premier Bersani zu arbeiten wäre für ihn unvorstellbar. Und die Universität ist für den fast 70-Jährigen sowieso Vergangenheit. Staatspräsident zu werden, kann der Wahlkämpfer Monti kaum noch hoffen.

Bleibt Außenminister. Da könnte der weltläufige professore schalten und walten, wie er will. Ein perfektes Amt, für ihn selbst und für Italien.

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Re: "Ich bin der Meinung, dass eine Familie aus einem Mann...

...und einer Frau bestehen muss und dass Kinder mit einem Vater und einer Mutter aufwachsen sollten."

Und ich nehme an, Montis Partei tritt mit einem umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Reduzierung der Anzahl Alleinerziehender im Wahlprogramm an, da diese Gruppe ja vom selben vermeintlichen Übel betroffen ist und in jedem westlichen Land der Gruppe homosexueller Paare mit Kinderwunsch zahlenmäßig deutlich überlegen sein dürfte?!