Jazzpianist Vijay IyerEr setzt Lunten in Brand

Ein Mann ohne Vorläufer: Der Pianist Vijay Iyer ist der Jazzmusiker der Stunde. Jetzt spielt er mit seinem Trio in Deutschland. von Stefan Hentz

Vijay Iyer, 41, hat Physik studiert, ehe er Musiker wurde. Er lebt in New York.

Vijay Iyer, 41, hat Physik studiert, ehe er Musiker wurde. Er lebt in New York.  |  © Jimmy Katz/ACT

Ein Jazzclub, irgendwo in der Mitte von Europa: drei Männer auf der Bühne, Bass, Schlagzeug, ganz links der Mann am Klavier. Fast reglos sitzt er da, kühl und elegant, den Rücken aufrecht, die Hände schweben über den Tasten. Noch spielt er nicht, noch hört er nur zu. Leicht lässt er den Oberkörper schwingen. Schließlich sinken die Finger auf die Tasten, einige breit gefächerte Akkorde lassen den Flügel erbeben, das Zusammenspiel der drei hebt ab. Vijay Iyer spielt nicht viele Töne, aber jeder Ton hat eine Wirkung, steuert den Fluss der Musik, kanalisiert die Spannung, setzt die Lunte in Brand oder eröffnet eine Phase der Ruhe. "Immer wenn du spielst", so hat er zuvor in dem Raum hinter der Bühne über seine Ruhe im Sturm der Improvisation gesagt, "muss es einen Teil von dir geben, der nicht spielt, einen leidenschaftslosen Beobachter, der nur registriert, was passiert, und der weiß, was passieren könnte."

Vijay Iyer ist der Jazzmusiker der Stunde. Seit der Pianist vor fünf Jahren Historicity, sein erstes Album, bei dem deutschen Label ACT veröffentlichte, hat er sich eine treue Fangemeinde erspielt und reihenweise Auszeichnungen und Preise gewonnen. Accelerando, sein jüngstes Trio-Album, wurde von der renommierten Jazz-Zeitschrift Downbeat im vergangenen Sommer gleich in fünf Kategorien ausgezeichnet (diese Ehre ist zuvor noch keinem Künstler widerfahren), und der mit 225.000 Dollar dotierte Performing Artists Award der Doris Duke Foundation befreit ihn von finanziellen Sorgen.

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Dabei hält Iyer konsequent Distanz zu den Jazz-Erfolgsmodellen der letzten 40 Jahre: Vom eigenbrötlerischen Geniekult eines Keith Jarrett ist er ebenso weit entfernt wie von der groovenden Romantik eines Esbjørn Svensson oder von der kinetischen Energie eines Cecil Taylor. Stattdessen arbeitet er im Off der konventionellen Jazzharmonik an einem Klangvokabular, in dem Anschlag, Sound und Timbre so abgestimmt sind, dass ein Spiel mit den Resonanzen des Körpers beginnt.

So schlägt Iyer einen Bogen von zarten Melodien und klarem Wohlklang bis hin zum Hagel der Cluster; aber selbst im Klanggewitter ist er unverwechselbar. Es ist eine sehr fragile Welt, die Iyer zwischen Leidenschaft und Kontrolle, Impulsivität und Kalkül, Tradition und Innovation ausbalanciert, eine Welt an der Klippe zum Absturz, kühl und heiß zugleich.

Als Kind indischer Wissenschaftler, die nach der Lockerung der Einwanderungsbestimmungen in den sechziger Jahren in die Vereinigten Staaten kamen, verkörpert Iyer selbst eine Novität im Jazz: Er ist nicht schwarz und nicht weiß, er ist weder Nachfahr von Sklaven noch von Sklavenhaltern. Der Mann mit dem weichen Gesicht und den freundlichen Augen hat keine Vorgänger. Doch die Erfahrung der Wirkung seiner Hautfarbe schließt ihn mit einer der stärksten Energiequellen des Jazz kurz. "Die afroamerikanische Kultur bietet mir mit ihrer Ästhetik und Sensibilität eine Umgebung, in der ich meine eigene Perspektive diskutieren und meine Musik zu einer Form von politischem Aktivismus machen kann, zu einem Diskurs, der die Welt berühren soll."

Iyer hat früh angefangen. Klassische südindische Musik in sparsamen Dosen zu Hause, im Radio die Popmusik der Siebziger. Violinenunterricht von seinem dritten bis zum achtzehnten Lebensjahr. Er war begabt, hatte ein gutes Ohr und blieb bei der Sache. Nach ein paar Jahren spielte er im Orchester. "Das war es für mich", erinnert er sich, "mit anderen Leuten zu spielen, darum ging es."

Gemeinschaft, community, dazugehören. Schon ganz früh hatte er begonnen, neben der disziplinierten Arbeit an der Violine auf dem Klavier seiner Schwester herumzuklimpern, keine große Sache, nichts Ernstes – er ließ einfach die Finger schweifen. Das Klavier bedeutete Freiheit, es gab kein Programm, nur die Töne, und einer ergab sich aus dem anderen. Lange bevor er wusste, dass es so etwas wie Improvisation als musikalische Methode gibt, hatte Vijay Iyer entdeckt, dass sie Spaß macht. Später gründete er Bands mit Freunden, spielte Rock’n’Roll und Rhythm’n’Blues, und in der Highschool kam Jazz dazu.

Iyer lernte spielend, und er rutschte Schritt für Schritt tiefer in den Jazz. Er studierte Mathematik und Physik im feinen Yale, aber nach dem Grundstudium wandte er sich von dieser Materie ab, er zog nach Berkeley an der Westküste und schrieb eine Dissertation über das Verhältnis von Körper, Geist und Musik in afrikanischer und afroamerikanischer Musik.

"Meine musikwissenschaftlichen Forschungen haben mir geholfen, ein besserer Musiker zu werden", sagt er heute in nachdenklichem Ton, "sie haben mir etwas gegeben, womit ich arbeiten konnte."

Leserkommentare
    • Panic
    • 07. Februar 2013 18:20 Uhr

    Aber was Vijay Iyer am Flügel zaubert, das ist wirklich beeindruckend. Ich sah ihn letztens auf 3Sat und war echt begeistert.

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  • Schlagworte Brand | Musik | Hip-Hop | Jazz | Indien | Berkeley
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