AfghanistanVerraten und vertröstet

Im nächsten Jahr zieht die Bundeswehr aus Afghanistan ab. Viele einheimische Helfer der Deutschen erfüllt das mit Panik. von Ronja von Wurmb-Seibel

Afghanischer Übersetzer (Mitte)

Afghanischer Übersetzer (Mitte)  |  © Marco Di Lauro/Getty Images

Ein paar Stunden bevor die Angst kam, fiel der Strom aus. Kein Licht, kein Fernseher – in Kabul passiert das dauernd im Winter. Also ging Tarik Ayub früh zu Bett an diesem Januarabend 2013. Er erzählt mir, dass er schon fast geschlafen habe, als sein Handy klingelte: "Hör auf mit deiner Arbeit", sagte die Männerstimme, "sonst kostet es dich dein Leben."

"Hör auf, mir zu drohen", antwortete Ayub, "wenn du ein echter Mann bist, dann zeig dich endlich." Der Anrufer lachte bloß: "Du hast keine Ahnung, wie mächtig wir sind." Dann legte er auf. "Wer war das?", fragte die 16-jährige Tochter. Sie lag im selben Zimmer, im Winter schläft die ganze Familie gemeinsam im einzigen Raum, der einen Holzofen hat. Draußen fror es, die dünnen Hausmauern schützen nicht vor Kälte. "Das war nur ein Freund", log Ayub. "Er wollte mich ärgern."

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"Und dann?", frage ich ihn. Dann sei er in die Küche gegangen und habe zwei oder drei Gläser Schnaps getrunken. Wie immer nach solchen Anrufen konnte er die ganze Nacht nicht mehr schlafen. Er dachte: "Wenn wir nur wegkönnten von hier."

Tarik Ayub arbeitet seit 2006 als Dolmetscher und Projektmanager für die Deutschen. Der 52-Jährige organisiert politische Workshops für Studenten, Parlamentarier und Geschäftsleute im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul. Er fährt in die Provinzen und verteilt Hunderte Bücher, die von sozialer Marktwirtschaft handeln und von der Frage, warum es wichtig ist, zu wählen. Er macht seinen Job, weil er Afghanistan verändern will und weil er dabei gut verdient, besser als die meisten anderen in Kabul. Als Ayub vor sechs Jahren bei der Stiftung anfing, ahnte er nicht, dass es gefährlich werden könnte. "Damals war ich optimistisch, was mein Land angeht." Heute fürchtet er sich.

Für Militär und Polizei sind afghanische Helfer unersetzlich: Sie sprechen die Sprache, kennen die Gepflogenheiten, stellen den Kontakt zu Einheimischen her. 1.600 Afghanen arbeiten laut deutschem Innenministerium für die vier am Einsatz beteiligten Bundesministerien. Dazu kommen noch Leute wie Ayub, die für Stiftungen und NGOs tätig sind. Insgesamt knapp 2.000 Personen.

Der Abzug

Die Kampftruppen der Bundeswehr werden Afghanistan bis Dezember 2014 verlassen. Dann endet die Isaf-Mission der Nato. Noch sind 4.500 deutsche Soldaten am Hindukusch.Die Zahl soll schrittweise reduziert werden.

Was folgt?

Die Nato plant eine neue Mission namens Resolute Support, an der sich auch Deutschland beteiligen wird. Über die Truppenstärke wird voraussichtlich noch in diesem Jahr entschieden. Kampfeinsätze sind nicht vorgesehen, Schwerpunkt der Mission soll die Ausbildung afghanischer Soldaten sein.

Für die Taliban sind Mitarbeiter ausländischer Organisationen keine Helfer, sondern Verräter. Sie drohen ihnen mit Mord und machen ihre Drohungen wahr. Erst Mitte November erschossen Rebellen in der Nähe von Kabul wieder zwei Dolmetscher der US-Armee auf dem Weg zur Kaserne. Die Leichen ließen sie am Tatort liegen. Die "Kollaborateure des Westens" dürften die ersten Ziele von Racheakten sein, wenn die Alliierten Ende 2014 Afghanistan verlassen. Jahrelang haben die Deutschen von ihren lokalen Mitarbeitern profitiert – was tun sie jetzt für deren Sicherheit?

Die Bundesregierung ist unschlüssig. Einerseits wolle sie niemanden im Stich lassen, sagt Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Andererseits würden gerade die gut ausgebildeten Kräfte für den Aufbau ihrer Heimat gebraucht. "Nur im Notfall" wolle man die Ausreise Einzelner organisieren. Aktuell gebe die Sicherheitslage dazu jedoch keinen Anlass.

"Alles im grünen Bereich!", sagt Tarik Ayub voll Bitterkeit. Kürzlich hat die Bundesregierung ihren halbjährlichen Fortschrittsbericht zu Afghanistan veröffentlicht. Ayub konnte die Berichte darüber im Internet verfolgen. Er konnte lesen, dass es aufwärtsgehe mit Afghanistan. Dass sich der Einsatz gelohnt habe. "Das sind alles Lügen! Die Lage ist schlecht!", ruft Ayub. Er spricht fließend Deutsch, seit er Anfang der achtziger Jahre Elektrotechnik in der damaligen DDR studiert hat. Jetzt ist er deutscher Diplom-Ingenieur. Ayub empfindet es als Hohn, was westliche Diplomaten über sein Land sagen. "Die sollen mal durch Kabul laufen, nicht immer nur in ihren Kasernen sitzen", schimpft er. "Sie sollen die Menschen auf der Straße fragen, wie es ihnen geht. Ob sie etwas zu beißen, ob sie Arbeit haben, wie froh ihre Kinder sind. Dann sollen sie noch einmal schreiben: Alles im grünen Bereich."

Leserkommentare
  1. Afghanistan gehörtin seine eigene Verantwortung.

    Somit ist es richtig, dass alle Truppen abziehen.
    Der Dienst der Truppen kann nicht darin bestehen, Afghanistans Machthaber zu schützen, die schon wieder der unlauteren Geschäftemacherei verfallen sind.

    Unsere Truppen sollten sich darauf versteifen den Drogenschmuggel nach Europa zu bekämpfen.

    Die afghanische Polizei sollte den Anbau solcher Drogen unterbinden, dann ist schon viel gewonnen.

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    • spacko
    • 16. Februar 2013 20:43 Uhr

    1. Was hat Ihr Kommentar mit dem Artikel zu tun?
    2. Soll die Bundeswehr nun abziehen oder sich versteifen?
    3. Die Ölgelder von den Saudis sind ein größeres Problem als die paar Junkies. Mit Öl macht man dann doch ganz andere Umsätze, denn Öljunkies sind wir alle.

    • manu26
    • 16. Februar 2013 21:16 Uhr

    Der Krieg gegen Drogen ist gescheitert, das Opium muss legalisiert werden.

    Was hat denn ihr Post bitte schön mit dem Artikel zu tun? Hier gehts um die realen Ängste eines Mannes, dem das selbe Schicksal vieler Vietnamesen drohte, nachdem die US-Armee das Land verließ und ihre Helfer schmählich zurück- und damit im Stich ließ.

    Als die Amerikaner nach Afghanistan einmarschierten,gab es einen UNO Beschluss,dass der Drogen Anbau und Export bekämpft werden sollte.In Folge ging der Export um 90% zurück!!!

    Das gefiel aber nicht den Großbanken,allen voran den amerikanischen,da immense Summen über sie abgewickelt wurden.Ich gehe davon aus,dass auch die Bank der Bush Familie davon profitiert hat.
    Die Banken Lobby machte Druck auf die Politiker und der Drogen Verkehr wurde noch umfangreicher als vorher.

    Dies hörte kürzlich bei einem Vortrag eines amerikanischen Universitätsprofessors,der sehr früh morgens im Deutschlandfunk gesendet wurde.

  2. Der Soldat auf dem Bild ist keiner der US-Amerikaner, sondern ein Engländer (siehe Uniform).

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  3. wäre das erste Land, das nach dem zweiten Weltkrieg eine Intervention (oder besser unangebrachte Einmischung) von aussen erlebt hat - und dadurch Frieden und Stabilität erhalten hätte. Das nächste Beispiel - Mali - ist schon in Arbeit.

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    Blödsinn - schon mal von Sierra Leone gehört? Von der Elfenbeinküste 2011? Vom Kosovo oder Korea?

    • illyst
    • 16. Februar 2013 20:29 Uhr

    Da hat ein Mensch in Deutschland studiert, spricht fließend die Sprache, riskiert jahrelang das Leben seiner Familie und sich selbst für deutsche Interessen und am Ende darf er nicht mitkommen... wobei es kaum einen gibt der es sich mehr verdient hätte einzuwandern.

    Und wenn keiner mehr da ist werden sie ihn womöglich finden.
    Die Dankbarkeit deutscher Ministerien...

    16 Leserempfehlungen
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    Gerade diese gut ausgebildeten Fachkräfte werden in Afghanistan gebraucht!

    das dachte ich auch. Traurig.

    warum sollte der dt.Beamtenapperat mit ausländischen Mitarbeitern, anders umgehen als mit seinem eigenen Volk.
    Benutzt und wenn nicht mehr benötigt sich selbst überlassen und hoffen das auf die Verlierer dann noch eingetreten wird.
    In Afghanistan hat es noch den Charme aus dem Auge aus dem Sinn.

    • Thetis
    • 16. Februar 2013 23:33 Uhr

    für getötete deutsche Soldaten und Ihre Familien ausgedrückt?

    Warum liegt es an Deutschen ihr Leben für diese Menschen und ein Land einzusetzen, das kaum daß die ausländischen Truppen weg sind in noch üblere Barbarei zurückfallen wird.
    Und daß man sich über den Weg, den Afghanistan einschlagen wird, so sicher ist, ist der größste Skandal dabei.
    Da wurde und wird keine deutsche Sicherheit verteidigt, da wird auch die afghanische Sicherheit verteidigt. Da geht es um strategische Punkte, die man besetzen wollte. Und nebenbei wollten die Amerikaner die Rohstoffe ausbeuten.
    Die Geschäfte laufen wohl nicht so gut. Also was will man da.
    Dieses Demokratiegesülze und die Vergleiche mit dem Nachkriegsdeutschland, denen die Demokratie gebracht wurde, waren von Anfang absurd.
    Vor lauter Stubenhockerei sind vielen schon die Augen verklebt und man schwülst sich etwas zusammen.
    In westlichen Ländern lebt es sich wie im Wolkenkuckucksheim. Aber gegen die Realität ist kein Kraut gewachsen. Sie wird sich mit den Asylsuchenden und den Wirtschaftsflüchtigen ihren Weg nach Deutschland bahnen. In Griechenland, Rumänien und Ungarn, um nur einige zu nennen, ist man da schon weiter.

    • spacko
    • 16. Februar 2013 20:43 Uhr

    1. Was hat Ihr Kommentar mit dem Artikel zu tun?
    2. Soll die Bundeswehr nun abziehen oder sich versteifen?
    3. Die Ölgelder von den Saudis sind ein größeres Problem als die paar Junkies. Mit Öl macht man dann doch ganz andere Umsätze, denn Öljunkies sind wir alle.

    2 Leserempfehlungen
  4. Es ist schon ein wenig merkwürdig. Menschen, die den Deutschen in Afghanistan helfen, werden im Stich gelassen und der Rache der Taliban überlassen, während Taliban als politisch Verfolgte Aufnahme finden.

    Eine Leserempfehlung
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    • biggerB
    • 16. Februar 2013 22:02 Uhr

    WO???

    MfG
    biggerB

  5. die finalen "kollateralschäden" der völlig unausgegorenen deutschen afghanistanpolitik werden. es ist wirklich ein trauerspiel.

    "Helfer müssten "nachweislich" und "konkret" gefährdet sein" – wenn ich sowas lese, krieg´ ich die läuse. wahrscheinlich müssen die leute erst irgendwelche projektile in sich drin stecken haben, damit das deutsche sachbearbeitungswesen findet, dass die gefährdung nachweislich konkret genug ist.

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  6. Gerade diese gut ausgebildeten Fachkräfte werden in Afghanistan gebraucht!

    Antwort auf "ich bin sprachlos"
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    - um weiterhin das vorhandensein eines zentralstaates zu simulieren, damit wir nicht der tatsache ins auge sehen müssen, dass zehn jahre "nationbuilding" möglicherweise komplett für die katz gewesen sind? wer wen wozu braucht in afghanistan, werden die afghanen nach abzug der westtruppen endgültig alleine klären müssen. und diejenigen, die gute gründe haben zu befürchten, in diesem klärungsprozess nicht mit dem leben davonzukommen, haben das recht, selbst zu entscheiden, für welche ideale sie dieses leben riskieren - und für welche nicht.

    sind die 'gut ausgebildeten Fachkräfte' für niemanden zu 'gebrauchen', wenn man ihrer kruden Verwertungslogik schon folgen wollte.

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