Rating-AgenturIch? Ich doch nicht!

Die Rating-Agentur Standard & Poor’s wird von den USA verklagt. Das ist genauso richtig wie verlogen.

In den USA tut sich Erstaunliches. Nach längerem Hin und Her verklagt das Justizministerium die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P). Es geht um Wertpapiere, die auf Immobilienkrediten basierten und 2007 von S&P auf ihre Ausfallwahrscheinlichkeit hin benotet wurden. Und diese Noten waren reihenweise übertrieben positiv, wie sich in der Finanzkrise herausstellte. Viele Wertpapiere entpuppten sich als Papiere ohne Wert. Investoren, die sich auf S&P, Moody’s oder Fitch verlassen hatten, machten Verluste. Kritiker sehen Rating-Agenturen daher als Mitverursacher des globalen Finanzdesasters. Nun will Washington die Sache juristisch klären lassen.

Wie auch immer dieser Fall ausgeht: Für mich ist der Streit über Rating-Agenturen stets auch ein Lehrstück über Verantwortung in der Finanzwelt – und darüber, wie alle Akteure sie weit von sich weisen.

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Da sind die Rating-Agenturen selbst, die sich gern auf die Position zurückziehen, ihre Bonitätsnoten seien nur »Meinungen«, die durch die US-Verfassung besonders geschützt seien. Regelmäßig geben sie sich zwar zerknirscht, sprechen über interne Reformen, doch wirklich einstehen wollen sie für die Fehler der Vergangenheit nicht. Juristische Anwürfe? Die seien völlig unbegründet. Strafen zahlen? Ach was! Dann sind da die Staaten, die gern verschweigen, dass sie selbst den Rating-Agenturen einst ihre Macht verliehen, weil sie deren Noten in vielen Vorschriften verankerten. Und dann sind da die Investoren, die gern vergessen machen wollen, dass sie sich oft blind auf die Urteile der Agenturen verlassen haben – was ein Armutszeugnis ist, insbesondere für institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Städte und Banken.

Klar, sollte eine Rating-Agentur wider besseres Wissen oder gar kriminell gehandelt haben, so muss sie verurteilt werden. Doch wer mit dem Finger auf Rating-Agenturen zeigt, will häufig nur von der eigenen Verantwortung ablenken. Und so machen es sich in diesem Streit alle Seiten zu leicht.

 
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