New Yorker KunstauktionAnbetung der Alten

Auf Auktionen in New York wurden Rekordpreise für Werke von Botticelli, Dürer und Fra Bartolommeo gezahlt. Doch warum wurden einige der besten Bilder nicht verkauft? von Stefan Koldehoff

Ein Mitarbeiter von Christie's führt durch die Auktion der Alten Meister in New York.

Ein Mitarbeiter von Christie's führt durch die Auktion der Alten Meister in New York.  |  © DON EMMERT/AFP/Getty Image

Wenn das Angebot dünn wird, werden die Kataloge dicker. Was bei den New Yorker Auktionen im vergangenen November zu beobachten war, wiederholt sich als Marketing-Phänomen bei den Impressionisten-Auktionen in dieser Woche. Weil durch neue und wachsende Märkte schon seit einigen Monaten mit Ausnahme der obligatorischen Frauenbildnisse von Picasso nur noch wenige erstklassige Werke zur Verfügung stehen, schafften es Werke in die großen Abendauktionen, die vorher eher in den weniger anspruchsvollen day sales angeboten worden wären. Um nun aber auch die vermeintliche Bedeutung unwichtiger Bilder zu belegen und damit ihren Wert zu steigern, sind die Experten der Auktionshäuser dazu übergegangen, auch Frühwerke, Studien und Motivrepliken in ihren Katalogen mehrere Seiten zu widmen und ausführlich Vergleichsbilder – vorzugsweise aus Museen – zu präsentieren. Das Gewicht der zehn Kataloge von Bonhams, Christie’s und Sotheby’s für die Impressionismus- und Moderne-Auktionen dieser Woche beträgt entsprechend stolze 8,5 Kilo.

Die Alten Meister, die in der vergangenen Woche in New York ihren jährlichen Frühjahrsauftritt hatten, bedürfen dieser Art von PR-Maßnahmen noch nicht. Beide großen Häuser hatten beeindruckende Auktionen zusammengestellt, die von Sammlern wie von Händlern überwiegend gebührend bewertet wurden. Auch hier zeigte sich allerdings ein deutlich selektives Verhalten: Einige prominent beworbene und mit entsprechend hohen Taxen angebotene Werke gingen zurück.

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Christie’s hatte sich im Vorfeld für eine ausgeklügelte Diversifizierungsstrategie entschieden, die offenbar funktionierte. Die Altmeister-Woche im Rockefeller Center begann mit einer Sonderauktion, in der mit 62 Blättern fast das gesamte druckgrafische Werk von Albrecht Dürer angeboten wurde – aus einer in Jahrzehnten zusammengetragenen anonymen europäischen Privatsammlung stammend, bei der es sich um die des Schweizer Unternehmers Samuel Josefowitz handeln soll. Sechs Millionen Dollar erlösten die Grafiken insgesamt. Für Überraschung sorgte ein hervorragender Druck des Rhinocerus-Holzschnitts von 1515 mit einem Schätzpreis von mindestens 100.000 Dollar, für das ein unbekannter Sammler schließlich den Rekordpreis von 866.500 Dollar einsetzte.

Bei Sotheby’s begann die Veranstaltungsreihe am selben Abend mit dem Nachlass des Kunsthändlers Giancarlo Baroni: überwiegend Altmeister-Gemälde und -zeichnungen, aber auch Blätter von Degas und Rodin, Boudin und Boldini. Hier erzielte eine Venedig-Vedute mit Dogenpalast von Belloto 1,2 Millionen Dollar. El Grecos Grablegung , die Baroni 1974 in Paris noch als lediglich zugeschriebenes Bild ersteigert hatte, verfehlte mit 900.000 Dollar knapp die untere Taxe, wurde aber dennoch zugeschlagen. Gesamtergebnis an zwei Abenden: 13,9 Millionen Dollar.

Christie’s legte zunächst mit seiner regulären Altmeister-Auktion nach, in der am Vormittag unter anderem eine zuvor nur von einem Foto bekannte Anbetung von Annibale Carracci für 3,4 und zwei Rom-Veduten von Panini für 3,4 und zwei Millionen Dollar den Besitzer wechselten. Den Höhepunkt bildete dann am Abend eine Auktion, die Christie’s knapp mit »Renaissance« betitelt hatte und für die Altmeister-Direktor Nicholas Hall offensichtlich monatelang akquiriert und dann ein langes und kluges Katalogvorwort geschrieben hatte. Tatsächlich werden aus dieser kunsthistorischen Epoche kaum mehr bedeutende Werke am Markt angeboten. Die meisten haben längst ihren festen Platz in den Museen der Welt gefunden.

Umso bemerkenswerter ist es, wie viele große Namen im Christie’s-Katalog zu finden waren. Eine Madonna mit Kind von Fra Bartolommeo erwarb ein Privatsammler für knapp 13 Millionen Dollar. Das gleiche Motiv samt Johannes dem Täufer in einer Fassung von Sandro Botticelli wurde mit 10,4 Millionen Dollar für das Doppelte des unteren Schätzpreises zugeschlagen – ein Rekordpreis, aber trotzdem ein durchaus günstiger Kauf für den neuen Besitzer: Vor drei Jahren war das Bild, das sich ein halbes Jahrhundert lang im Besitz der Rockefeller-Familie befunden hatte, auf der Kunstmesse in Maastricht bei Dickinson für 15 Millionen Dollar erfolglos angeboten worden – schon damals aus japanischem Privatbesitz. Diesmal kämpften Bieter aus Nordamerika, Asien und Russland um die goldbelegte Holztafel. Eine frühe Vorzeichnung für ein Fresko von Raffael für 1,2 Millionen, ein Adelsporträt von Il Gaetano für 7,6, eine bezaubernde Cranach-Madonna für 1,8 Millionen und eine weitere von Bartolomeo Vento für 962.000 Dollar – insgesamt schloss Christie’s den Abend mit 42,6 Millionen Dollar ab. Das Spitzenlos allerdings, Agnolo Bronzinos auf 12 bis 18 Millionen geschätzter Junger Mann mit Buch, erreichte nur 11,5 Millionen.

Leserkommentare
  1. "Susanna und die Alten" ist ein biblisches Thema, kein mythologisches.

    Amerikanische Museen verkaufen gerne mal alte Meister, um Werke von "besserer" Qualität zu kaufen. Später bereut man vielleicht manchen Verkauf, wenn sich die Qualitätskriterien geändert haben. Das kam in Deutschland früher auch vor. Die alte Pinakothek in München hat auf diese Weise ein paar Meisterwerke verloren.
    Die kulturellen Werte eines alten Meisters lassen sich nicht unbedingt mit den Fetischen Name, Qualität und Preis erfassen.

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