VersöhnungFeinde, Freunde, Brüder, Schwestern

Jahrzehntelang haben sich Türken und Kurden bekriegt. Nun wollen sie sich versöhnen – aber schaffen sie das? von 

Türkisches Militär in der Nähe des Stützpunkts Gecimli.

Türkisches Militär in der Nähe des Stützpunkts Gecimli, der im August 2012 von kurdischen Milizen angegriffen wurde.  |  © STR/AFP/Getty Images

Es ist schwer, hier über Frieden zu reden. Servet Öner steht auf der alten Mauer von Diyarbakr, einer kurdischen Stadt im Südosten der Türkei. Hoch über ihrem Kopf steigt ein türkischer Kampfjet auf, um in den Kandil-Bergen an der irakischen Grenze Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK zu bombardieren. Öner ist eine kurdische Aktivistin, 33 Jahre alt, hochgewachsen, ohne Kopftuch über ihrem schwarzen schulterlangen Haar. Freundschaft mit den Türken? Vielleicht, sagt sie – »wenn sie aufhören, uns zu bombardieren, und beginnen, uns als ebenbürtig zu betrachten«.

Der türkische Premier Tayyip Erdoğan hat versprochen, Kurden und Türken miteinander auszusöhnen. Ein kühnes Projekt nach Jahrzehnten des Krieges. Darum sprechen türkische Geheimdienstagenten und kurdische Politiker neuerdings mit dem einsamsten Gefangenen Anatoliens: dem Kurdenführer Abdullah Öcalan, der seit 1999 auf einer Insel inhaftiert ist. Vor Jahren wollte Erdoğan ihn noch hängen lassen, jetzt lässt er mit ihm verhandeln. Erdoğan muss Kompromisse machen: Er braucht Ruhe im Osten, der Krieg in Syrien bedroht auch die Türkei. 2014 möchte sich der Premier zum Präsidenten wählen lassen. Bis dahin soll der historische Ausgleich zwischen den Nationalisten beider Seiten geschafft sein. Wie sähe es aus, wenn Türken und Kurden Freunde wären?

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Von der Höhe der alten Festungsmauer aus zeigt Servet Öner auf ihre Stadt. Die Wintersonne scheint auf das dunstige Durcheinander aus flachen Wohnhäusern, Armenhütten, Minaretten, der Ulu-Moschee und der großen Herberge an der alten Karawanenstraße. Diyarbakr ist schnell gewachsen, aber weniger entwickelt als türkische Städte. »Kurdisches Land«, sagt Öner stolz. Die Stadt hat statt Industrie Kleinhandel und Hühnerzucht im Hinterhof. Knapp eine Million Menschen leben hier, viele sind vom Krieg gezeichnet, die meisten arbeitslos. Die wenigen Türken, die hier leben, arbeiten als Richter, Polizisten, Soldaten. Und natürlich ist der Gouverneur Türke. Ankara hat ihn geschickt. Oben die Türken, unten die Kurden, so ist das in Diyarbakr.

Das Volk der Kurden ist viergeteilt, Kurden leben in der Türkei, im Iran, im Irak und in Syrien. In der Türkei haben sie seit der Staatsgründung im Jahr 1923 rebelliert. Der türkische Staat bekämpfte lange Zeit Sprache und Kultur der Kurden und bestritt ihr Recht auf eine nicht türkische Identität. Wenn Servet Öner über ihre Vorstellung von einem freien Kurdistan spricht, dann geht es nicht um Grenzen. Sie will, »dass die Kurden in allen Staaten in Freiheit leben« – ohne Verfolgung durch Richter und Soldaten.

Die Kindheit ist kurz in Kurdistan

Wenn sie erzählt, wirkt sie fröhlich, sie lacht so laut, dass die Leute sich umdrehen. Hinter der Fröhlichkeit verbirgt sich ein Leben im Kampf. Als Kind wurde sie von der türkischen Armee aus dem Heimatdorf vertrieben. Soldaten zwangen die Familie, Hals über Kopf das Haus zu verlassen, sie brannten das Dorf ab. Vater, Onkel, Brüder wurden gefoltert, damit sie die Namen von PKK-Kämpfern preisgaben. Die Familie floh auf Karren und Lastwagen in Richtung Diyarbakr. »Man ist schnell kein Kind mehr in Kurdistan«, sagt sie. In Diyarbakr rekrutierte die PKK ihren Nachwuchs unter den Verzweifelten und Entrechteten. Mit 15 Jahren ging Öner in die Berge, zur Guerilla der PKK. Mit einer engen Freundin kam sie in ein Ausbildungslager. Frauen werden in der PKK als Kämpferinnen geehrt. Auf der Flucht vor Luftangriffen mussten sie oft den Ort wechseln. Ihre Freundin fiel.

Öner kam heimlich nach Diyarbakr, um sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Sie wurde verraten und verhaftet. Sechs Jahre lebte sie mit rund fünfzig Frauen in einem Frauengefängnis. Dort geschah ein kleines Wunder: Die PKK schmuggelte Bücher ins Gefängnis. Öner las Gedichte des persischen Dichters Omar Khayyam, Romane von Thomas Mann und Geschichtsbücher. Die Zelle wurde zum Lesesaal. »Meine Universität«, flachst sie. Öner denkt links, sie bewundert die Arbeiterbewegung in Europa und hasst den Kolonialismus. Dem türkischen Premier nimmt sie seinen neuen kurdenfreundlichen Kurs nicht ab. »Er will hier König sein, aber ohne bewaffnete Opposition.«

Tayyip Erdoğan hat die Kurden schon oft enttäuscht. Auf Öffnung ließ er Härte folgen, auf kurdischen Sprachunterricht Militäroffensiven. Nun macht er den PKK-Kämpfern ein neues Angebot: Wenn sie die Waffen niederlegen und das Land verlassen, sollen sie freies Geleit bekommen. Öcalan könnte von seiner Insel in den Hausarrest entlassen werden. Ein neues Gesetz erlaubt Kurden, sich in ihrer Muttersprache vor Gericht verteidigen zu lassen. Die Regierungspartei möchte die Selbstverwaltung der Städte stärken. Erdoğan spricht viel von kurdischen »Brüdern«, manchmal sogar von »Schwestern«. Kleine Schritte.

Leserkommentare
  1. oben die Türken,unten Kurden,Feinde,Freunde,Brüder,
    Schwestern ?

    habe selten so eine Diskriminierende und Ausgrenzende Überschrift über ein Artikel gelesen !

    7 Leserempfehlungen
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    • scoty
    • 17. Februar 2013 20:06 Uhr

    Entfernt. Verzichten Sie auf unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

    • gooder
    • 17. Februar 2013 19:46 Uhr

    Warum gesteht man den Kurden keinen eigenen Staat auf dem Territorium der Türkei zu? Den Kroaten,Bosniern und Kosovaren des ehamligen Vielvölkerstaates Jugoslawiens, wurde dies doch auch nicht verwehrt, sogar mit militärischen Intervensionen erst ermöglicht.

    7 Leserempfehlungen
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    Weil im Gegensatz zu den Bosniern oder Kosovaren die Mehrheit der Kurden in der Türkei keine Separatisten sind und schon gar nicht unter der "Regierung" einer Terrororganistion namens PKK leben wollen.

    • scoty
    • 17. Februar 2013 19:50 Uhr

    so wie wir es allgemein von dem Westen kennen.

    Eine Terrororganisation die geduldet,unterstützt und gefördert wird.

    Sobald aber Erdogan auf den Tisch haut und sagt das der Westen aufhören soll eine Terrororganisation zu unterstützen passieren anschließend seltsame Aktionen seitens der Polizei hier im Westen.

    Aufeinmal werden PKK Unterstützer in Deutschland,Frankreich,Holland,Belgien verhaftet und nech einigen wieder Tagen freigelassen.

    Erdogan hat wenigstens den Mut und die Kraft dieses Problem endgültig auf die friedliche Art zu lösen und das passt natürlich den Unterstützern der PKK nicht.

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    sowas hängt nun mal von der rechtslage ab, scoty. gesetze kann man zwar interpretieren, aber nicht zurechtbiegen, wie man will. deswegen werden menschen, die nichts verbrochen haben freigelassen. (sog. justizirrtuemer natuerlich ausgenommen)

    • gooder
    • 17. Februar 2013 20:07 Uhr

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen mit Quellen. Die Redaktion/mak

  2. sowas hängt nun mal von der rechtslage ab, scoty. gesetze kann man zwar interpretieren, aber nicht zurechtbiegen, wie man will. deswegen werden menschen, die nichts verbrochen haben freigelassen. (sog. justizirrtuemer natuerlich ausgenommen)

    5 Leserempfehlungen
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    • scoty
    • 17. Februar 2013 20:30 Uhr

    auf die amerikanische Botschaft in Ankara durften hier in Deutschland unbesorgt eine Zeit lang leben obwohl der Attentäter den deutschen Behörden als Extremist bekannt war.

    http://www.sueddeutsche.d...

    • scoty
    • 17. Februar 2013 20:06 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

    • gooder
    • 17. Februar 2013 20:07 Uhr
    6. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen mit Quellen. Die Redaktion/mak

    • gooder
    • 17. Februar 2013 20:14 Uhr

    Hier die Quellen, die den entfernten Kommentar über den Giftgaseinsatz gegen vermeintliche PKK-Rebellen belegen sollten.

    http://www.zeit.de/politi...

    und

    http://www.welt.de/politi...

    3 Leserempfehlungen
    • boz_m
    • 17. Februar 2013 20:15 Uhr

    Wer's glaubt, wird selig.
    Erdogan ist einfach nur machtgeil!! Rein zufällig sagt er kurz vor den Wahlen, dass er Frieden und Brüderschaft möchte, rein zufällig verspricht er kurz vor den Wahlen allen Kurden die Rechte, die jeder Türke auch hat...natürlich.
    Es ist schlimm genug, dass der liebe, alte, gute Herr Premierminister rum heuchelt, aber noch viel schlimmer ist, dass das Volk so naiv ist, ihm alle Lügen abzukaufen. Komischerweise hat niemand erahnt, dass die leeren Worte nur kamen, um die Stimmen der Kurden zu klauen. Als Türke muss ich mich schämen, dass so einer die Kraft besitzt, die einst ein starker, großer Mann wie Mustafa Kemal Atatürk besaß. Denn seit Erdogans Machtergreifung macht die Türkei in humaner, moralischer Sicht nur noch Rückschritte.

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    6 Leserempfehlungen
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    Ihr so verehrter Atatürk hat mit seiner aus Europa importierten nationalistischen Staatsideologie erst die Grundlage für die Auseinandersetzungen geschaffen, als er den Kurden jede nationale Identität absprach. Unter Erdogan hat es immerhin Fortschritte gegeben, wobei noch viel zu tun bleibt.

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  • Schlagworte Kurden | Türkei | Frieden | PKK
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