Es ist schwer, hier über Frieden zu reden. Servet Öner steht auf der alten Mauer von Diyarbakr, einer kurdischen Stadt im Südosten der Türkei. Hoch über ihrem Kopf steigt ein türkischer Kampfjet auf, um in den Kandil-Bergen an der irakischen Grenze Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK zu bombardieren. Öner ist eine kurdische Aktivistin, 33 Jahre alt, hochgewachsen, ohne Kopftuch über ihrem schwarzen schulterlangen Haar. Freundschaft mit den Türken? Vielleicht, sagt sie – »wenn sie aufhören, uns zu bombardieren, und beginnen, uns als ebenbürtig zu betrachten«.

Der türkische Premier Tayyip Erdoğan hat versprochen, Kurden und Türken miteinander auszusöhnen. Ein kühnes Projekt nach Jahrzehnten des Krieges. Darum sprechen türkische Geheimdienstagenten und kurdische Politiker neuerdings mit dem einsamsten Gefangenen Anatoliens: dem Kurdenführer Abdullah Öcalan, der seit 1999 auf einer Insel inhaftiert ist. Vor Jahren wollte Erdoğan ihn noch hängen lassen, jetzt lässt er mit ihm verhandeln. Erdoğan muss Kompromisse machen: Er braucht Ruhe im Osten, der Krieg in Syrien bedroht auch die Türkei. 2014 möchte sich der Premier zum Präsidenten wählen lassen. Bis dahin soll der historische Ausgleich zwischen den Nationalisten beider Seiten geschafft sein. Wie sähe es aus, wenn Türken und Kurden Freunde wären?

Von der Höhe der alten Festungsmauer aus zeigt Servet Öner auf ihre Stadt. Die Wintersonne scheint auf das dunstige Durcheinander aus flachen Wohnhäusern, Armenhütten, Minaretten, der Ulu-Moschee und der großen Herberge an der alten Karawanenstraße. Diyarbakr ist schnell gewachsen, aber weniger entwickelt als türkische Städte. »Kurdisches Land«, sagt Öner stolz. Die Stadt hat statt Industrie Kleinhandel und Hühnerzucht im Hinterhof. Knapp eine Million Menschen leben hier, viele sind vom Krieg gezeichnet, die meisten arbeitslos. Die wenigen Türken, die hier leben, arbeiten als Richter, Polizisten, Soldaten. Und natürlich ist der Gouverneur Türke. Ankara hat ihn geschickt. Oben die Türken, unten die Kurden, so ist das in Diyarbakr.

Das Volk der Kurden ist viergeteilt, Kurden leben in der Türkei, im Iran, im Irak und in Syrien. In der Türkei haben sie seit der Staatsgründung im Jahr 1923 rebelliert. Der türkische Staat bekämpfte lange Zeit Sprache und Kultur der Kurden und bestritt ihr Recht auf eine nicht türkische Identität. Wenn Servet Öner über ihre Vorstellung von einem freien Kurdistan spricht, dann geht es nicht um Grenzen. Sie will, »dass die Kurden in allen Staaten in Freiheit leben« – ohne Verfolgung durch Richter und Soldaten.

Die Kindheit ist kurz in Kurdistan

Wenn sie erzählt, wirkt sie fröhlich, sie lacht so laut, dass die Leute sich umdrehen. Hinter der Fröhlichkeit verbirgt sich ein Leben im Kampf. Als Kind wurde sie von der türkischen Armee aus dem Heimatdorf vertrieben. Soldaten zwangen die Familie, Hals über Kopf das Haus zu verlassen, sie brannten das Dorf ab. Vater, Onkel, Brüder wurden gefoltert, damit sie die Namen von PKK-Kämpfern preisgaben. Die Familie floh auf Karren und Lastwagen in Richtung Diyarbakr. »Man ist schnell kein Kind mehr in Kurdistan«, sagt sie. In Diyarbakr rekrutierte die PKK ihren Nachwuchs unter den Verzweifelten und Entrechteten. Mit 15 Jahren ging Öner in die Berge, zur Guerilla der PKK. Mit einer engen Freundin kam sie in ein Ausbildungslager. Frauen werden in der PKK als Kämpferinnen geehrt. Auf der Flucht vor Luftangriffen mussten sie oft den Ort wechseln. Ihre Freundin fiel.

Öner kam heimlich nach Diyarbakr, um sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Sie wurde verraten und verhaftet. Sechs Jahre lebte sie mit rund fünfzig Frauen in einem Frauengefängnis. Dort geschah ein kleines Wunder: Die PKK schmuggelte Bücher ins Gefängnis. Öner las Gedichte des persischen Dichters Omar Khayyam, Romane von Thomas Mann und Geschichtsbücher. Die Zelle wurde zum Lesesaal. »Meine Universität«, flachst sie. Öner denkt links, sie bewundert die Arbeiterbewegung in Europa und hasst den Kolonialismus. Dem türkischen Premier nimmt sie seinen neuen kurdenfreundlichen Kurs nicht ab. »Er will hier König sein, aber ohne bewaffnete Opposition.«

Tayyip Erdoğan hat die Kurden schon oft enttäuscht. Auf Öffnung ließ er Härte folgen, auf kurdischen Sprachunterricht Militäroffensiven. Nun macht er den PKK-Kämpfern ein neues Angebot: Wenn sie die Waffen niederlegen und das Land verlassen, sollen sie freies Geleit bekommen. Öcalan könnte von seiner Insel in den Hausarrest entlassen werden. Ein neues Gesetz erlaubt Kurden, sich in ihrer Muttersprache vor Gericht verteidigen zu lassen. Die Regierungspartei möchte die Selbstverwaltung der Städte stärken. Erdoğan spricht viel von kurdischen »Brüdern«, manchmal sogar von »Schwestern«. Kleine Schritte.