Doch die Verfolgungen gehen weiter. Sie sollen den Druck auf die Kurden erhöhen. Die Armee liefert sich harte Gefechte mit der PKK. Im vorigen Jahr wurden nach Angaben der Menschenrechtsorganisation IHD 4.418 Kurden verhaftet, jeder Zehnte von ihnen war jugendlich. In den Gefängnissen sitzen Studenten, weil sie demonstriert, Journalisten, weil sie berichtet, Bürgermeister, weil sie regiert haben. Das türkische Antiterrorgesetz macht jeden politisch interessierten Kurden zum potenziellen Straftäter.

Eines ärgert Servet Öner besonders: Viele Türken sehen die Kurden nicht als eigenständiges Volk mit gleichen Rechten, sondern nur als »Brüder und Schwestern« der Türken. »Freunde« wäre schon besser, seufzt sie. »Den Bruder kann man sich nicht aussuchen.« Wer Bruder sage, meine oft Unterdrückung; die Familie betrachtet Öner als Miniaturausgabe der staatlichen Hierarchie: oben der Patriarch, dann der große Bruder, unten die jüngeren Geschwister. Genauso funktioniere die Türkei seit 1923. »Die Kurden wurden assimiliert, ihre Kultur und Sprache negiert, sie wurden zu Brüdern und Schwestern erklärt.« Eigentlich seien sie nur Stiefgeschwister, sagt Servet Öner.

»Freundschaft geht nur auf absolut gleicher Ebene«, sagt Öner – und volle Gleichberechtigung sei es, was die Kurden wollen. Die größte kurdische Partei BDP, die viele Türken als politischen Arm der PKK sehen, fordert »demokratische Autonomie«. Der Gouverneur solle nicht aus Ankara geschickt, sondern in Diyarbakr gewählt werden. »Wir wollen gewählte Gemeinderäte und Regionalparlamente«, sagt die BDP-Co-Vorsitzende in Diyarbakr, Zübeyde Zümrüt. Dann könnten Kurden und Türken Freunde werden.

Das klingt aus deutscher Sicht nach harmlosem Föderalismus. Doch die Türkei ist ein Vielvölkerstaat. Viele Politiker fürchten einen Zerfall des Landes, sobald das erste frei gewählte Regionalparlament tagt. Die BDP ist den nationalistischen Parteien im türkischen Parlament verhasst, weil sie in ihr die PKK mit Krawatte oder Kostüm sehen. Bis vor Kurzem erwog Erdoğan ein Parteiverbot.

Im Nordirak haben die Kurden einen eigenen Staat

Viele Kurden denken wiederum erheblich radikaler als die große Kurdenpartei im Parlament. »Wenn der türkische Staat das Problem in den nächsten zehn Jahren nicht löst, wird sich die nächste Generation der Kurden abspalten.« Der Anwalt Mehmet Emin Aktar kommt gerade aus dem Gefängnis zurück, wo er zwei seiner Klienten besucht hat. Lange Zeit war er der Chef der Anwaltskammer von Diyarbakr. Aus seiner Sicht brauchte es mehr als nur gewählte Stadtparlamente, damit von Freundschaft zwischen Türken und Kurden die Rede sein könnte. Aktar findet es erniedrigend, vor türkischen Richtern zu stehen, von türkischen Polizisten kontrolliert zu werden. Er möchte, dass diese Berufe von Kurden ausgeübt werden. Dass Kurdisch zur Amtssprache im Südosten wird. Dass die Türken in Ankara aufhören, in diesem Teil des Landes alles regeln zu wollen. Aktar hat ein Modell für echte Gleichberechtigung vor Augen: die Autonome Region Kurdistan im Nordirak.

Dort ist nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 ein kurdischer Staat entstanden. Mit einem eigenen Parlament, eigener Gerichtsbarkeit, eigenem Präsidenten, eigener Polizei und Armee. Obendrein haben die irakischen Kurden einen großen Schatz unter der Erde: Öl- und Gasquellen. Ihr Verhältnis zur Hauptstadt Bagdad ist zerrüttet. Sie können sich mit der schiitisch beherrschten Zentralregierung nicht über die Aufteilung der irakischen Rohstoffe einigen.

Freundschaft und Freiheit gehören zusammen

Man könnte meinen, Ankara würde mit Bagdad gegen die Kurden Front machen. Doch so simpel ist der Nahe Osten nicht. Denn im Nordirak können Kurden und Türken sehr wohl miteinander. Die irakischen Kurden exportieren ihr Öl und Gas über die Türkei in die Welt. Die Türken liefern im Gegenzug Autos, Waschmaschinen und Klimaanlagen nach Irakisch-Kurdistan. Der Außenminister reist gern ins irakische Kurdengebiet. Auf dem AKP-Parteitag 2012 in Ankara umarmten sich Erdoğan und der irakisch-kurdische Präsident Massud Barsani, der eingeladen war. Als gleichberechtigte Politiker mit gemeinsamen Interessen.

Als es dämmert in Diyarbakr, bricht Servet Öner auf. Sie geht ein paar Umwege durch die verwinkelte Altstadt, so, als wolle sie Verfolger abschütteln. Wirkliche Gleichberechtigung und Freiheit, sagt sie, habe sie nur in den Bergen erfahren, unter den Kämpfern der PKK. Natürlich sei das Leben in den Bergen eine Ausnahmesituation. Aber man könne davon lernen. »Echte Freundschaft hängt unmittelbar mit Freiheit zusammen«, sagt sie. Freundschaft könne nur entstehen, wenn man freiwillig bleiben oder gehen kann. Und das wünscht sie sich für Kurden und Türken.

Servet Öner blickt sich noch einmal kurz um und verschwindet in einem unbeleuchteten Hauseingang. Seit kurzer Zeit steht sie wegen ihrer Ansichten wieder auf der Fahndungsliste der fleißigen türkischen Justiz.