Geizig oder ängstlich? © Marco Secchi/Getty Images

Frage: Carla und Otfried sind beide Lehrer und über sechzig. Sie haben den Vorsatz gefasst, den Ruhestand zu genießen. Carla findet allerdings, dass Otfried mit zunehmendem Alter geizig geworden ist, während sie selbst es gerne etwas luxuriöser hätte als bisher – sie können es sich doch leisten.

Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

Sie würde gerne mit dem Taxi zum Flughafen fahren; Otfried besteht auf der S-Bahn. Sie würde gerne auch mal in einem guten Hotel übernachten und im Restaurant essen; Otfried findet das Verschwendung, denn dann würde das von ihm liebevoll gepflegte Wohnmobil nutzlos herumstehen. Am meisten nervt es Carla, dass Otfried ihr Arbeitszimmer überheizt findet und ungebeten den Thermostat reguliert. Otfried behauptet, dass er sich einfach besser fühlt, wenn er spart.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Geiz und Angst hängen sehr eng zusammen. Wer geizig ist, fürchtet, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. In einer Liebesbeziehung finde ich die Aufmerksamkeit für diese Angst-Komponente im Geiz besonders wichtig, weil man so seine negative, egoistische Qualität mildern kann. Otfried spart für eine Zukunft, in der er brauchen könnte, was er jetzt zusammenhält. Er glaubt nicht, dass andere für ihn sorgen, er ist misstrauisch und fürchtet, seine Autonomie zu verlieren.

Das ist lästig für Carla, aber es wird durch Vorwürfe eher schlimmer: Erziehungsversuche an Erwachsenen scheitern nicht nur, sie belasten das Selbstgefühl. Carla sollte ihr Geld ausgeben, ohne auf Otfrieds Einverständnis zu hoffen. Dank seiner Sparsamkeit wird doch immer genug für Notfälle übrig bleiben.