US-GeschichteLincolns Geist

Intelligent, kämpferisch, borderline: Mary Lincoln war ihrem Mann Stütze und Plage zugleich. von Ronald D. Gerste

Das Papier des Briefes trägt einen Trauerrand, das Datum ist der 4. Februar 1870, und geschrieben wurde er in Frankfurt am Main. "Ich habe keine Dienerin und leide entsetzlich. Mit meinen bescheidenen Mitteln kann ich nur in zweitklassigen Pensionen absteigen; was dies an Ungemach und Erniedrigung für mich bedeutet, liegt jenseits Ihrer Vorstellungskraft. Während alle anderen so reich belohnt wurden, zwingt man die liebende Frau des Mannes, der sein Leben für sein Land gab, bittere Tränen zu weinen und in Armut – und mit gebrochenem Herzen – zu leben." Statt einer Unterschrift findet sich nur ein Initial: M.

Es ist das Signum von Mary Lincoln, und ihr Brief aus Deutschland an einen Vertrauten in der Heimat gehört zu einer wahren Flut von Schreiben voller Wehklagen über die Undankbarkeit ihres Landes und mangelnde finanzielle Unterstützung. Es sind Dokumente, die allesamt eine zutiefst gequälte Person erkennen lassen, gemartert von der Erinnerung an die Grauen des Krieges, an Siechtum und Mord, aber auch von seltsamen Furien und Phantomen.

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Am 24. Februar dürfte Steven Spielbergs Meisterwerk Lincoln der große Gewinner bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles sein. Auch Sally Field, die Darstellerin der Mary Lincoln, ist nominiert, für den Preis in der Kategorie "Beste weibliche Nebenrolle". Verdient wäre die Auszeichnung für Field – übrigens eine demokratische Aktivistin und Unterstützerin Hillary Clintons im Wahlkampf 2008 – allemal, vor allem deshalb, weil sie die Frau des 16. Präsidenten sehr nuanciert fasst und sie nicht einfach nur als geltungssüchtige, hysterische Person denunziert, wie das zu Mary Lincolns Lebzeiten und späterhin oft genug geschah.

Zweifellos war Mary Todd Lincoln eine selbstbewusste, wenn auch psychisch höchst labile First Lady, die spürte, wie schwierig es war, die ganze Nation repräsentieren zu wollen. Als man das Jahr 1861 schrieb, waren die USA noch weitaus tiefer gespalten als heute. Lincoln übernahm ein zerfallendes, auf den Bürgerkrieg zusteuerndes Land, und je länger der Krieg dauerte, desto weniger kompromissbereit zeigte er sich, desto bestimmter bestand er auf der Befreiung aller Schwarzen und dem Ende der Sklaverei. Mary jedoch, die Frau des "Großen Emanzipators", stammte selber aus einer wohlhabenden Familie, die Sklaven hielt.

Dieser biografische Hintergrund erklärt, warum die First Lady 1861 selbst den Parteigängern ihres Mannes suspekt erschien. Mary Lincoln stieß in Washington auf Ablehnung, die bei ihr, der einst umschwärmten Tochter des reichen Bankiers Robert Smith Todd aus Kentucky, erste Ansätze von Paranoia forcierte. Mit Fortgang des Krieges berichteten die Zeitungen des Nordens jedes Mal geradezu genüsslich, wenn einer ihrer Brüder oder ein anderer Verwandter gefallen war – schließlich hatten sie die graue Uniform der Konföderierten, des Feindes, getragen. Gerüchte machten aus ihr selber gar eine "Spionin im Weißen Haus". Natürlich war es politischer Rufmord.

Tatsächlich liebte Mary Todd ihren Mann abgöttisch. Im November 1842 hatten sie in Springfield, Illinois, geheiratet: sie eine 24-jährige verwöhnte junge Frau, er ein reichlich mittelloser, aber aufstrebender 33-jähriger Anwalt, der im Begriff stand, in die Politik zu gehen. Sie tat alles, um ihn bei seinen Zielen zu unterstützen, selbst um den Preis, von ihrer Südstaaten-Familie wie eine Aussätzige ausgegrenzt zu werden.

Nur leider fehlte der seit Jugendtagen an Politik interessierten und mit einer exzellenten Schulbildung versehenen Frau der politische Instinkt. Ihre kostspielige Neueinrichtung des Weißen Hauses und ihre glanzvollen Soireen befremdeten, als zur selben Zeit Zehntausende junger Amerikaner bei Gettysburg oder Chancellorsville erbärmlich umkamen. Marys Besuche in Lazaretten, ihr erkennbares Mitleiden mit den Verwundeten (denen des Nordens, versteht sich) konnten das Gift der maliziösen Federn nur vorübergehend hemmen.

Gern demonstrierte sie, dass sie das Weltbild der Ihren, der Todds, abgestreift hatte. So lud sie eine schwarze Lehrerin ins Weiße Haus. Als diese wegen ihrer Hautfarbe vom Personal nur durch den Hintereingang eingelassen wurde, bekam Mary einen ihrer inzwischen berüchtigten Tobsuchtsanfälle. Triumphierend begleitete sie die Frau anschließend durch das Hauptportal hinaus – was ihr postwendend den Vorwurf eines Rivalen ihres Mannes einbrachte, sie »mache zu viel Aufhebens um die Neger«.

Leserkommentare
  1. 1. Merci

    Wieder einmal ein sehr schöner Artikel in der Sektion Geschichte! Es ist immer wieder angenehm, wenn nicht alles moralisch aufgeladen und/oder krampfhaft "nutzbar" gemacht wird im Sinne eines "old news you can use".

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  • Schlagworte Abraham Lincoln | Geschichte | USA | Bürgerkrieg
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