Kostenloser Skiunterricht Nicht in die Knie gehen

In Altenmarkt-Zauchensee in Österreich erhalten Langläufer ganz beiläufig Unterricht – vom Profi, kostenlos und in aller Kürze. von Rüdiger Dilloo

Langläuferin Gudrun Pflüger

Hobbysportler machen es sich unnötig schwer, sagt Langläuferin Gudrun Pflüger.   |  © PR

»Ich fang mal schnell den Herrn da drüben ein«, sagt Gudrun Pflüger, grinst nett, deutet über die flachen weißen Wiesen auf eine ferne Gestalt in der Loipe und fliegt davon auf ihren Langlaufskiern. Aus dem Stand beschleunigt sie mit vier, fünf Doppelstockschüben von null auf sonst was, dann tritt sie a tempo aus der gefrästen Parallelspur in den gewalzten Schnee daneben (ein Manöver, bei dem unsereins jedes Mal wieder wackelnd die Luft anhält) und beginnt im Schlittschuhschritt zu skaten. Sieht unfassbar leicht aus, wie bei einer Tänzerin: Man spürt die Kraft, aber man sieht sie nicht.

Fasziniert schaue ich der Frau nach. Gudrun Pflüger, 40 Jahre alt, 15-fache österreichische Meisterin im Skilanglauf, trägt weiße Hosen und einen weiß-rosa Anorak und ist so was von schmal, am dicksten an ihr wirkt noch der rosa Mützenbommel. Den Rücken ihrer Jacke zieren zwei aufgedruckte Flügel mit dem Schriftzug »Flying Coach«. Schnell verschmilzt die Läuferin mit der weißen Landschaft. Die Sonne über den Radstädter Tauern im Süden zieht einen Schattenstrich durch die Talwiesen. An den drei Dachstein-Gipfeln im Osten lösen sich die letzten Morgenwolken auf. Vom Zwiebelturm der Altenmarkter Dorfkirche läutet es elf. Gudrun Pflüger skatet wie im Flug, ich dackle in der Parallelspur hinterher. Was wird sie jenem Herrn sagen, wenn sie ihn »eingefangen« hat, wie wird sie ihn coachen?

Anzeige

»Jetzt zehntausend Stunden üben, dann wird das was«, sagt Pflüger

Gudrun Pflüger ist hier in der Region Pongau südlich von Salzburg aufgewachsen. »Skifahren lernt bei uns jedes Kleinkind«, sagt sie. Mit drei Jahren nahm sie der Papa mit auf die Abfahrtspiste, mit fünf stand Klein Gudrun auf Langlaufskiern. Sie wurde so gut, dass sie in ihren zwanziger Jahren zu Österreichs besten Langläuferinnen zählte. Schon während ihrer Karriere als Sportlerin, vor allem aber danach, habe es sie »immer wieder gejuckt«, sagt Gudrun Pflüger, wenn sie gesehen habe, wie unnötig schwer sich’s viele Hobbyläufer machten. »Doch als Privatperson machst du das nicht, den Leuten Ratschläge geben.« Also ging sie zum Altenmarkter Tourismusbüro, die Marketingleute waren schnell für die Idee Flying Coach gewonnen, und seit diesem Winter geht die Ex-Langlaufmeisterin Pflüger in ihrer auffälligen »Flügerljacke« jeden Dienstag und Donnerstag auf die örtlichen Loipen, spricht Leute an oder lässt sich ansprechen und erklärt in kostenlosen Kurzlektionen von 15 bis 20 Minuten »das Um und Auf« des Skilanglaufs, klassischer Stil oder Skating.

Der Herr in der Loipe stellt sich als athletischer Typ mittleren Alters heraus. Als ich dazukomme, skaten sie beide direkt hintereinander. Er steht sicher auf den Latten, scheint mir, aber sein Laufen sieht plump und angestrengt aus, verglichen mit ihrem Stil. »Aufrecht bleiben«, ruft die Coachin von hinten, »nicht so in die Knie gehen! Lassen S’ nach dem Abstoß das Bein zum Gleitbein zurückpendeln, locker! Sie brauchen den Ski nicht so hoch aufheben! Das kostet bloß Kraft.« Der Mann schnauft, als sie stehen bleiben. Er wirkt halb dankbar, halb verlegen, als wundere er sich, dass ihm, dem starken Sportstyp, eine so kleine schmächtige FRAU noch was beibringen könne. Sonst gehe er eigentlich im Winterurlaub immer nur zum Pistenskifahren, erklärt er mit fränkischem Akzent.

Gudrun Pflüger strahlt ihn kameradschaftlich an und macht ihm noch eine Gleichgewichtsübung vor: Sie nimmt beide Stöcke zusammen quer vor die Brust, weit außen gefasst, und schwingt sie mit ausgestreckten Armen im Rhythmus ihrer Schlittschuhschritte hoch hinaus nach links und rechts – wie beim Eistanz, einmal mehr. Der Mann macht es ihr nach, wackelnd, aber willig. »So, das alles jetzt zehntausend Stunden üben, dann wird das was«, sagt Pflüger, lacht sich wieder nette Fältchen um die hellen Husky-Augen und schiebt zum hundertsten Mal eine unfolgsame Blondhaarsträhne zurück unter die Mütze. Zum Abschluss fingert sie einen Flyer aus ihrer Gürteltasche und empfiehlt dem Mann die örtliche Langlaufschule, falls er ernsthaft dazulernen will. Als der sich bedankt, scannt sie schon die sonnige weiße Ebene nach den nächsten Kandidaten für ihre beiläufigen Gratistipps. Hundert Meter weiter stakst ein junges Paar in weiten Snowboardklamotten wirklich eigenartig über die Loipe.

Man kann in Altenmarkt nicht bloß langlaufen, und Gudrun Pflüger ist keineswegs die einzige namhafte Wintersportlerin der Gegend: In der Teilgemeinde Zauchensee, acht Kilometer weiter und 500 Meter höher auf 1350 Meter gelegen, hat Abfahrtsweltmeister Michael Walchhofer zwei Hotels. Aus Flachau, einen Spaziergang von Altenmarkt entfernt, stammt Skirennläufer Hermann Maier, der langjährige Weltcup-»Dominator«. Die weltbekannte Skifirma Atomic hat in Altenmarkt ihren Sitz. Eine Gondelbahn verbindet den Ort mit dem riesigen Pistennetz der sogenannten Salzburger Sportwelt. Trotzdem ist Altenmarkt vor allem bei Langlaufurlaubern beliebt: Es liegt sonnig in offener Tallandschaft, bietet flache Anfängerloipen, aber auch die 60 Kilometer lange Tauernloipe und bergige Trassen hoch überm Tal. Viele Familien kommen, mehr als die Hälfte der Urlauber sind Stammgäste. Und weil Langläufer vielleicht generell nicht so partygeil sind wie die Abfahrtspistentiger beiderlei Geschlechts, wird es zwischen den niedrigen, verzierten Holzhäusern des Altenmarkter Dorfkerns früh am Abend ruhig.

Leserkommentare
  1. sächseln nicht.

  2. 2. Genau!

    timeisout hat vollkommen recht.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Wintersport | Skilanglauf | Österreich | Reise
Service