Als die beiden Polizisten am Abend des 6. Oktober 2012 vor ihrer Haustür in Berlin-Wittenau standen, ahnte Brunhilde Conrad, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. "Hoffentlich hatte keins der Kinder einen Unfall", dachte sie. In der Wohnstube nahmen die Beamten vor dem Fernseher Platz: "Ihr Sohn André ist in eine Auseinandersetzung mit der Polizei geraten." Von einem Messer sei die Rede gewesen, erinnert sich Frau Conrad, mit der André Polizisten bedroht haben solle. Dass man gezwungen gewesen sei zu schießen. "Wie geht es meinem Sohn?", fragte die Mutter, 78 Jahre alt. Er sei im Krankenhaus, die Ärzte hätten ihn operiert, Beinschuss. Keine Lebensgefahr, sie müsse sich keine Sorgen machen.

Der 6. Oktober 2012 war der Tag, an dem der 50 Jahre alte André Conrad von der Polizei im Berliner Stadtteil Wedding getreten, geschlagen und angeschossen wurde. Zwei Wochen später starb er an einem Multiorganversagen. Eine Kugel hatte seinen linken Oberschenkel durchlöchert, eine andere war durch Bauch und Rücken gedrungen. Sein rechter Unterschenkel war regelrecht zerstört, 42 Zentimeter lang war die Wunde laut Obduktionsbericht. In die rechte Hand hatte ihn ein Polizeihund gebissen, der linke Unterarm war blutunterlaufen.

Was hatte André Conrad getan? Wie konnte es geschehen, dass er von Amts wegen so zugerichtet wurde?

Um 14.23 Uhr war der Notruf bei der Polizei eingegangen. So steht es in den Ermittlungsakten. Ein Mann mit einem Beil treibe sich vor einem Getränkeladen in der Antwerpener Straße herum; er sehe aus, als würde er etwas anstellen wollen. Von einer unmittelbaren Bedrohung steht im Protokoll des Notrufs nichts. Um 14.28 Uhr meldeten die Polizistin S. und ihr Kollege L., dass sie an Ort und Stelle seien. Zwei Minuten später schossen sie.

Die Polizistin habe ihn laut Aussagen von Zeugen mehrmals aufgefordert, das Messer wegzuwerfen. Beide Hände fest um die Waffe, soll S., eine Beamtin von Ende 20, auf der Straße gestanden haben. Ihr gegenüber, drei, vielleicht vier Meter entfernt, André Conrad. In seinem Hosenbund steckte eine Axt. In der linken Hand hielt er eine Bierflasche, in der rechten ein Küchenmesser. Die Klinge ist 19 Zentimeter lang, so wird es später aus den Akten hervorgehen.

Christiane Pregizer war in ihrem Blumenladen an der Antwerpener Straße, als sie den ersten Schuss hörte. Dann noch einen. Sie habe nachsehen wollen, was los war, erzählt sie uns. Im ersten Moment habe sie an Jugendliche und Knallkörper gedacht. Als sie durch das Schaufenster ihres Ladens blickte, sah sie die junge Polizistin gegenüber, die mit ihrer Waffe auf einen Mann zielte, der sich nicht bewegte. Der nur dastand, wie erstarrt, mit einem Messer in der Hand. Kurz sei er hin und her gewankt. "Der muss betrunken sein", habe sie gedacht. Wieder ein Schuss, in die Luft. Christiane Pregizer hörte die Polizistin schreien, kein beruhigendes Wort habe sie gesprochen: "Messer weg! Messer weg!" Doch der Mann habe nicht reagiert.

Dann, so geht es aus den Akten hervor, traf ein Schuss den Mann ins Bein. Er ging zu Boden, das Messer immer noch fest umklammert, die Axt rutschte ihm aus dem Hosenbund, sie lag nun unter ihm. Ein Hieb mit einem Schlagstock traf ihn auf den Arm. Der Mann ließ das Messer los. Dann zog er ein zweites Messer aus seiner Hosentasche.

14.36 Uhr. Die Beamten waren jetzt zu sechst. Auf der Straße hätten nun etwa 30 Schaulustige gestanden, berichten Zeugen. "Bullenschweine", habe einer aus der Menge gebrüllt. "Einen Betrunkenen fertigmachen, das könnt ihr." Mehrere Passanten holten ihre Handys hervor. Sie filmten, wie die Beamten dem am Boden sitzenden, blutenden André Conrad Pfefferspray in die Augen sprühten, aus mehreren kleinen Flaschen und einer großen. Sie duschten ihn geradezu, doch der Mann spürte offenbar keinen Schmerz. Er war schon ganz nass, sein Bein eigenartig verdreht, er wirkte abwesend, stach ziellos mit dem Messer in die Luft. Die Passanten filmten, wie ein Beamter Anlauf nahm und André Conrad mit Wucht in den Nacken trat.

Hat A. Conrad nur Streit gesucht oder wollte er sich umbringen?

Mehrmals schlugen zwei Beamte André Conrad mit Schlagstöcken auf den rechten Arm. Er ließ das Messer fallen. Dann hetzte ein anderer Polizist einen Hund auf den nun Liegenden, der laut Aussage eines Beamten in die Hand, in den Arm und in den Oberschenkel gebissen wurde.

Christiane Pregizer, die Floristin, bekommt heute, vier Monate später, immer noch eine Gänsehaut, wenn sie an den Polizeieinsatz denkt. "Diese vielen Schüsse, die Tritte, der Hund, das war wie eine Hinrichtung", sagt sie.

Als Frau Conrad am Sonntag in der Klinik ihren Sohn besuchte, um den sie sich keine Sorgen machen sollte, lag er nach einer Notoperation im Koma. Zwei Wochen lang kämpften die Ärzte um sein Leben, doch er sollte nicht wieder aufwachen. Herzstillstand, Lungenembolie. Letztlich starb André Conrad an den Folgen der Schussverletzungen, so die Obduktion. Einen Monat nach den Ereignissen an der Antwerpener Straße trug Frau Conrad ihren Sohn zu Grabe. Von der Polizei kam niemand. Sie hörte auch kein Wort des Bedauerns.

Hatte André Conrad sich umbringen wollen, wie es seine Mutter jetzt manchmal denkt? Das wäre suicide by cop gewesen, eine Methode des Selbstmords, bei der man einen Polizisten provoziert, in der Hoffnung, von ihm erschossen zu werden. Oder suchte er vielleicht nur Streit, weil er zu viel getrunken hatte? An einem Kiosk soll er laut einer Zeugenaussage den Verkäufer gefragt haben, ob der ihn umbringen könne. Einem Bekannten, den er traf, erzählte er etwas von Chinesen, an denen er sich für den Tod seines Sohnes rächen wolle. Wirres Zeug.

War das Verhalten der Beamten angemessen? Mehrere Polizisten gingen auf einen offenbar Betrunkenen los, der bald blutend auf dem Boden saß. Sie schlugen und traten ihn, jagten einen Hund auf ihn, gaben zehn Schüsse ab. Professionell wäre es gewesen, den Verwirrten zu beruhigen und so wenig Gewalt wie möglich einzusetzen. Was hinderte die Beamten, auf einen Psychologen und ein Spezialkommando zu warten, die für solche Fälle geschult sind? Es gibt viele Fragen, die vor Gericht zu stellen wären.

André Conrad, gelernter Maler, später Küchenhilfe am Flughafen Tegel, dann arbeitslos, hatte mehrere Einträge im Strafregister wegen Trunkenheit am Steuer. Er litt an depressiven Episoden. Seinen Eltern half er regelmäßig bei der Hausmeisterei in einem Mietshaus in Schwerin.

Am 6. Oktober 2011, auf den Tag genau ein Jahr vor dem Polizeieinsatz im Wedding, brachten Rettungskräfte Conrad auf die psychiatrische Station eines Schweriner Krankenhauses. Er soll in der Wohnung seiner Eltern einen Vorhang neben einer Gastherme angezündet haben. Conrad sagte, es sei ein Versehen gewesen. Die Polizei vermutete einen Suizidversuch, weil er die Rauchmelder in der Wohnung abmontiert hatte, seine Kleidung mit Spiritus getränkt war und die Sanitäter um eine "Todesspritze" gebeten hatte.

Die Staatsanwaltschaft Schwerin ermittelte wegen schwerer Brandstiftung gegen ihn und erhob Anklage. Ein psychiatrischer Gutachter wurde bestellt. Die vergangenen 20 Jahre habe er viel getrunken, zunächst nur am Wochenende und bei Problemen, erzählte Conrad dem Arzt. Nachdem sein Sohn Alexander 2009 mit Anfang 20 an einer Medikamentenunverträglichkeit gestorben war, seien es täglich ein bis zwei Flaschen Wein gewesen. Der Gutachter befand zu Conrad: Sollte er sein Alkoholproblem nicht in den Griff bekommen, könnte er erhebliche Straftaten wie Brandstiftung oder Körperverletzung begehen. Zur Gerichtsverhandlung sollte es aber nicht mehr kommen.

Im Januar 2012 starb sein Vater. Conrad zog zurück nach Berlin, in die Nähe seiner Mutter. Er half ihr im Garten, ging für sie einkaufen.

In den letzten Tagen vor dem Polizeieinsatz, sagt Frau Conrad, habe sich ihr Sohn verändert. Kaum ein Wort sprach er noch. "Zuletzt kam er nicht mal mehr mit zu Papas Grab." Dann sagt sie: "Ich glaube, er wollte nicht mehr." Sicher ist, dass ihr Sohn in keinem guten Zustand war, als er die Axt nahm und auf die Straße ging.

André Conrad war krank. Auch ein Kranker kann erwarten, dass Polizisten ihn unter Kontrolle bringen, ohne gleich zu schießen.

Brunhilde Conrad möchte Gerechtigkeit. Der Weg wird schwer.

Brunhilde Conrad möchte Gerechtigkeit. Sie hat sich einen Anwalt genommen. Der Weg wird schwer. Nur wenige Fälle von Polizeigewalt werden aufgeklärt, selten kommt es zur Anklage, fast nie zu einer Verurteilung. Polizisten, die gewalttätig werden, haben in Deutschland kaum etwas zu befürchten. Wird das auch im Fall André Conrad so sein? Da hat das Video eines Zeugen den Weg in die Presse gefunden. Im Internet kann nun jeder sehen, wie Polizisten André Conrad auf offener Straße malträtieren (siehe Gewalttäter in Uniform, ZEIT Nr. 42/12).

Die Mordkommission des Landeskriminalamtes hält das Video als Beweismittel indes für nicht brauchbar. Man sehe das Abfeuern der Schüsse nicht. Von den Grausamkeiten, die das Video zeigt, ist in den Akten keine Rede. Wenige Tage nach der Tat hatte die Berliner Staatsanwaltschaft das Delikt von versuchtem Totschlag zu gefährlicher Körperverletzung abgeschwächt. Seit André Conrad starb, wird wegen vollendeten Totschlags ermittelt.

Neunzehn Zeugen befragte die Polizei. Mehr als dreißig Menschen sollen den Einsatz beobachtet haben. Christiane Pregizer, die das Geschehen aus ihrem Laden beobachtet hatte, wurde nicht befragt. Die Zeugen schilderten den Polizeieinsatz laut Protokoll alle ähnlich. Das Handeln der Polizei stellte kaum einer infrage. Warum auch? Ob die Polizei recht gehandelt habe, wurden die Zeugen nicht gefragt. Nur einer übte Kritik: Es wäre ein Leichtes gewesen, André Conrad zu beruhigen. Doch der Zeuge ist ein polizeibekannter Trinker, vor Gericht kein guter Zeuge.

Seit Mitte November hält die Polizei ihre Ermittlungen für nahezu beendet. Die zuständige Staatsanwältin überlegt immer noch, ob sie Anklage erhebt oder nicht. Die beschuldigten Polizisten berufen sich auf ihr Recht zu schweigen. Kurzzeitig waren sie krankgeschrieben, inzwischen tun sie wieder Dienst. Suspendiert waren sie nie. Dafür, betont ein Polizeisprecher, habe es keinen Grund gegeben.