Quengelzone: "Rein pflanzlich"
Marcus Rohwetters unentbehrliche Einkaufshilfe.
Manchmal weiß ich nicht, ob ich in einer Apotheke bin oder im Gartencenter. Hier wie dort fahren die Kunden total auf Grünzeug ab. Mal fragt einer den Apotheker: »Haben Sie etwas rein Pflanzliches?« Bisweilen weist der Weißkittel unentschlossene Kunden auch von sich aus darauf hin, dass es sich bei einer Arznei um ein rein pflanzliches Präparat handele.
Reinpflanzlichkeit ist ein tolles Verkaufsargument. Aber warum eigentlich? Machen Sie einen kleinen Selbsttest: Angenommen, Sie haben Beschwerden und können sich zwischen zwei Medikamenten entscheiden. Beide wirken gleich gut und gleich schnell, sind gut verträglich und kosten dasselbe. Einziger Unterschied: Die eine Arznei ist rein pflanzlich, die andere nicht. Welche nehmen Sie? Na?
Wer versucht, seine Entscheidung zu begründen, driftet unweigerlich ins Vage. Die wenigsten von uns sind Pharmakologen und können die Frage wissenschaftlich beantworten. Der Entscheidung dürfte eher ein romantisch verklärtes Naturverständnis zugrunde liegen: Pflanzen sind gut. Man hält Kräuter selbst dann für sanft, wenn man noch nie von ihnen gehört hat. Behauptet ein Medizinmann zudem, dass irgendwelche alten Naturvölker diese Pflanze schon seit Jahrhunderten nutzen, verpuffen endgültig alle Zweifel. Dass die Mitglieder dieses Urvolkes vielleicht bloß eine durchschnittliche Lebenserwartung von 45 Jahren haben – geschenkt. Muss ja nicht am Kraut liegen.
- Quengelzone
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Dabei wirkt manches Grünzeug unzweifelhaft lebensverkürzend. Man muss dafür nicht einmal weit reisen, ein Spaziergang in der Nachbarschaft genügt. Bald ist ja wieder Frühling. Aber bitte vermeiden Sie es, Maiglöckchen, Tollkirschen oder Roten Fingerhut zu sich zu nehmen. Das Zeug ist zwar garantiert rein pflanzlich. Aber mit einiger Wahrscheinlichkeit tödlich.




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