Der Glanz ist weg. Seit drei Jahren schon. Damals erfuhren die reformpädagogischen Internate, dass ausgerechnet an ihrer Vorzeigeinstitution Odenwaldschule Schüler systematisch sexuell missbraucht wurden. Der Haupttäter war Gerold Becker, einer der Säulenheiligen der reformpädagogischen Bewegung. 132 Opfer haben sich gemeldet.

Damit begann im Frühjahr 2010 die Krise der Internate. Vorbei waren die Zeiten, in denen sich die Pädagogen der Landerziehungsheime und Hermann-Lietz-Schulen mit gehörigem Sendungsbewusstsein als Vordenker in Sachen schulischer Bildung in Szene setzen konnten. Ihr Programm vom "ganzheitlichen Lernen", der Schule als "Lebensraum", in dem die Gemeinschaft über allem steht, hatte als Gegenentwurf zur "verkopften und überregulierten Staatsschule" eine große Verführungskraft entwickelt. Nun aber war das Image der reformpädagogischen Internate so beschädigt wie nie zuvor. Seitdem kämpfen sie um ihren Ruf – und um einen Neuanfang.

Die Symptome der Krise sind vielschichtig. Längst geht es nicht mehr allein um den massiven Vertrauensverlust durch den Missbrauchsskandal.

Der demografische Wandel, die schwindenden Schülerzahlen machen den Schulen zu schaffen. Nach der Debatte um den sexuellen Missbrauch ging die Nachfrage in manchen Einrichtungen um bis zu 30 Prozent zurück. Bereits 2008 hatten die Internate durch die Finanzkrise Einbrüche verkraften müssen. Die finanzielle Verunsicherung hielt so manches Elternhaus davon ab, sich für einen Internatsplatz zu entscheiden, der im Durchschnitt 2500 Euro pro Monat kostet.

Auch die Umstellung vom neunjährigen auf das achtjährige Gymnasium ist ebenso zu einer wirtschaftlichen Herausforderung geworden. Durch das verkürzte Abitur fehlt in der Oberstufe ein ganzer Jahrgang.

Unter Druck geraten die Internate außerdem durch zunehmende Konkurrenz. Fürchteten sie vor einigen Jahren noch die englischen Internate, die deutsche Schüler abzogen, sehen sie sich jetzt auch durch die staatlichen Schulen bedrängt. Viele von ihnen haben in den letzten Jahren nicht nur durch moderne, leistungsorientierte Lernkonzepte überzeugt. Sie machen durch die Einführung der Ganztagsschule nun auch berufstätigen Eltern ein ernst zu nehmendes Angebot.

Wenn sich alles bewegt und verändert, hat nur der eine Chance, der sich auch bewegt. Kenner der Internatsszene schätzen, dass den anstehenden Verdrängungswettbewerb nicht alle Einrichtungen überleben werden. "Die Internate werden begreifen müssen, dass das Markenzeichen Reformpädagogik allein keinen Erfolg mehr garantiert", sagt German Denneborg vom bayerischen Kultusministerium.

Die Krise der Internate ist auch eine Sinn- und Legitimationskrise geworden. Wofür stehen die Internate noch? Was haben sie zu bieten, was andere nicht haben? Hinzu kommen der öffentliche Vorwurf, sich nicht selbstkritisch und konsequent genug mit dem Zusammenhang zwischen Reformpädagogik und sexuellem Missbrauch auseinandergesetzt zu haben, sowie die Frage nach der lückenlosen Aufarbeitung der Geschichte jeder einzelnen Einrichtung. Jedes Internat findet einen anderen Weg, sich all dem zu stellen – oder auszuweichen.

Die ZEIT hat 17 Internate gebeten, einen Fragebogen zum aktuellen Umgang mit sexuellem Missbrauch und zur Aufarbeitung der Vergangenheit zu beantworten. Neun von ihnen haben reagiert. Sie alle berichten von einer offenen schulinternen Debatte über Sicherheits- und Präventionskonzepte zum Schutz ihrer Schüler, von der Überprüfung der Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Lehrern und Kindern, von der Diskussion über Nähe und Distanz, über die Zukunft der oft intimen, familienähnlichen Wohnformen.