Schauspielerin Bibiana BeglauBei Gefahr kommt der Tiger

Die Schauspielerin Bibiana Beglau geriet mehrfach in Gefahr. Jedes Mal hatte sie dieselbe Erscheinung. von 

ZEITmagazin: Frau Beglau, die Theaterkritik fordert vom Schauspieler, die Abgründe einer Figur auszuleuchten. Haben Sie selber Abgründe?

Bibiana Beglau: Leider nein – schon verloren! (lacht) Ich weiß nicht, ob ich Abgründe habe. In der Kindheit hörte ich immer von den Erwachsenen den Satz: »Kind, bist du noch zu retten!« Lehnst dich zu weit aus dem Fenster, schwimmst zu weit raus.

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ZEITmagazin: Stimmt, diesen Spruch gab es früher ständig. Heute sagt das keiner mehr.

Bibiana Beglau: Ja, auch irgendwie schade. Rettung braucht es nur, wenn man in eine lebensgefährliche Situation gerät. 

ZEITmagazin: Ist Ihnen das schon mal passiert?

BIBIANA BEGLAU

41, wurde in Braunschweig geboren. Sie studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Für ihre Rolle in dem Film »Die Stille nach dem Schuss« wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Zurzeit ist sie unter anderem am Münchner Residenztheater und am Hamburger Thalia Theater zu sehen

Bibiana Beglau: Es gab drei solche Situationen in meinem Leben, und die haben alle etwas Wundersames gemeinsam: eine Erscheinung. Die erste Szene spielt am Gardasee. Ich war vielleicht acht Jahre alt und tollte mit älteren Jungs auf einem Steg herum. Einer von ihnen hob mich hoch in die Luft und ließ mich fallen. Ich schlug mit dem Rücken auf der Kante des Stegs so derbe auf, dass mir die Luft wegblieb. Dann fiel ich doch ins Wasser, war aber von dem Aufschlag so gelähmt, dass ich nicht atmen und schon gar nicht schwimmen konnte. Die anderen mussten mich aus dem Wasser ziehen. In dem Moment sah ich ein Bild: ein weißer Tiger in einer Schneelandschaft. Ich dachte nicht groß darüber nach und vergaß ihn wieder. Zehn Jahre später war ich mit Freunden in Griechenland im Parnassgebirge. Einer aus der Gruppe war so ein irrer Triathlet, der ohne Landkarte einfach den Berg erstürmte. Wir waren fünf Leute, die sich diesem Mann anschlossen, die anderen hatten keine Lust und blieben unten. Wir hatten viel zu wenig Wasser dabei und keine Salztabletten. Wir erreichten den Gipfel, aber auf dem Weg zurück verirrten wir uns. Der Berg war eine Geröllhalde, es war total erschöpfend, da zu wandern. Wir hatten einen Höllendurst. Die Sonne brannte. Unsere Hände begannen anzuschwellen, unsere Mundwinkel waren eingerissen, und von den Lippen hingen die Hautfetzen. Als wir unten ankamen, hatten die anderen schon die Bergwacht gerufen. Ich weiß noch, wie wir über eine Wassermelone herfielen. Und da plötzlich tauchte wieder dieser Tiger auf, der über ein Schneefeld läuft. Er hatte ein menschliches, leicht asiatisches Gesicht und schaute mich von der Seite an.

ZEITmagazin: Hatten Sie das Gefühl, er wollte Ihnen etwas mitteilen?

Bibiana Beglau: Damals dachte ich das nicht. Erst als er sich vor fast drei Jahren ein drittes Mal zeigte, wurde ich nachdenklich.

ZEITmagazin: Wieder in einer bedrohlichen Situation?

Bibiana Beglau: Es ging mir sehr schlecht. Es war eine Situation, in der alles, was ich für die Wahrheit hielt, sich als Lüge herausstellte. Das machte mich völlig orientierungslos.

ZEITmagazin: Sie wurden betrogen?

Bibiana Beglau: Es waren biografische Lügen in sehr existenziellen Fragen. Als ich es zu ahnen begann und den Mann zur Rede stellte, ersetzte er nur eine alte Lüge durch eine neue. Ich wusste nicht mehr, ob ich mir selber trauen kann. Der Boden war unter meinen Füßen weggezogen. Es gab kein Verhältnis mehr zur Realität.

ZEITmagazin: Wie sind Sie hinter die Lügen gekommen?

Bibiana Beglau: Ich habe angefangen, wie ein Detektiv zu forschen. Ich führte Tagebuch und begann, alles zu rekonstruieren: Zu welchem Zeitpunkt war was? Wann hat wer wie was gesagt? Ich habe Freunde und Bekannte gefragt und akribische Forschungsarbeit an der Realität betrieben.

ZEITmagazin: Was hat die Krise mit Ihnen gemacht?

Bibiana Beglau: Ich konnte nicht mehr schlafen, ich hungerte und wurde immer dünner. Und da tauchte wieder dieser Tiger auf, im Dämmerschlaf. Sagt nichts, tut nichts, schaut mich an. Seltsam, was in unseren Köpfen vor sich geht. Der Mensch hat wohl Bilder, die von ganz woanders herkommen, wenn man in eine lebensbedrohliche Situation gerät. Ich weiß noch immer nicht, was der Tiger mir sagen wollte, aber sein Auftauchen in diesem Moment hat mich irgendwie gerettet. Jedenfalls scheint der Tiger immer etwas mit bedrohter Körperlichkeit zu tun zu haben. Ich war total dünn, viele Körperfunktionen fielen einfach aus.

Ijoma Mangold

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Lara Fritzsche zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

ZEITmagazin: Als Schauspieler ist man immer unter Beobachtung. Konnten Sie weiter Ihrer Arbeit nachgehen?

Bibiana Beglau: Das ging komischerweise. Arbeiten konnte ich schon immer. Der Regisseur tat so, als sei nichts. Solange der Vorhang aufgeht, ist alles egal. Und die Arbeit hat mir dann auch wieder eine Realität gesichert.

ZEITmagazin: Wie haben Sie den Boden unter den Füßen wiedergefunden?

Bibiana Beglau: Es hat gedauert. Ich habe einfach wieder angefangen, mit kleinen Schritten mein eigenes Leben zu führen und alle Dinge, die mich umgaben, bei ihrem Namen zu nennen – jenseits von Verdrehung und Lügen. Und da kam die Kraft und alle Fülle des Lebens zurück.

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    • Serie Das war meine Rettung
    • Schlagworte Arbeit | Berg | Detektiv | Erwachsene | Griechenland | Regisseur
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