Atom-U-BooteDer strahlende Rost des Kalten Krieges

In den Buchten des russischen Polarmeers helfen deutsche Ingenieure, abgewrackte Atom-U-Boote wegzuräumen. von Diana Laarz

Atom-U-Boot "Akula"

Diese Aufnahme aus dem Jahr 1995 entstand in Murmansk und zeigt das Atom-U-Boot "Akula", was "Hai" bedeutet.   |  © Dmitry Barinov/AFP/Getty Images

Es ist halb zehn Uhr morgens, 250 Kilometer nördlich des Polarkreises. Hagelkörner blitzen durch die Dämmerung, eine felsige Landschaft, militärisches Sperrgebiet. Die Geldgeber schaukeln in großen deutschen Autos über die Piste. Es sind Männer mit grauem Haar, Bauchansätzen und schwarzen Koffern. Sechs Ingenieure aus Deutschland.

Der Fahrer ruft: "Nächster Halt, Saida-Bucht." Als die Männer aussteigen, wartet schon ein Empfangskomitee, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen zum Schutz gegen die arktische Kälte. "Willkommen zurück und guten Morgen." Das R rollt hart und lang, wie nur Russen es können.

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Der Mann, der zuerst die ausgestreckte Hand ergreift, ist Detlef Mietann, Kernkraftwerkstechniker bei den Energiewerken Nord (EWN) im vorpommerschen Lubmin. Er ist 59 Jahre alt und selten ohne Pfeife und das Döschen Vanilletabak unterwegs. Er braucht auch bei Minustemperaturen keine Handschuhe und beherrscht die Kunst des Verbrüderns per Händedruck. Mietann ist wie geschaffen dafür, den rostigen Rest der einstmals stolzen sowjetischen Nordmeerflotte abzuwracken.

Die EWN haben vom Bundeswirtschaftsministerium den Auftrag bekommen, in der Saida-Bucht stillgelegte Atom-U-Boote zu beerdigen. 600 Millionen Euro zahlt die Bundesregierung dafür. Viel Geld, um einem Land zu helfen, das mit Gas und Öl selbst Milliarden scheffelt. "Ohne uns hätten das die Russen nie geschafft", sagt Detlef Mietann. Sein norddeutscher Singsang klingt immer ein wenig nach Seebären-Schnack. Aber Mietann meint es ernst. Alle zwei bis vier Wochen fliegen er und sein Team in die Arktis-Stadt Murmansk und fahren von dort bis an die Küste des Nordmeers. Dann überprüfen sie, ob "die Russen" das deutsche Geld ordnungsgemäß verbauen.

Rundgang durch den Rohbau des regionalen Entsorgungszentrums. Hier sollen von 2014 an radioaktive Abfälle zerschnitten und verpackt werden. Den Ingenieuren um Mietann war besonders wichtig, dass Wände und Decken der Halle – größer als ein Fußballfeld – fertig wurden, bevor die Polarnacht mit Frost zuschlug und der Beton bei minus 35 Grad Celsius nicht mehr angemischt werden konnte. Das hat geklappt, das Gebäude ist dicht. Und jetzt wird über die Details verhandelt.

Ein Ingenieur klopft gegen die Aufhängungen für Be- und Entlüftungsrohre: "Dieser Plastikscheiß, ich weiß ja nicht, wie brandsicher der ist." Ein anderer ist unzufrieden mit einer Brandmauer: "Jetzt erkläre ich mal, wie das nach DIN-Norm aussehen müsste." Die Trennwand zwischen zwei Hallenteilen ist uneben, notdürftig verspachtelt. Die Deutschen schütteln kollektiv den Kopf. "Sag mal, habt ihr so viel Zeit, dass ihr es euch leisten könnt, alle Arbeiten zwei- oder dreimal zu machen?" Dem russischen Bauleiter fällt nichts anderes ein, als einfach "Nein" zu sagen.

Keiner wusste, wohin mit dem Müll – die Boote wurden einfach versenkt

Detlef Mietann nennt sein Team "meine Jungs". Sie sind allesamt in der ehemaligen DDR oder in der Sowjetunion aufgewachsen, haben in Moskau, Orenburg und Kiew studiert. Sie sprechen eine gemeinsame Sprache, sagen "die Trasse", wenn sie von ihrer Arbeit an der Erdgasleitung "Druschba" sprechen, und "Leningrad", wenn sie St. Petersburg meinen. Sie können beim Mittagessen Witze erzählen, dass auch den Russen vor Lachen der Löffel aus der Hand fällt, und kneifen nicht, wenn am Abend Wodka ausgeschenkt wird. Aber sie würgen sofort die Diskussion ab, wenn es um einen Haufen Baumüll vor der Tür des Entsorgungszentrums geht, der schon viel zu lange dort liegt. "Wir repräsentieren doch hier ganz Deutschland und die deutschen Geldgeber. Da müssen wir streng sein, sonst geht’s nicht anständig voran", sagt Nikolai Reimer, einer aus dem Team.

Das deutsche Geld, nach so viel es auch klingen mag, ist nur ein Bruchteil der Summe, die Russland erhält, um nach Ende des Kalten Krieges abzurüsten. Vor zehn Jahren begründeten die G-8-Staaten im kanadischen Kananaskis die sogenannte Globale Partnerschaft. Damals wurde beschlossen, Russland bis zu 20 Milliarden US-Dollar zur Verfügung zu stellen. Nach den USA ist Deutschland mit 1,5 Milliarden Dollar der zweitgrößte Geldgeber. Die Bundesregierung konzentriert sich auf die Vernichtung von Chemiewaffen und eben die Verschrottung der Atom-U-Boote. "Vielleicht hätten die Russen die Milliarden auch selbst aufbringen können", sagt Mietann. "Aber sie hätten ohne den internationalen Druck und das Know-how aus Deutschland dieses Mammutprojekt niemals so schnell realisiert."

Leserkommentare
    • elvis99
    • 18. Februar 2013 19:27 Uhr

    zeigt ein U-Boot der Akula-Klasse, offiziell Projekt 941 (NATO Code: Typhoon). Und die U-Boote können von jedem Punkt der Erde ihre Raketen losschicken, das ist der Vorteil der langen Operationszeit der russischen U-Boote. Im Kalten Krieg haben sich diese gerne unter dem Eis der Arktis versteckt, da sie dort extrem schwer zu orten sind/waren.

    Zum Artikel: ja, die Russki hätten genug Geld, den Mist dort selbst wegzuräumen. Aber vielleicht war es doch besser, dass die Deutschen das zumindest angestoßen haben - wer weiss, wo sonst das Geld dafür versickert worden wäre.

    Es bricht mir das Herz zu sehen, wozu Dummheit und die klassische "mir doch egal"-Mentalität fähig sind. Und bezüglich der Hebungsversuche der gesunkenen U-Boote kann ich nur sagen; viel Spaß, danach würde ich keinen Polardorsch mehr essen...

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    • klom
    • 18. Februar 2013 21:05 Uhr

    <strong>ja, die Russki hätten genug Geld, den Mist dort selbst wegzuräumen. Aber vielleicht war es doch besser, dass die Deutschen das zumindest angestoßen haben - wer weiss, wo sonst das Geld dafür versickert worden wäre.<strong>

    Die Technische und Finanzielle Hilfe hat nichts mit Nächstenliebe zu tun. Das war ein NATO Programm um Russland ohne Krieg zu Entwaffnen, gerade in den 90er wurden teilweise nagelneue U-boote, Raketen, Flugzeuge und andere Militärausrüstungen verschrottet. Heute würde Russland solche extrem einseitige Verträge nicht mehr eingehen, dass war nur unter dem Alkoholiker Jelzin möglich, im Gegenteil, heutzutage werden viele geplante Verschrottungen revidiert und die betreffenden Schiffe, Raketen usw. modernisiert und wieder in den dienst gestellt.

    • klom
    • 18. Februar 2013 21:05 Uhr

    <strong>ja, die Russki hätten genug Geld, den Mist dort selbst wegzuräumen. Aber vielleicht war es doch besser, dass die Deutschen das zumindest angestoßen haben - wer weiss, wo sonst das Geld dafür versickert worden wäre.<strong>

    Die Technische und Finanzielle Hilfe hat nichts mit Nächstenliebe zu tun. Das war ein NATO Programm um Russland ohne Krieg zu Entwaffnen, gerade in den 90er wurden teilweise nagelneue U-boote, Raketen, Flugzeuge und andere Militärausrüstungen verschrottet. Heute würde Russland solche extrem einseitige Verträge nicht mehr eingehen, dass war nur unter dem Alkoholiker Jelzin möglich, im Gegenteil, heutzutage werden viele geplante Verschrottungen revidiert und die betreffenden Schiffe, Raketen usw. modernisiert und wieder in den dienst gestellt.

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    • kitoi
    • 18. Februar 2013 23:56 Uhr

    ... der Grund für die unablässige Verunglimpfung Putins. Er lässt sich eben nicht mehr am Nasenring durch die Manege ziehen, wie Jelzin.

    • kitoi
    • 18. Februar 2013 23:56 Uhr

    ... der Grund für die unablässige Verunglimpfung Putins. Er lässt sich eben nicht mehr am Nasenring durch die Manege ziehen, wie Jelzin.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf ".............."
  1. dass der russishe Polarbär aus seinem Winterschlaf erwacht ust, sonst hätte ihn die sich heranschlängelnde NATO-Vieper den Todesbiss versetzt. Eine moderere Ubootflotte kommt jetzt genau richtig um die ausufernden Aggressions und Rohstoffkrige der EU und der USA zu kontern. Wiedermal zahlt Russland und das russische Volk den Preis für die Bekämpfung europäischer/amerkikanischer Großmannssucht und Sicherung des privilegierten Lebensstandard für Nordeuropäer und Nordamerikaner. Danke an die Russen, dass sie sich den Deutschen und Angelsachsen unerschrocken entgegenstellen. Danke insbesondere an Putin.

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    *Sarkasmus an*
    Wir alle in Europa sind ja nur geil darauf wieder zu marschieren: "Barbarossa Reloaded" oder "Barbarossa 2.0", was auch immer. Und das in Tscheljabinsk war natürlich kein Meteorit, der da heruntergekommen ist. Das waren unsere Langstrecken-Raketen, deren Wirkung wir getestet haben.
    *Sarkasmus aus*

  2. schönes Beispiel für die aus Moskau bezahlten Kommentatoren. Danke für das Anschauungsmaterial! Werde ich in meinen nächsten Vorträgen gut gebrauchen können.

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    wie manche Kommentatoren ihre fehlenden Kenntnisse und Argumente mit dem Begriff "bezahlt" ersetzen.

  3. wie manche Kommentatoren ihre fehlenden Kenntnisse und Argumente mit dem Begriff "bezahlt" ersetzen.

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    Antwort auf "Interessant und ein"
  4. *Sarkasmus an*
    Wir alle in Europa sind ja nur geil darauf wieder zu marschieren: "Barbarossa Reloaded" oder "Barbarossa 2.0", was auch immer. Und das in Tscheljabinsk war natürlich kein Meteorit, der da heruntergekommen ist. Das waren unsere Langstrecken-Raketen, deren Wirkung wir getestet haben.
    *Sarkasmus aus*

    Antwort auf "Höchste Zeit"

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