Schweiz Wie ein Delfin im Schnee

Im schweizerischen Engelberg kann man Skilehrer für nur eine Abfahrt mieten. Hilft das? Ein Testlauf von Bjørn Erik Sass

Eine Abfahrt – drei mögliche Lehrer: Armin, Jaques und Thomas (von links) auf dem Jochpass.

Eine Abfahrt – drei mögliche Lehrer: Armin, Jaques und Thomas (von links) auf dem Jochpass.  |  © Tina Steinauer

Ich fahre Ski wie ein toter Baum. Muss ich um die Kurve, kralle ich einen meiner Äste in den Schnee und wuchte die Masse mit einem Ruck herum. Das ist das Ergebnis einer Videoanalyse, mit der mich meine nähere soziale Umgebung nach dem letzten Winterurlaub überraschte. Und ich hatte gedacht, ich komme jede Piste hinunter und wirke noch elegant dabei.

Ich brauche Nachhilfe. Aber an einem Skikurs teilnehmen und stunden-, tagelang Lektion um Lektion verarbeiten müssen, das würde mich erschöpfen. Dann finde ich die »Rent a Ski Instructor«-Anzeige einer Skischule im schweizerischen Engelberg. »Mieten Sie Ihren Skilehrer direkt auf der Piste«, lese ich und: »1 Abfahrt inkl. Techniktipps 19 Franken«. Das wäre ja ein Knüller, wenn das funktioniert, eine Abfahrt lang Unterricht bekommen und damit schon weicher in der Hüfte werden.

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Engelberg liegt am Ende eines 25 Kilometer langen Tales in einem Kessel. Was für ein Blick vom Bahnhof nach Süden: wuchtige Gipfel, schroffe Wände und über allem der 3239 Meter hohe Titlis. Weit oben an seiner Flanke ziehen sich Schlieren durch den Schnee. Ein Mann sieht meinen verwirrten Blick. »Das sind Freerider«, sagt er. Sehen großartig aus, so losgelöst.

Armin hat Kiefer und Kinn und dieses Hochenergetisch-Positive

Engelberg ist das meistbesuchte und mit 82 Pistenkilometern das größte Skigebiet der Zentralschweiz. Fern der Ferien, an einem Sonntagabend Mitte Januar, ist von Menschenmassen allerdings nichts zu sehen. Im Dorfzentrum Hotels mit Anklängen mal an Alpenrustikal, mal an Belle Époque, das Heimatmuseum mit den Wappen der wichtigen alteingesessenen Familien, das 900 Jahre alte Kloster mit der größten Orgel der Schweiz. Alles sehr schön. Sehe ich mir gründlich an, wenn ich die Nase voll haben sollte vom Skifahren oder mir was breche.

Auf dem Weg ins Skigebiet am nächsten Morgen verstehe ich an der Talstation noch weniger als unter Schweizerdeutschen: Busladungsweise drängen Tagesausflugs-Chinesen in die Gondeln. Die wollen auf den Titlis, der gehört für die Asiaten anscheinend zum Pflichtprogramm einer Schweiz-Reise, erklärt mir der Gondelmann.

Die Skischule hat gerade ihren Stand vor der Restauranthütte auf dem Jochpass aufgebaut, drei Skilehrer stehen hinter dem Biertisch. Viele Leute schauen interessiert auf den Angebotsflyer, aber niemand will der Erste sein. Bleibt mir die Auswahl. Ich werde nur eine Lehrabfahrt machen, welcher »Instructor« passt am besten?

Thomas, weil er so groß wie ich ist und darum vielleicht meine ungelenken Bewegungsabläufe versteht? Jaques, der Sozialwissenschaften studiert und an einem ethnologischen Projekt arbeitet? Kann er sich am besten in meine Fremdheit auf diesem Terrain hineinfühlen? Ich nehme Tom. Tom heißt eigentlich Armin, aber er hat Kiefer und Kinn und Blick und dieses Hochenergetisch-Positive, als würde Tom Cruise einen Engelberger Skilehrer spielen. Klein und beweglich, mein körperliches Gegenstück, von ihm werde ich mir am meisten abgucken können. Wir nehmen die mittelschwere Jochpass-Piste. Ein paar Hundert Meter lang, ich kann den Lift an ihrem Ende sehen.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Komme ich dort an, ist dann die Saat gesetzt, die mich zu einem besseren Skifahrer macht, kann das gehen? »Ja, sicher kann das gehen, oder?! Sehr gut sogar«, sagt Tom-Armin. Die Aktion war seine Idee. Weil er auf der Piste immer wieder Leute sieht und denkt, ein kleiner Tipp nur, und die würden viel besser und sicherer fahren. »Wenn sie dann merken, wie das hilft«, sagt Armin, »buchen sie ja vielleicht doch einen richtigen Kurs.« Eine Rolle gespielt haben dürfte auch, dass der Franken gerade urlauberabschreckend stark ist und die Gäste als Erstes am Skikurs sparen.

Bevor es losgeht, soll ich wie auf einem Manager-Seminar zur Erfolgsvisualisierung sagen, was ich lernen will. Ich skizziere die Baum-Problematik. Schockiert Tom-Armin kein bisschen, der bleibt skilehrergrundpositiv. Fährt voraus, den Blick zurück zu mir. Wie immer nutze ich die Piste in voller Breite. Das hat nur zum Teil mit Fahrfreude zu tun: Ich brauche den Konzentrationsanlauf, um kurz vorm Seitenaus die Ski mit aller Kraft herumzuwuchten.

Nach einigen Kehren stoppen wir. Armin zieht mit seinem Stock eine Abwärtsgerade in den Schnee, darüber eine scharfkantige Zickzacklinie. »So fährst du« sagt er. »Dieses Geknorze wollen wir nicht mehr!« Dann malt er Bogenschwünge in den Boden. »So wollen wir fahren!«, sagt er. Finde ich gut, nur wie? Tief in die Knie gehen, kurz vorm Wendepunkt aufrichten, Ski entlasten und rum. Dazu die Stöcke wie einen Fahrradlenker in die Hände nehmen. Klingt banal, aber hat mir noch nie jemand gesagt. Doch können diese Tricks noch fruchten?

Anreise

Von Zürich mit dem Zug in knapp 2,5 Stunden über Luzern nach Engelberg.

Unterkunft

Hotel Schweizerhof, ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt. Dorfstraße 42, Tel. 0041-41/6371105.

DZ mit Frühstück ab circa 150 Euro.

Abfahrt

»Rent a Ski Instructor« ist ein Angebot der Prime Ski School Engelberg.

Nächster Termin 9. Februar. Eine Abfahrt circa 15 Euro, zwei Abfahrten circa 28 Euro.

Skiverleih

Zum Beispiel Titlis Sport Engelberg, im Dorfzentrum und direkt an der Talstation, tgl. 8–18 Uhr, Tel. 0041-41/6380000.

Ski und Schuhe ab circa 45 Euro/Tag.

Auskunft

Engelberg-Titlis Tourismus, Tel. 0041-41/6397777

Ein Zehntel der Miet-Instruktoren-Strecke haben wir schon hinter uns. Funktioniert tatsächlich. Armins Lektionen im Ohr, ihn als Vorbild ein paar Meter vor mir – der Klotz wird beweglicher. Beim nächsten Stopp legt Armin noch einen drauf: Wie ein Delfin durch die Meereswogen soll ich im Auf und Nieder meines Kehrenschwunges den Hang hinuntergleiten, das sagt er wirklich so. Kommt mir ziemlich esoterisch vor, aber Armin ist so überzeugend, dass ich ohne Mucken mitmache.

»Stell dir einen Gewichtheber vor, der die Hantel im Ausatmen hochreißt«

Dann wird mir weiß vor Augen. Eine dichte Nebelwand ist den Berg hochgezogen. Armin erklärt nebenbei auch noch die Geografie des Tals. Diese Berge sind die erste Barriere für das Wetter aus Norden. »Wir stehen auf dem nördlichsten Hauptkamm, da kommt das Vorgebirge, davor nur noch Hügel – darum trifft uns Wetter aus Nord besonders brutal.« Wir flippern uns weiter hinunter. Das klappt mal besser, mal schlechter, aber nie mehr fahre ich so durchgängig hölzern und schwerfällig wie vorher.

Schließlich ergänzt Armin den Delfin und den Fahrradlenker um die passende Atemtechnik: Richte ich mich vor den Kehren auf, soll ich ausatmen. »Stell dir einen Gewichtheber vor, der die Hantel im Ausatmen hochreißt.« Sage ich mir auf, woran ich da alles denken soll, komme ich durcheinander, tue ich es einfach, passt alles zusammen. Am Lift schaue ich auf die Uhr: in zwanzig Minuten vom toten Holz zum Rad fahrenden Delfin.

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Leserkommentare
  1. Fällt mir auch oft auf und habe ich privat auch schon dutzendfach angewendet: ein Tipp, und plötzlich fährt der Freund/die Freundin viel besser. In der Tat liegt es oft an einer Kleinigkeit, wie große Armbewegungen beim Stockeinsatz, Kniesperre, ...

    Wichtig ist vor allem, schnell zu erkennen, wie jemand am besten lernt. Es gibt solche, die gucken sich alles ab, da muss man einfach nur vorfahren. Andere möchten Bilder wie eben das vom Delfin. Wieder andere sind sehr sportlich und freuen sich über anatomische Details und Skilehrer-Fachsprache (Oberkörperrotation, Aufkantwinkel, Achsenparallelität). DAS rechtzeitig herauszufinden, dürfte beim Kurz-Kurs das entscheidende Detail sein.

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  • Schlagworte Nordischer Skisport | Schweiz | Alpen | Wintersport
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