Schweiz"Zuwanderung tut uns gut"

Wir sollten über Ausländer so nüchtern debattieren wie über Staatsfinanzen – ein Gespräch mit Walter Leimgruber, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen von  und

DIE ZEIT: Herr Leimgruber, sind Sie ein echter Schweizer?

Walter Leimgruber: Nein. Ich komme aus dem Fricktal, einer Region, die bis 1799 österreichisch war. Meine Vorfahren sind dort irgendwann eingewandert. Noch meine Großmutter, die hundert Jahre später geboren wurde, sagte, wenn sie nach Aarau ging, sie gehe rüber in die Schweiz.

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ZEIT: Gibt es überhaupt echte Schweizer?

Walter Leimgruber

53, ist Professor für Ethnologie an der Universität Basel.

Leimgruber: Mit dieser Kategorie kann man nicht arbeiten.

ZEIT: Aber sie wird wieder häufiger bemüht.

Leimgruber: Gerade Leute, die sich in der Gegenwart verunsichert fühlen, suchen Verankerungen. Und eine davon ist die Herkunft. Sie wollen sich beweisen, dass sie etwas sind, was die anderen nicht sind. Sie sagen: Ich bin ein echter Schweizer, weil ich seit soundso vielen Jahren...

ZEIT: ZEIT:...und dann beginnen sie zu rechnen – und bekommen Probleme.

Leimgruber: Bei ungefähr 40 Prozent der Leute in der Schweiz kommen mindestens ein Elternteil oder sie selber aus dem Ausland. Geht man noch etwas zurück, sind die meisten von uns »Ausländer«.

ZEIT: Warum wird gerade in der Schweiz so intensiv wie sonst in kaum einem europäischen Land über das Fremde diskutiert?

Leimgruber: Die Personenfreizügigkeit hat in ganz Europa zu mehr Austausch und dadurch zu einem erhöhten Diskussionsbedarf geführt. Was in der Schweiz dazukommt, sind zwei Sachen: Wir fühlen uns politisch an die Wand gedrängt. Von der EU, von den USA, von den Nachbarstaaten, die nicht mehr unsere guten Freunde sind. Da spielt unser Abwehrreflex. Gleichzeitig kommen außerordentlich viele Leute in die Schweiz: über 70.000 im Jahr. Da ist es verständlich, dass das Fragen aufwirft.

ZEIT: Dennoch überrascht uns immer wieder die Schärfe der Diskussion.

Leimgruber: Es gibt noch eine Erklärung. In unserem Bewusstsein haben wir ein Anrecht darauf, dass es mit der Schweiz nur aufwärtsgeht, schließlich geht es uns seit 150 Jahren immer besser. Das ist etwas anderes als die umliegenden Länder, die immer wieder von Katastrophen heimgesucht wurden. Für die Schweiz ist dieses Infragestellen einschneidender als für unsere Nachbarn, weil wir uns in den letzten 150 Jahren nie grundsätzlich infrage stellen mussten. Deshalb reagieren die Schweizer auch etwas erschreckter als alle anderen.

ZEIT: Ist es Zufall, dass wir vermehrt eine Abgrenzung über unsere Stammbäume konstruieren?

Leimgruber: Zufall ist es nicht, denn durch die sehr intensive Migration seit dem Zweiten Weltkrieg mussten wir einsehen, dass die klassische Unterteilung Schweizer/Ausländer nicht mehr funktioniert. Wer hat in seinem Umfeld keine Ausländer? Niemand. Beinahe die Hälfte aller Eheschließungen ist heute binational. Also sucht man nach neuen Merkmalen. Ist das ein unechter, ein halber oder ganzer Schweizer? Oder was für eine Hautfarbe hat er?

ZEIT: Trägt der Swissness-Trend der letzten Jahre eine Mitschuld an diesen neuen Unterschieden?

Leimgruber: Ich bin nicht sicher, wie ich die Swissness einschätzen soll. Allein dass der Begriff englisch ist, unterscheidet ihn von den traditionellen Kategorien. Er ist eher ein Business- und Lifestyle-Begriff. Die Swissness gleicht der Italianità. Statt Pizza, Pasta und Dolce Vita feiern wir nun Fondue, Wandern und Schwingen.

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