Vermutlich wissen die Kieler Biologieprofessoren nicht einmal, dass gute Abschlüsse bei ihnen leichter zu haben sind als in München. Die Universitäten wissen ja auch nicht, wie viele Promovenden es in ihren Reihen überhaupt gibt. »Informationen über die Anzahl und Dauer der laufenden Promotionen (werden) bisher noch selten systematisch gesammelt«, stellte der Wissenschaftsrat gerade fest. Das ist so, als würde ein Gymnasium zwar wissen, wie viele Abiturzeugnisse es vergibt, aber nicht, wie viele Schüler es hat.

In den USA erscheint jedes Jahr ein dickes Datenwerk: der berühmte Almanach der Zeitschrift Chronicle of Higher Education. Bis hin zur letzten Provinz-Uni öffnen sich die Hochschulen hier der Öffentlichkeit. Man kann unter anderem nachlesen, dass ein Professor der University of Virginia im Schnitt 141.600 Dollar verdient. Oder dass an den Universitäten in Texas 44,9 Prozent der Studenten einer ethnischen Minderheit angehören.

Eine solche Publikation wäre hierzulande undenkbar. Natürlich sammeln auch deutsche Hochschulen unzählige Kennziffern und Leistungsparameter. Diese sind jedoch meist nur unvollständig dokumentiert und wenig exakt und lassen sich nur schwer untereinander vergleichen. Will zum Beispiel ein Universitätspräsident in Deutschland erfahren, wie viele Bücher die Professoren seiner Hochschule in einem Jahr veröffentlicht haben, wird er in der Regel keine verlässliche Antwort erhalten. Denn die Buchveröffentlichungen werden an den meisten Hochschulen nicht planmäßig erfasst. Dabei ist die Publikationsstärke ein wichtiger Posten in jeder Leistungsbilanz.

Gern klagen Professoren über grassierende »Evaluitis«, permanente Begutachtung und Befragung. Viel wäre gewonnen, so entnimmt man den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zum sogenannten Kerndatensatz, wenn die Hochschulen ihre Hausaufgaben machten und sich ein professionelles Controlling zulegen würden.

Hochschulforschung gibt es in Deutschland kaum

Aber wollen die deutschen Universitäten überhaupt etwas über sich selbst wissen? Gemessen am Zustand der Hochschulforschung, also der Forschung über Universitäten und Wissenschaft, muss man daran zweifeln. Während sich mehr als 800 deutsche Professoren mit der Institution Schule beschäftigen, sind es vielleicht zehn Professoren, welche die Hochschule zu ihrem Forschungsschwerpunkt zählen. Die kleinen Niederlande versammeln deutlich mehr Expertise – von anderen Wissenschaftsnationen wie Großbritannien oder den USA ganz zu schweigen. Es ist bezeichnend, dass Deutschlands Unis allenfalls auf dem Feld der Universitätsgeschichte international Vorzeigbares leisten.

Institute, die sich ausdrücklich der Hochschulforschung verschrieben haben, gibt es nur zwei hierzulande. Sie verfügen – neben einer Anzahl wissenschaftlicher Mitarbeiter – über je einen Lehrstuhl und sind in Kassel und Halle-Wittenberg angesiedelt. Von den elf Exzellenzhochschulen kann nur die Berliner Humboldt-Universität eine Professur zur Hochschulforschung vorweisen.

Diese Leerstelle im Wissenschaftssystem sorgt dafür, dass – zum Ärger vieler Professoren – ausgerechnet ein privat finanziertes Institut aus Gütersloh die Debatte über die Reform von Forschung und Lehre in Deutschland prägt: das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann Stiftung. Das wenige, was es darüber hinaus an universitärer Kompetenz gibt, ist akut gefährdet. Die Zukunft des Hochschulinformationssystems in Hannover ist ungewiss. Gerade hat der Wissenschaftsrat dieser Datensammelstelle zu allen Fragen des Studiums ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die Stelle von Peter Weingart in Bielefeld, dem einzigen deutschen Wissenschaftssoziologen mit internationaler Ausstrahlung, wird nicht neu besetzt. Der letzte Sonderforschungsbereich, der die Wissenschaft selbst zum Thema hatte, stammt aus den siebziger Jahren.

»Die Universitäten interessieren sich für alles, nur nicht besonders für sich selbst«, sagt Wilfried Müller, ehemaliger Rektor der Universität Bremen. Dass ausgerechnet Müller, der vom CHE zum »Hochschulmanager des Jahres 2012« gekürt wurde, zu diesem Urteil kommt, muss überraschen. Gerade seine Hochschule hat sich in den vergangenen 30 Jahren eindrucksvoll gewandelt, ihr Image als »Laber-Uni« abgestreift und sich zu einer international anerkannten Forschungsstätte mit Exzellenzstatus gemausert – all das dank intensiver Selbstbefragung und langfristiger Planung, insbesondere der Hochschulspitze. Andere Universitäten haben sich ebenso erneuert, auch dank der Exzellenzinitiative.

Doch nachhaltig verändert hat der Wettbewerb nur eine kleine Zahl der Hochschulen. Und selbst der energischste Uni-Präsident hat nur begrenzte Macht. Er ist ein Herrscher ohne Land. Die eigentlichen Beschlüsse treffen – wie in Düsseldorf – noch immer die Fakultäten. Sie bestimmen über die Neubesetzung von Professuren, entscheiden über Notenvergabe und Qualitätsstandards der Promotionen, sie leiten Plagiatsverfahren ein.

»Im Prinzip wird jede Initiative von oben erst einmal als Angriff gesehen«, weiß Wilfried Müller. Selbst Informationsanfragen zu Forschung und Lehre an der Basis gälten als Eingriff in die wissenschaftliche Intimsphäre, so der Ex-Rektor: »Das ist so, als wollten Sie etwas über das Sexualleben der Professoren wissen.« Wenn sich ein Präsident gar wünscht, an seiner Universität eine Professur für Hochschulforschung einzurichten, muss er das Geld dafür über Drittmittel von außen selbst besorgen. Denn der Etat einer Universität ist bis zu 98 Prozent festgelegt. Und kaum eine Fakultät wird freiwillig einen ihrer Lehrstühle für ein vermeintliches Exotenthema hergeben.

Die Autonomie der Wissenschaft ist ein hohes Gut, Hochschulen, Fakultäten, Professoren klagen es immer wieder zu Recht ein. Zu dieser Idee gehört jedoch auch Verantwortung, vor allem für das eigene Tun. Für die Universität Düsseldorf ist der Fall Schavan vorerst abgeschlossen. Jetzt muss an den Universitäten das Nachdenken über sich selbst beginnen.

Hinweis: DIE ZEIT kooperiert mit dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Einmal im Jahr erscheint dessen Hochschulranking als Teil des ZEIT-Studienführers und auf ZEIT ONLINE.