PlagiatsaffäreNichts dazu gelernt

Der Fall Schavan ist auch eine Schande für die Universität. Eine Institution muss umdenken. von 

Universitäten sind – nach der katholischen Kirche – die ältesten Institutionen der westlichen Welt. Dementsprechend konservativ sind sie. Ihre Professoren quält nur vereinzelt der Hang zu grundsätzlichen Selbstzweifeln. Am größten aber ist wohl die Scheu der Denker, über ihr eigenes Tun nachzudenken.

Dabei gäbe es gerade jetzt Anlass dazu. Denn die Plagiatsaffäre um Annette Schavan ist nicht nur für die Ministerin ein Tiefpunkt, sondern auch für die Universität Düsseldorf. Und sie wirft die grundsätzliche Frage auf: Warum lernen Universitäten nicht voneinander? Warum lernen sie überhaupt so ungern, wenn es um sie selbst geht?

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Man muss nur einmal die Plagiatsfälle Guttenberg und Schavan vergleichen: An der Uni Düsseldorf dauerte das ganze Verfahren rund neun Monate. Dass es dabei zu immer neuen Lecks kam und interne Papiere öffentlich diskutiert wurden, war verheerend. Zudem waren von den 17 Mitgliedern des Fakultätsrates sieben nicht selbst promoviert. Gleichzeitig saß in dem Gremium kein einziger Vertreter des Faches Erziehungswissenschaft, in dem Schavan vor 30 Jahren ihre Dissertation verfasst hat. Auf externe Experten hatte man verzichtet, jede Kritik von außen wurde abgewehrt. Im Laufe der Untersuchung hat sich eine ganze Hochschule eingebunkert.

Wie es anders geht, hat seinerzeit die Universität Bayreuth vorgemacht. Eine Woche nachdem die Täuschungsvorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg bekannt wurden, entzog ihm die Uni den Titel. Der ausführliche Abschlussbericht lag drei Monate später vor. In der Expertenkommission saßen nur Professoren, zwei von ihnen waren vom Fach. Und selbstverständlich hatte man externe Expertisen hinzugezogen. Gewiss: Das Guttenbergsche Plagiat war eindeutiger zu erkennen. Dennoch hätte das Bayreuther Vorgehen der Uni Düsseldorf leicht ein Beispiel geben können.

Warum reflektieren sich Hochschulen so ungern selbst?

Hat es aber nicht. Warum nicht? Allgemeiner gefragt: Warum ist die Bereitschaft zur Selbstreflexion an den Hochschulen so schwach ausgeprägt? Warum stellt man das eigene Arbeiten so selten auf den Prüfstand? Warum beschwört man stattdessen mit Hingabe Ideale, die weit in die Vergangenheit zurückreichen, am liebsten bis zu Wilhelm von Humboldt?

In den vergangenen Wochen der Debatte um Doktortitel und Plagiate schwenkten Professoren und Standesvertreter wieder einmal besonders eifrig das große Weihrauchfass; sie beschworen die »Standards« und die »Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft«, sangen das Hohelied von der »Autonomie« und von der »Freiheit der Forschung«. Im Umgang mit den Plagiatsvorwürfen entpuppte sich dies als Vernebelungsstrategie. Denn von welchen wissenschaftlichen Standards war da die Rede? Für die Bewertung von Plagiaten fehlen der Wissenschaft ja offenbar, wie sich zeigte, die eindeutigen Maßstäbe. Es gibt noch nicht einmal einvernehmliche Regeln dafür, wie Universitäten mit einem Fälschungsverdacht umgehen sollen.

Und was die »Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft« angeht, bleibt festzuhalten: Sämtliche Plagiatsfälle der vergangenen Jahre wurden von Hobbyrechercheuren im Internet aufgedeckt. Keine Universität sah sich bemüßigt, die Prominentenpromotionen einmal selbst unter die Lupe zu nehmen. Auch die Autonomie der Hochschulen scheint wenig wert, wenn ausgerechnet die großen Wissenschaftsorganisationen selbst sie missachten und – wie geschehen – öffentlich Kritik am Verfahren der Universität Düsseldorf äußern.

Amateurhaft im Vorgehen, zerstritten in der Sache und gefangen in der internen Logik: Die deutsche Wissenschaft bietet im Umgang mit Plagiaten ein trauriges Bild. Dabei handelt es sich gerade beim Promotionsrecht um das höchste, ja, streng genommen, einzige Privileg der Universitäten, das sie mit Verve gegen die Fachhochschulen verteidigen. Man sollte annehmen, dass sie dieses Privileg mit größter Sorgfalt behandeln und Doktortitel nur nach strengen Qualitätskriterien vergeben.

Dass dem nicht so ist, zeigen nicht nur die vielen zu Unrecht verliehenen Titel, die seit der Causa Guttenberg aufgedeckt wurden, das legt auch eine Studie des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) in Berlin nahe. Dieses fand heraus, dass bei der Bewertung von Doktorarbeiten eine Mischung aus Wohlwollen und Willkür herrscht. Zum einen werden die Bewertungen von Jahr zu Jahr immer besser. Es gibt fast nur noch exzellente und beinahe exzellente Arbeiten, was den Leiter des iFQ, Stefan Hornbostel, von einer »fortgeschrittenen Inflation der Bestnoten« sprechen lässt. Zum anderen scheint es weniger eine Frage der Leistung als der Geografie zu sein, ob ein Nachwuchswissenschaftler ein summa cum laude (entspricht der Note 1+) oder nur ein cum laude (gleich Note 2) für seine Arbeit erhält. So schließen in Kiel 65 Prozent der Promovierenden im Fach Biologie mit Auszeichnung ab. An der LMU München sind es lediglich zwei Prozent. Von einer höheren Forschungsqualität norddeutscher Jungforscher ist bislang nichts bekannt. »Von einheitlichen Maßstäben für die Promotion kann keine Rede sein«, fasst Hornbostel die Ergebnisse der Studie zusammen.

Leserkommentare
  1. Ich habe mich über den Artikel auch gewundert - besonders, dass allen Ernstes das Vorgehen der Uni Bayreuth als Vorbild hingestellt wird, an der ein leicht erkennbares Plagiat mit Höchstnote bewertet wurde. Aber das ist doch nur eine Meinung von vielen; der Fall wird doch hier von unterschiedlichen Seiten beleuchtet.

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    • travie
    • 07. Februar 2013 13:10 Uhr

    spin doctors machen genau das: den Eindruck einer offenen Diskussion erwecken und dann die öffentliche Meinung subtil im eigenen Sinne beeinflussen - durch Verlagerung der Schwerpunkte, Ablenkung vom Thema und agenda setting, wie die Behauptung, jetzt müsse aber eine Reform der Unis, Promotionsverfahren usw. diskutiert werden. Wenn eine seriöse Zeitung sich so offensichtlich dafür hergibt (man schaue sich nur das Feature über Frau S im Zeitmagazin letzte Woche an) kommt sie für mich für die regelmäßige Lektüre nicht mehr in Frage.
    Ich lese Zeitungen, um mich zu informieren - nicht um willfähriges Opfer von Manipulationen zu werden.

    Dankenswert am obigen Artikel ist lediglich, dass er eine so schöne Alliteration auf dem Tablett liefert: Schavans Schande...

    • JapanGR
    • 07. Februar 2013 12:41 Uhr

    Sehr richtig und treffend formuliert.

    • tapster
    • 07. Februar 2013 12:44 Uhr

    ... wer zum Fakultätsrat gehört und welcher Partei diese Mitglieder angehören oder zugeneigt sind?

    • Jakoro
    • 07. Februar 2013 12:49 Uhr

    Begleitumstände ein einziger Skandal. Zuallerserst:
    - nach 32 Jahren (!!!!), d.h. nach Überschreitung der längsten Verjährungsfrist, wird ein Verfahren in Gang gesetzt!! Man darf über soviel Bigotterie nur entsetzt sein
    - die Begutachter waren und sind, zumindest zum Teil, nicht als unabhängig und vorurteilsfrei anzusehen. Man betrachte nur mal die ganzen Begleitumstände bei einem Herrn Professor Bleckmann (ist dessen Diss auch schon geprüft worden?)
    - Es erschließt sich mir nicht, warum man heutige Standards an damalige Arbeiten anlegen darf. Weder die Literaturrecherche noch die Regeln zum wissenschaftlichen Arbeiten sind vergleichbar.
    - Eines ist auf jeden Fall gewiss: Wer in gröbster Fahrlässigkeit geschlampt hat, ist die Universität Düsseldorf. Entweder vor 33 Jahren, oder eben jetzt. Und dieses sollte auch sanktioniert werden!

    Last not least:
    Es gibt, aus gutem Grund(!!) in jedem halbwegs entwickelten Rechtsstaat, das Prinzip der Verjährung. Spätestens nach 30 Jahren sollten die geleistete Arbeit und das Verhalten mehr zählen als tatsächliche oder vermeintliche Fehler einer Dissertation.
    PS: Die Verjährung gibt es auch im Beamtenrecht, will sagen, auch die (beamteten) Herren Professoren können sich nach Fristablauf sicher sein, dass sie nicht mehr wegen Fehlern bei der Bestellung rausgeschmissen werden können. Wo bleibt hier das gleiche Recht für alle?

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    > Eines ist auf jeden Fall gewiss: Wer in gröbster
    > Fahrlässigkeit geschlampt hat, ist die Universität
    > Düsseldorf. Entweder vor 33 Jahren, oder eben jetzt.
    > Und dieses sollte auch sanktioniert werden!

    Wer so etwas schreibt hat a) keinen blassen Schimmer davon, wie komplex und zeitaufwändig die Bewertung einer Dissertation in der Regel ist, und b) sich die dokumentierten Plagiate auf SchavanPlag garantiert nicht angesehen.

    Ansonsten käme man nämlich zwingend zu dem Ergebnis, daß es ohne die heutigen Recherchemittel (Google ist nur eins davon) vor 30 Jahren für die Begutachter der Uni Düsseldorf praktisch unmöglich war, die mit offensichtlichem Vorsatz und erheblicher Rafinesse durchgeführten zahlreichen Täuschungen in Schavans Arbeit aufzudecken.

    Man kann der Uni Düsseldorf nur zu ihrer Konsequenz gratulieren und ihr wünschen, daß sie die zahlreichen Anfeindungen in diesen Tagen durchsteht. Ein Gericht wird übrigens kaum zu einem anderen Ergebnis kommen.

    • tsnud
    • 07. Februar 2013 12:54 Uhr
    86. Utopie

    Wie soll man sich vorstellen das eine Doktorarbeit bis ins Detail geprüft wird?

    Nehmen wir einen Umfang von 150 Seiten an, und ein Literaturverzeichniss von sagen wir 250 Einträgen. In den Naturwissenschaften sind Zitate mit Anführungszeichen eher selten, es werden Ergebnisse zusammengefasst und am Ende des Satzes mit einem Verweis gekennzeichnet, zu 99% auf wissenschaftliche Artikel aus Fachjournalen die einen Umfang von etwa 15 Seiten haben. Seitenangaben gibt es meistens nicht.

    Das Rechenspielchen sollte jeder können.

    Ich kenne Professoren mit 3-4 Promotionsstudenten. Dazu kommt dieselbe Anzahl an Masterabsolventen. Dann nochmals Bachelorkandidaten. Normaler Forschungs- und Lehrbetrieb. Führen und Verwaltung einer Arbeitsgruppe. Keine Mittel für Hilfskräfte. Von Jahr zu Jahr weniger Mittel und mehr Studenten. Korrekturen von Klausuren, Protokollen, mündliche Prüfungen usw...

    Vielleicht kenne ich nur die "positiv" (je nach Anschauung) Beispiele an Professoren, aber man umgibt sich ja im Normalfall mit Menschen die man schätzt.

    So richtig realistisch erscheint mir das ganze nicht durchführbar, daher auch die Eidesstattliche Erklärung bei solchen Arbeiten und der Vertrauensvorschuss.

    3 Leserempfehlungen
  2. Es ist nicht Aufgabe einer Universität, eine Dissertation auf Plagiate zu untersuchen. Es ist Aufgabe, sie zu bewerten. Eine Hochschule ist keine Polizeibehörde.

    Es wäre aber längst erforderlich, zu JEDER Dissertation eine eidesstattliche Erklärung zu forden, in der der Doktorand versichert, alles selbst gemacht zu haben. Kommt dann später etwas raus, ist es gleich eine Straftat. Dieses Risiko wird dann niemand mehr eingehen und die Sache wäre erledigt.

    Eine Leserempfehlung
    • m_pi
    • 07. Februar 2013 12:57 Uhr

    aber die eigenständige Prüfung begründet sich auch damit, dass die Bewertungsmaßstäbe von der jeweiligen Uni gelten.
    In meinen Augen das größte Problem ist der politische Wille an den Universitäten Massenausbildungen zu leisten. Dadurch bekommen die Unis erhebliche Geldmittel. Nur wer soll das dann noch alles genau korrigieren? Es ist schier unmöglich. Deswegen suchen sich die Professoren meist ihre Zöglinge aus, die an den Unis weiter machen sollen und entsprechend gefördert werden (macht also gewisser Maßen Sinn, wenn es auch unfair scheint). Zudem hängen manche "Bonuszahlungen" an den Bewertungen durch die Studenten. Glauben Sie, dass ein Dozent gute Noten bekommt, wenn ein Großteil durchrasselt?
    Ich habe das Gefühl, dass ein hoher Anteil der Studenten für ein wissenschaftliches Hochschulstudium weniger geeignet ist, der politische und gesellschaftliche Wille derart, dass möglichst viele studieren. Vom letzteren hängen die Unis aber essentiell ab. Man sollte die Kostenfreiheit des Studiums an die Leistungsfähigkeit koppeln. Gerechtigkeit heißt nämlich nicht Gleichheit, sondern Förderung der individuellen Stärken. Nur ist das vielleicht politisch zu brisant. Entsprechend verstehe ich die Verschulung an den Unis, man nimmt den Studenten immer mehr Eigenverantwortung ab und damit auch Freiheit, damit mehr das Studium durchhalten.
    In dem Punkt sind die Universitäten alles andere als frei...

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