Petrópolis in BrasilienHeimatlos im Paradies

Der Schriftsteller Stefan Zweig emigrierte 1940 nach Brasilien. Sein Haus in Petrópolis ist nun ein Museum. von Ruedi Leuthold

»Alles ist perfekt hier«, schrieb Lotte aus Petrópolis. »Eine schöne Landschaft, wir sind auf den Bergen oben, 3000 Fuß über Meer, und trotzdem ist das Tropische überall spürbar, Orangenbäume, Bananen- und Bambusstauden.« Und ihr Ehemann Stefan fügte hinzu: »Selten in meinem Leben habe ich einen angenehmeren Ort gesehen, ruhig, eine geschmackvolle Stadt. Der kleine Bungalow mit seiner großen Terrasse hat eine wunderbare Sicht in die Berge, und gleich gegenüber hat es ein kleines Kaffeehaus, das Café Elegante, wo ich für ein paar Groschen einen wunderbaren Kaffee bekomme.«

1936 war der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, damals einer der meistgelesenen Autoren Europas, mit seiner Frau Lotte Altmann das erste Mal nach Brasilien gekommen. 1940 dann, auf der Flucht vor Hitler, erhielt das Paar hier eine Aufenthaltsbewilligung. Aus Begeisterung über ein Land, in dem von Rassenkonflikten nichts zu spüren war, und aus Dankbarkeit, Schutz gefunden zu haben, schrieb Zweig das Buch Brasilien – Ein Land der Zukunft.

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Anfangs lebten die Zweigs in Rio de Janeiro, doch schon bald wurde es ihnen dort zu heiß. Also zogen sie weiter nach Petrópolis, als kaiserliche Sommerfrische gegründet, von armen deutschen Einwanderern erbaut. Eine Stadt hoch in den Bergen des Hinterlands, 70 Kilometer von Rio entfernt, mit Fachwerkgiebeln zwischen tropischen Bäumen und Vierteln, die Bingen, Darmstadt oder Ingelheim hießen. »Wir sind heute glücklich übersiedelt«, notierte Zweig im September 1941. »Endlich ein Ruhepunkt für Monate, und die Koffer werden eben auf langes Niemehrwiedersehen verstaut.« Als er dies schrieb, hatte Zweig noch ein halbes Jahr zu leben. Am 23. Februar 1942 beging das Ehepaar gemeinsam Selbstmord.

Heute leben 350.000 Menschen in Petrópolis. Es ist eine chaotisch gewachsene Stadt, die sich in alle Richtungen über die Hügel ausbreitet. Doch das Zentrum hat sich seinen imperialen Charme bewahrt: Die Avenida Koeler, die manchen als schönste Straße Brasiliens gilt, beginnt bei der Kathedrale und ist nicht länger als 300 Meter. Ein Flüsschen fließt in ihrer Mitte, Bäume beschatten die Pflastersteine. Links und rechts die Stein gewordenen Träume des Bürgertums des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Neoklassik, etwas Art déco. Dazwischen Springbrunnen, Parks, Gärten.

Um zu Stefan Zweigs altem Wohnhaus zu kommen, nimmt man sich ein Taxi und fährt durch dichten Verkehr ins Viertel Valparaiso. Zweigs Stammcafé, das Elegante, gibt es nicht mehr, ein Ramschladen hat seinen Platz eingenommen. Gegenüber führt eine lange Treppe zu dem Haus hinauf, einem Bungalow in der Rua Gonçalves Dias 34. Die Fassade ist frisch mit weißer Farbe gestrichen, unten an der Straße steht ein Schild: »Casa Stefan Zweig«. Jahrzehntelang verkam das Haus unter wechselnden Besitzern, jetzt ist es ein Museum.

»Stefan Zweig«, sagt Alberto Dines, »hat mit seinem Buch Brasilien einen Namen gegeben, unter dem es auf der ganzen Welt bekannt wurde: Land der Zukunft.« Damit die Erinnerung an den Immigranten nicht verblasse, hat Dines mit Freunden Zweigs Haus gekauft, es renoviert und im Juli vergangenen Jahres als Museum eröffnet. Der 80-Jährige bedauert nur, dass das Geld nicht mehr reichte, um für die Besucher einen Lift zu bauen, der ihnen die Treppe zum Haus hinauf erspart hätte.

Alberto Dines war acht Jahre alt, als Stefan Zweig 1940 für eine Lesung seine Schule besuchte: die Jiddische-Brazilianer Folkschule Scholem Aleichem in Rio de Janeiro. Ein Foto von Zweig, versehen mit einer Widmung, hing im Arbeitszimmer von Dines’ Vater, einer Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde in Rio. Als Alberto zwölf war, schenkten ihm die Eltern die Gesammelten Werke Zweigs. Dines wurde Filmer und Journalist, und als er 1980 von seiner Zeitung entlassen wurde, weil er sich nicht an die Zensurgebote der Militärdiktatur gehalten hatte, folgte er dem, was er als innere Bestimmung empfand: Er schrieb Zweigs Biografie, Tod im Paradies.

In dem Werk konzentriert sich Dines auf die Zeit Zweigs in Brasilien. Glücklich, einen sicheren Hafen gefunden zu haben, machte sich der Schriftsteller kaum Gedanken darüber, dass die Brasilianer selbst in einer Diktatur lebten. Die Intellektuellen des Landes verhöhnten sein Buch Brasilien – Ein Land der Zukunft als Auftragswerk der Regierung. Die (ungerechtfertigten) Vorwürfe trugen dazu bei, dass die Zweigs ein zurückgezogenes Leben führten und kaum Berührung mit ihrem Gastland hatten. Als Emigranten freuten sie sich über alles, was an Europa erinnerte. »Eine lustige Sache«, schrieb Lotte Zweig, »dass man hier in Petrópolis überall einen guten Streuselkuchen bekommen kann. Es gab hier vor hundert Jahren eine deutsche Immigration, und sie haben ihre Traditionen nicht vergessen.«

Leserkommentare
  1. und hat sich zu früh in den Freitod begeben - aber seine Werke bleiben.

    3 Leserempfehlungen
    • Jouba
    • 20. Februar 2013 14:22 Uhr

    warum zeigen Sie denn dann kein Bild davon?

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    • EPIKIE
    • 21. Februar 2013 8:55 Uhr

    http://de.wikipedia.org/w...
    Naja, viel erkennen kann man nicht, und das Foto scheint alt zu sein, schade.
    Aber Sie haben Recht, ein aktuelles Foto wäre schön gewesen.

    • EPIKIE
    • 21. Februar 2013 8:55 Uhr

    http://de.wikipedia.org/w...
    Naja, viel erkennen kann man nicht, und das Foto scheint alt zu sein, schade.
    Aber Sie haben Recht, ein aktuelles Foto wäre schön gewesen.

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