Dass die Mode sich dem Grün zuwendet – es gab einige Hinweise darauf. Etwa die Schau zum 90. Jubiläum der Marke Akris, bei der Designer Albert Kriemler einen ganzen botanischen Garten vor den Laufsteg bauen ließ. Die Kulisse, aus der die Models schritten, bestand aus so vielen Farnen und Palmen, dass es auch nicht verwundert hätte, die Damen wären zur Dschungelprüfung angetreten. Karl Lagerfeld setzte nach und ließ zur Präsentation der Haute Couture einen Mischwald mit Kiefern in das Pariser Grand Palais bauen.

Somit ist das Thema gesetzt und die Farbe für den Frühling auch: Granny-Smith-Grün, Salatgrün, Zuckerschotengrün. Zu sehen bei den Spitzenkleidern von Burberry, den Hosen von Stella McCartney und den Hosenanzügen von Valentino. Es sind nicht mehr das zurückhaltende Flaschengrün, Oliv und Petrol, die sich in den vergangenen Jahren von den Céline-Entwürfen aus wie ein Moosteppich in der Mode verbreitet haben. Das neue Grün ist frisch wie Kresse. Woher kommt es nur?

Die Mode ist kein abgegrenzter Bereich, sondern eng verbunden mit allem anderen, was in der Gesellschaft vorgeht. Und schon länger ist das Urbane, die Stadt, nicht mehr der zentrale Sehnsuchtsort. Viel lieber wollen wir in die Natur. Oder am liebsten beides gleichzeitig. Überall werden Gärten geschaffen, mit viel Mühe werden Balkone begrünt, und die lange verschmähte Zimmerpflanze ist wieder sehr in Mode (sogar das schauerliche »Fensterblatt« Monstera deliciosa, das lange höchstens noch in Krankenhaus-Besucherzimmern zu finden war).

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Einen noch stärkeren Einfluss hat aber wohl das Essen. Die chlorophyllgeladene Frische von der Salattheke ist bei der Kleidung angekommen. Der Weg war nicht weit, denn Essen und Mode haben sich sehr angenähert. Nahrung wird immer stärker ästhetisiert. Längst ist das Fotografieren von vollen Tellern nicht mehr eine Unsitte von Touristen, sondern eine Kunstform, die in Food-Blogs gefeiert wird. Wo man früher sexy sein wollte, will man jetzt gesund sein.

Das neue Grün ist schockierend knackig, sodass man sich als Träger ernsthaft prüfen muss, ob dieser Farbton nicht jünger und frischer wirkt als man selbst. Man muss diesem Grün nämlich standhalten können. Sonst frisst es einen einfach auf.