Rosa von Praunheim"Alle meine Liebhaber tauchen auf, sie küssen mich auf die Stirn"

von Rosa von Praunheim

Ich bin tot und friere. Ich werde in ein Kühlfach geschoben. Darin ein großer Fernseher, der alle meine Filme zeigt. Ist das die Hölle? Plötzlich ertönt eine Stimme, eine dunkle, erotische Stimme: »Hier spricht Gott.« Ein gut aussehender Mann in den besten Jahren erscheint. Ich frage ihn, warum er keine Frau sei, aber er antwortet mir nicht. Im nächsten Augenblick fliege ich: Ein schönes Gefühl, durch das Weltall zu rasen – oder blicke ich nur auf eine beleuchtete Scheibe im Kühlfach?

Dann tritt Jesus auf, blutend und schmutzig. Er erklärt mir den Sinn des Leidens und sagt, dass ich nun erlöst sei: keine Arthrose in den großen Zehen mehr, keine Prostatabeschwerden, keine Gewichtsprobleme, keine Unruhe, keine Depression. »Aber was ist mit Sex?«, frage ich. »Gibt es Sex nach dem Tode?« Milde lächelnd sagt Jesus: »Aber ja«, und verschwindet. Das war das Stichwort für den Teufel, der in Gestalt von Hitler erscheint. Er sieht superecht aus mit seinem typischen Bärtchen, und er bietet sich mir als Sexpartner an. Sex mit Hitler, will ich das? In der Not frisst man Fliegen. Nur, wie treibe ich es mit Hitler? Da hat er schon seine Hände überall. Er sucht meine Seele, denke ich. Ein rosa Wattebausch schwebt heran – das ist sie also! Teufel Hitler verschwindet.

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Stars aus meinen Filmen erscheinen. Auftritt Lotti Huber: »Schätzchen, erinnerst du dich noch an unseren größten Erfolg, Unsere Leichen leben noch?« Und Tante Luzi aus Die Bettwurst knallt auf mich drauf und kreischt: »Ich liebe dich, ich liebe dich unendlich!« Ihr folgt Charlotte von Mahlsdorf, schamlos nackt, sie streckt mir ihren Hintern auffordernd ins Gesicht, damit ich ihn züchtigen möge. Als ich zögere, ruft sie mir zu: »Ich bin meine eigene Frau!«, und schlägt sich selbst.

Rosa von Praunheim

70, kam in Riga zur Welt und wurde kurz nach der Geburt adoptiert – was er erst im Jahr 2000 von seiner Adoptivmutter erfuhr. Als Regisseur wurde er 1971 bekannt mit seinem Dokumentarfilm Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Für seine Verdienste um die Filmfestspiele Berlin wird er nächste Woche mit der Berlinale-Kamera geehrt.

Dann tauchen alle meine Liebhaber auf, sie drängen sich in das Kühlfach, drängeln sich um die besten Plätze, Oliver, Mike und Peter küssen mich auf die Stirn. Tausende müssen draußen bleiben, sie geben lustvolle Laute von sich, ihre Geschlechtsteile regnen auf mich herab, einige erigiert, die anderen hängen schlapp von der Decke. Das Kühlfach öffnet sich, ich werde in einen riesigen Saal geschoben, um mich herum lauter junge, attraktive Menschen mit großen Messern. »Autopsie«, höre ich eine Studentin flüstern, »heute haben wir eine besonders interessante Leiche.« Plötzlich drängen zwei wunderschöne Frauen die enttäuschte Gruppe beiseite und führen mich hinaus. »Wir sind deine Mütter, erinnerst du dich?« – »Ich habe dich geboren.« – »Und ich habe dich mit Liebe aufgezogen.« Beide küssen mich, dann lassen sie mich im Regen stehen. »Wir haben viel zu tun«, sagen sie und winken heftig. »Bis später!«

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Dunkle Bilder meiner Beerdigung folgen. Niemand da, nur ein kleiner, weißer Vogel, der neugierig den Hals verdreht. Ich nehme ihn mit ins Grab. Auf meinem Grabstein steht: »Nur Du hast mich geliebt / Du weiße Taube / Nur Du hast mich geküsst / Du weißer Tiger / Und nur Du hast mir / Verziehen / Du weise Kuh«.

Dann wache ich auf und bin enttäuscht, dass alles noch so ist, wie es ist.

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Leserkommentare
  1. Ich schätze seine Arbeit sehr, denn im Gegensatz zu vielen Filmemachern hatte Rosa von Praunheim uns mit seinen Arbeiten nie gelangweilt!

    Dazu kommt, dass er sogar teilweise auch ein echtes Anliegen beschreibt in seinen Filmen und Botschaften vermitteln wollte.

    Sogar diesen Artikel schreibt er so, dass ich ihn bis zum Schluss lese...

    70 ist heutztage kein Alter mehr.. und ich hoffe von ihm noch einiges zu hören und zu sehen..

    Meine Gratulation zur Berlinale-Kamera! Du hast es verdient.

  2. Rosa von Praunheim ist - unabhängig von seinen enormen Fähigkeiten als Filmemacher - für die Schwulenbewegung das, was Alice Schwarzer für die Frauenbewegung ist. Ich erinnere an seine provokanten Auftritte in Talkshows vor ca. 20 Jahren. Derlei Aufhorcher fehlen heute. Rosa ist vielleicht etwas altersmüde geworden, es sei ihm zugestanden, und begegnet der wieder zunehmenden Homophobie (vgl. Artikel über die Homo-Ehe in Frankreich, wieviel Kommentare mussten da gestrichen werden und das bei der Zeit, nicht in der Bild!) offenbar mit weniger enthusiastischem Aufklärertum als früher. Aber ein Nachfolger ist nirgendwo in Sicht und das ist sehr schade.

    Eine Leserempfehlung
  3. Offenbar kann Praunheim sogar besser schreiben als Filme machen.....

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Jesus | Film | Autopsie | Depression | Seele | Vogel
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