Udo Reiter : "Wir Männer haben abgewirtschaftet"

Udo Reiter über Fehler am Ende seiner langen MDR-Karriere, die eigene Wandlung vom Bayern zum Ostdeutschen – und seine Scherze über Rollstuhlfahrer.

Ein Haus im Leipziger Ortsteil Gottscheina. Udo Reiter, 68, hat sich die einstige Dorfschule ausgebaut: Dielenboden, riesige Fenster, der Blick ins weite Feld. Ruhe. Hier hat Reiter, seit gut einem Jahr Privatier, seine Memoiren verfasst.

DIE ZEIT: Herr Reiter, kaum waren Sie in Pension, haben Sie ein Buch geschrieben. War Ihnen langweilig?

Udo Reiter: Ach, gar nicht! Ich genieße die Freiheiten des Rentnerlebens. Es gibt ja diese Angst vor einem Loch, in das man angeblich fällt. Dieses Loch suche ich nach wie vor. Ich finde es nicht. Gut, ich mache komische Sachen. Ich habe zum Beispiel angefangen, die Ilias im griechischen Original zu lesen! Sie glauben nicht, wie schnell da zwei Stunden vergehen.

ZEIT: Wie schnell kommen Sie voran beim Lesen?

Reiter: Elendig langsam. Ich war in der Schule nicht schlecht in Griechisch. Aber ich merke: Ich kenne die ganzen Vokabeln nicht mehr.

ZEIT: Warum lesen Sie das?

Reiter: Das ist alter Ehrgeiz. Ich war schließlich auf einem humanistischen Gymnasium.

ZEIT: Man hört, Sie treiben neuerdings Sport...

Reiter: Also, wie Sie sich denken können, kein Jogging. Ich trainiere ein bisschen mit Hanteln und an Flaschenzügen – man hält damit den Oberkörper in Schuss. Eigentlich mag ich Sport nicht. Aber ich habe früher geraucht. Und Alkohol trinkt man ja auch nicht wenig in der Medienbranche. Insofern wurde es Zeit, dass ich anfange, mehr auf mich zu achten.

ZEIT: Gucken Sie noch MDR?

Reiter: Ja.

ZEIT: Mehr als früher?

Reiter: Ich habe früher nie zum Vergnügen ferngesehen. Ich habe immer nur geschaut: Ist das richtig gemacht? Jetzt gucke ich wie ein normaler Zuschauer. Ich mag die MDR-Nachrichten. Mich interessieren die Kulturmagazine, aber auch Serien wie In aller Freundschaft verfolge ich weiter. Ich schaue natürlich schon: Hat sich etwas verändert? In den Zeitungen wird ja mitunter behauptet, der MDR sei jetzt ein völlig anderes Programm, beinahe eine Art Jugendfunk. Aber wenn ich ihn einschalte, kommt mir doch sehr vieles vertraut vor...

Der Intendant a. D.: in bester Laune. Er hat Kaffee gekocht. Man sitzt am Küchentisch, rustikale Holzplatte, darauf zwei Bücher: Das eine ist sein eigenes. Das andere die »Ilias«. Beides wahre Dramen. Denn Reiters Leben ist Romanstoff, seine Autobiografie beginnt mit dem Satz: »Am Nikolausabend 1966 habe ich mir das Kreuz gebrochen.« Selten hat einer so unverkrampft über sein Leben im Rollstuhl geschrieben, und Reiter fordert, dass man auch unverkrampft danach fragen möge. Also gut: Versuch einer unverkrampften Frage.

ZEIT: Herr Reiter, wann hatten Sie mit Ihrem Rollstuhl zuletzt einen Platten?

Reiter: Das kam früher recht häufig vor! Da war ich immer mit Flickzeug unterwegs. Inzwischen sind die Reifen besser. Die letzte Reifenpanne hatte ich im vorigen Sommer. Da habe ich mir im Garten einen Rosendorn eingefahren.

ZEIT:Im Buch beschreiben Sie zwei Standardreaktionen auf Sie im Rollstuhl: Die einen versuchen das krampfhaft zu übersehen; die anderen geben sich bemüht locker. Was stört Sie mehr?

Reiter: Mich stört weder das eine noch das andere. Wenn ich sehe, dass Leute unsicher sind, habe ich eher Mitleid und versuche, behilflich zu sein. Die wahren Probleme eines Rollstuhlfahrers sind andere: etwa wenn Sie rausfallen. Einmal, als junger Mann – das habe ich ja in meinem Buch beschrieben – fiel ich in eine mit Regenwasser gefüllte Gosse. Das vergesse ich nie. Als ich da lag, fiel mir schlagartig ein Satz meines Vaters ein: Du wirst mal in der Gosse enden. Solche Situationen sind im ersten Moment tieftraurig, aber auch komisch.

ZEIT: Nach Ihrem Autounfall – als Sie erstmals im Rollstuhl nach Hause zu Ihren Eltern kamen – saßen Sie nach eigenen Worten apathisch in einer Lücke zwischen Kühlschrank und Waschmaschine und dachten: Hier bleibe ich jetzt stehen, für immer. Sie hätten dort bleiben und verzweifeln können. Wieso haben Sie es nicht getan?

Reiter: Ich neige einfach nicht zum Verzweifeln. In keiner Lage. Wenn Sie da empfindsamer sind, kann es passieren, dass Sie im Leben die Kurve nicht mehr kriegen. Ich kenne etliche Rollstuhlfahrer, die es nicht gepackt haben. Die dann von Hartz IV leben. Ich kenne auch etliche, die sich umgebracht haben. 

ZEIT: Auch Sie hatten sich nach dem Unfall schon einen Revolver besorgt und Abschiedsbriefe verfasst.

Reiter: Das war keine Show. Nach den ersten Erfahrungen im Rollstuhl war ich fest entschlossen, mich umzubringen. Ich wollte so nicht leben. Ich wollte meine Doktorarbeit noch abgeben, damit wenigstens »Dr. Reiter« auf dem Grabstein steht. Aber das sollte es dann gewesen sein. Als es ernst wurde, ist mir aber von einer Sekunde auf die nächste klar geworden, dass ich gar nicht tot sein wollte. Ich wollte leben, egal, wie. In dem Moment ist die Vitalität durchgebrochen. Genauer kann ich das leider nicht erklären.

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