Udo Reiter"Wir Männer haben abgewirtschaftet"

Udo Reiter über Fehler am Ende seiner langen MDR-Karriere, die eigene Wandlung vom Bayern zum Ostdeutschen – und seine Scherze über Rollstuhlfahrer. von  und

Ein Haus im Leipziger Ortsteil Gottscheina. Udo Reiter, 68, hat sich die einstige Dorfschule ausgebaut: Dielenboden, riesige Fenster, der Blick ins weite Feld. Ruhe. Hier hat Reiter, seit gut einem Jahr Privatier, seine Memoiren verfasst.

DIE ZEIT: Herr Reiter, kaum waren Sie in Pension, haben Sie ein Buch geschrieben. War Ihnen langweilig?

Udo Reiter: Ach, gar nicht! Ich genieße die Freiheiten des Rentnerlebens. Es gibt ja diese Angst vor einem Loch, in das man angeblich fällt. Dieses Loch suche ich nach wie vor. Ich finde es nicht. Gut, ich mache komische Sachen. Ich habe zum Beispiel angefangen, die Ilias im griechischen Original zu lesen! Sie glauben nicht, wie schnell da zwei Stunden vergehen.

Anzeige

ZEIT: Wie schnell kommen Sie voran beim Lesen?

Reiter: Elendig langsam. Ich war in der Schule nicht schlecht in Griechisch. Aber ich merke: Ich kenne die ganzen Vokabeln nicht mehr.

ZEIT: Warum lesen Sie das?

Reiter: Das ist alter Ehrgeiz. Ich war schließlich auf einem humanistischen Gymnasium.

ZEIT: Man hört, Sie treiben neuerdings Sport...

Reiter: Also, wie Sie sich denken können, kein Jogging. Ich trainiere ein bisschen mit Hanteln und an Flaschenzügen – man hält damit den Oberkörper in Schuss. Eigentlich mag ich Sport nicht. Aber ich habe früher geraucht. Und Alkohol trinkt man ja auch nicht wenig in der Medienbranche. Insofern wurde es Zeit, dass ich anfange, mehr auf mich zu achten.

ZEIT: Gucken Sie noch MDR?

Reiter: Ja.

ZEIT: Mehr als früher?

Reiter: Ich habe früher nie zum Vergnügen ferngesehen. Ich habe immer nur geschaut: Ist das richtig gemacht? Jetzt gucke ich wie ein normaler Zuschauer. Ich mag die MDR-Nachrichten. Mich interessieren die Kulturmagazine, aber auch Serien wie In aller Freundschaft verfolge ich weiter. Ich schaue natürlich schon: Hat sich etwas verändert? In den Zeitungen wird ja mitunter behauptet, der MDR sei jetzt ein völlig anderes Programm, beinahe eine Art Jugendfunk. Aber wenn ich ihn einschalte, kommt mir doch sehr vieles vertraut vor...

Der Intendant a. D.: in bester Laune. Er hat Kaffee gekocht. Man sitzt am Küchentisch, rustikale Holzplatte, darauf zwei Bücher: Das eine ist sein eigenes. Das andere die »Ilias«. Beides wahre Dramen. Denn Reiters Leben ist Romanstoff, seine Autobiografie beginnt mit dem Satz: »Am Nikolausabend 1966 habe ich mir das Kreuz gebrochen.« Selten hat einer so unverkrampft über sein Leben im Rollstuhl geschrieben, und Reiter fordert, dass man auch unverkrampft danach fragen möge. Also gut: Versuch einer unverkrampften Frage.

ZEIT: Herr Reiter, wann hatten Sie mit Ihrem Rollstuhl zuletzt einen Platten?

Reiter: Das kam früher recht häufig vor! Da war ich immer mit Flickzeug unterwegs. Inzwischen sind die Reifen besser. Die letzte Reifenpanne hatte ich im vorigen Sommer. Da habe ich mir im Garten einen Rosendorn eingefahren.

ZEIT:Im Buch beschreiben Sie zwei Standardreaktionen auf Sie im Rollstuhl: Die einen versuchen das krampfhaft zu übersehen; die anderen geben sich bemüht locker. Was stört Sie mehr?

Reiter: Mich stört weder das eine noch das andere. Wenn ich sehe, dass Leute unsicher sind, habe ich eher Mitleid und versuche, behilflich zu sein. Die wahren Probleme eines Rollstuhlfahrers sind andere: etwa wenn Sie rausfallen. Einmal, als junger Mann – das habe ich ja in meinem Buch beschrieben – fiel ich in eine mit Regenwasser gefüllte Gosse. Das vergesse ich nie. Als ich da lag, fiel mir schlagartig ein Satz meines Vaters ein: Du wirst mal in der Gosse enden. Solche Situationen sind im ersten Moment tieftraurig, aber auch komisch.

ZEIT: Nach Ihrem Autounfall – als Sie erstmals im Rollstuhl nach Hause zu Ihren Eltern kamen – saßen Sie nach eigenen Worten apathisch in einer Lücke zwischen Kühlschrank und Waschmaschine und dachten: Hier bleibe ich jetzt stehen, für immer. Sie hätten dort bleiben und verzweifeln können. Wieso haben Sie es nicht getan?

Reiter: Ich neige einfach nicht zum Verzweifeln. In keiner Lage. Wenn Sie da empfindsamer sind, kann es passieren, dass Sie im Leben die Kurve nicht mehr kriegen. Ich kenne etliche Rollstuhlfahrer, die es nicht gepackt haben. Die dann von Hartz IV leben. Ich kenne auch etliche, die sich umgebracht haben. 

ZEIT: Auch Sie hatten sich nach dem Unfall schon einen Revolver besorgt und Abschiedsbriefe verfasst.

Reiter: Das war keine Show. Nach den ersten Erfahrungen im Rollstuhl war ich fest entschlossen, mich umzubringen. Ich wollte so nicht leben. Ich wollte meine Doktorarbeit noch abgeben, damit wenigstens »Dr. Reiter« auf dem Grabstein steht. Aber das sollte es dann gewesen sein. Als es ernst wurde, ist mir aber von einer Sekunde auf die nächste klar geworden, dass ich gar nicht tot sein wollte. Ich wollte leben, egal, wie. In dem Moment ist die Vitalität durchgebrochen. Genauer kann ich das leider nicht erklären.

ZEIT: Der Unfall zerstörte Ihren Berufstraum. Sie hatten die Aufnahmeprüfung zur Pilotenschule der Lufthansa gerade bestanden, als Sie verunglückten.

Reiter: Ja, das hat mir damals schwer zugesetzt. Pilot zu werden war ein Jugendtraum. Aber das wäre eine totale Fehlentscheidung gewesen. Ein Pilot ist ja doch nur ein Straßenbahnfahrer. Ein Straßenbahnfahrer in der Luft. 

ZEIT: Sie schreiben: »Man muss den Rollstuhl zähmen – wie ein Torero seinen Stier.« Ist es so?

Reiter: Tendenziell ja. Der Rollstuhl hat ein Eigenleben. Es bringt nichts, irgendetwas gegen ihn zu tun. Sie müssen versuchen, die Dinge mit ihm zusammen zu machen. Das ist fast eine partnerschaftliche Beziehung.

ZEIT: Wie ist das im Alltag: Treibt die deutsche Bürokratie Rollstuhlfahrer in die Verzweiflung?

Reiter: Da bringen Sie mich in eine heikle Lage. Eigentlich wäre ich es allen Rollstuhlkollegen schuldig, jetzt über Behörden zu schimpfen und über Krankenkassen, die uns das Leben schwer machen. Diese Fälle gibt es. Aber ich muss sagen: Nein, das ist nicht meine Erfahrung, und nicht nur, weil ich als Intendant vielleicht einen Prominenten-Bonus hatte: Auch als ich noch ein Niemand war, bin ich meist auf Verständnis und Hilfsbereitschaft gestoßen.

ZEIT: Sie schreiben sogar von einem »Wheelchair- Schlaraffenland«, in dem wir leben würden.

Reiter: Verglichen mit anderen Ländern, ist bei uns schon vieles gut geregelt. Und auch das gesellschaftliche Klima ist nicht behindertenfeindlich. Kürzlich musste ich auf dem Amt meinen Pass verlängern lassen. Dort kannte mich niemand. Als ich in der Reihe stand, vor mir jede Menge Leute, kam ein Schalterbeamter auf mich zu und sagte: »Mensch, ich bitte Sie, kommen Sie vor, Sie müssen nicht so lange warten.«

ZEIT: Wie ist das für Sie, einen Mann wie Helmut Kohl heute im Rollstuhl zu sehen?

Reiter: Das hat etwas Tragisches. Früher, als gelegentlicher Gast beim MDR, beschwerte sich Kohl, wenn ihm ein Sofa zu klein oder zu eng war.

ZEIT: Verspüren Sie eine Verbundenheit mit ihm?

Reiter: Von Rollstuhlfahrer zu Rollstuhlfahrer? Nein. Ich habe ihn seither auch nie mehr persönlich getroffen. Mit Wolfgang Schäuble habe ich mich gelegentlich ausgetauscht – darüber, was es auf dem Rollstuhlmarkt so Neues gibt.

ZEIT: Im Ernst? So etwas besprechen Sie?

Reiter: Beiläufig – wenn man sich zufällig auf einem Empfang begegnet.

ZEIT: Aber auch auf dem Rollstuhlmarkt wird doch das Rad nicht neu erfunden, oder?

Reiter: Aber sicher doch, da gab es große Fortschritte. Vor 45 Jahren, als ich den ersten Rollstuhl bekam, hießen die Dinger noch »Krankenfahrstühle«.

ZEIT: Klingt sperrig.

Reiter: Und so sahen sie auch aus. Das waren unhandliche Möbel. Silbermetallic, verchromt! Ziemlich breit außerdem, es gab keine passgenauen Zuschnitte. Da kamen Sie durch viele Türen gar nicht durch. Besser wurde es erst, als Rollstuhlfahrer eine eigene Fabrik gründeten. Heute kriegen Sie Ihren Rollstuhl maßgeschneidert.

ZEIT: Sie schreiben im Buch auch über Sexualität.

Reiter: Ganz dezent. Die Leute tuscheln doch: Ein Rollstuhlfahrer, wie macht der das? Ich weiß, es ist ein Thema. Das kann man nicht ausklammern.

ZEIT: Warum verwenden Sie Wörter wie etwa »Krüppel«?

Reiter: Die Sprachreinigung, die wir zurzeit überall versuchen, bringt doch nichts. Ich halte dieses Überkorrekte, dieses Ängstlich-Korrekte, für falsch. Es gibt sogar Rollstuhlfahrer, die sich an der Formulierung »an den Rollstuhl gefesselt« stören. Aber was bin ich denn, wenn nicht an den Rollstuhl gefesselt?

ZEIT: Sie schreiben, dass Sie schon mal Scherze machen wie den mit dem Rollstuhlfahrer unter Kannibalen.

Reiter: Ja, wie nennt man den?

ZEIT: Das müssen Sie selbst auflösen!

Reiter: Essen auf Rädern!

ZEIT: Wahrscheinlich haben Sie den Kinohit Ziemlich beste Freunde gesehen. Wie hat er Ihnen gefallen?

Reiter: Na ja. Ich war zu diesem Thema neulich in der Talkshow bei Günther Jauch. Da habe ich den Film als »Gelähmtenkitsch« bezeichnet und dafür nicht nur Beifall bekommen.

ZEIT: Jauch spricht wieder mit Ihnen? Sie haben ihn einst als Moderator beim Bayerischen Rundfunk gefeuert – Sie waren der Hörfunkdirektor.

Reiter: Ja, wir haben uns ausgesprochen. Ihm damals den Stuhl vor die Tür zu setzen, war ein Fehler von mir. Aber Jauch hatte sich, wie ich damals fand, auch nicht ganz nobel verhalten. Wir hatten Zoff über das Musikprogramm von Bayern3 und waren beide jung und emotional.

ZEIT: Wie haben Sie es als emotionaler Mensch denn 20 Jahre lang bei der ARD ausgehalten?

Reiter: Ich glaube, ich hatte da bei manchen meinen speziellen Ruf. Ich sagte da bisweilen die Dinge deutlicher als andere.

ZEIT: Sehr deutlich war gegen Ende Ihrer Amtszeit die Kritik am MDR und an Ihnen...

Reiter: Ach ja, die Rede vom »Skandalsender, der am Abgrund entlangtaumelt« und Ähnliches mehr. Da fehlte jede Verhältnismäßigkeit.

ZEIT: Der MDR war 2011 ins Gerede gekommen, weil der damalige Unterhaltungschef Udo Foht – Erfinder der erfolgreichsten MDR-Formate und Entdecker von Stars wie Florian Silbereisen – ein, sagen wir, fragwürdiges System zur Vorfinanzierung von Produktionen entwickelt hatte. Foht ist inzwischen entlassen. Sprechen Sie noch mit ihm?

Reiter: Ich habe ihn seither nie mehr gesehen. Ich weiß nicht, wo er ist. Ich weiß nicht, was er tut. Alle Kollegen, die ich noch ab und zu treffe, wissen es auch nicht.

ZEIT: Was für ein Verhältnis hatten Sie denn in all den Jahren der Zusammenarbeit zu ihm?

Reiter: So gut wie gar keins. Er war sehr zurückhaltend, fast menschenscheu. Ich glaube, wir waren in 20 Jahren zweimal gemeinsam essen. Zweimal in 20 Jahren!

ZEIT: Foht war doch das Gehirn des MDR-Fernsehens! Sie kannten ihn kaum?

Reiter: Na, Gehirn würde ich nicht sagen. Er war eher der Bauch. Er war ein sehr erfolgreicher Unterhaltungschef mit Gespür für den Geschmack eines breiten Publikums. Nicht umsonst waren andere Sender hinter ihm her. Der hatte ein Feeling dafür, was ankommt. Er hat auch mal danebengegriffen, aber generell war er sehr erfolgreich. Deswegen haben wir ihn besonders gut behandelt und ihm offensichtlich zu viele Freiheiten gelassen. 

ZEIT: Wenn Sie sagen, die Foht-Affäre war aufgebauscht – wie groß soll sie denn gewesen sein?

Reiter: Er scheint ein seltsames System zur Vor-, Quer- und Zwischenfinanzierung aufgebaut zu haben, natürlich außerhalb jeder Dienstvorschrift. Das Geld für den einen lieh er sich beim anderen, eine merkwürdige Tour. Einmal beschwerte sich jemand bei mir, Foht schulde ihm 10.000 Euro. Das habe ich gleich klären lassen, interessierte mich aber vielleicht zu wenig dafür. Ich habe nicht gefragt: Was ist eigentlich los mit ihm? Man vergisst aber immer, dass dem MDR – nach allem, was man weiß – kein Schaden entstanden ist.

ZEIT: Haben Sie inzwischen verstanden, was genau er da getrieben hat?

Reiter: Das hat wohl niemand so richtig verstanden. Und ich glaube, er selbst verstand es am Ende auch nicht mehr. Dass wir es mit dieser skurrilen Geschichte bis auf die Titelseiten von Welt und Süddeutscher Zeitung geschafft haben, gleich neben die Euro-Krise, das hat mich doch sehr erstaunt! Hinzu kamen Erpressungsgeschichten, von denen ich nicht weiß, ob sie wahr sind. Da sind die Relationen völlig verrutscht. 

ZEIT: Es gab aber auch den Skandal um veruntreute Gelder beim MDR-geführten Kinderkanal, der sehr wohl riesigen Schaden verursacht hat und erst wenige Monate zuvor öffentlich geworden war. War da nicht verständlich, dass die Medien allmählich fragten: Was ist denn mit diesem MDR los?

Reiter: Der Betrugsfall beim Kinderkanal ist etwas völlig anderes. Er hat mich sehr geschmerzt und geärgert.

ZEIT: Im Buch hadern Sie mit sich – Ihre letzte Amtszeit als Intendant sei eine zu viel gewesen.

Reiter: Ja, ich hätte früher aufhören sollen. Wäre ich mit 65 gegangen, hätte es wohl eine große Abschiedsgala gegeben. Gegangen bin ich nicht wegen Foht oder des Kinderkanals, sondern mit Rücksicht auf meine Gesundheit. Der Grund waren 45 Jahre Rollstuhl! Ich habe es nie wahrhaben wollen, aber man hat irgendwann nicht mehr die Kraft, man wird unsicher. Wenn ich heute aus dem Rollstuhl falle, breche ich mir die Knochen, weil die entkalkt sind.

ZEIT: Zwischen den Zeilen kann man bei Ihnen lesen, wie sehr Sie sich darüber geärgert haben, dass die neue MDR-Führung öffentlich mit aller Kraft den Eindruck zu erwecken versucht hat: Wir räumen jetzt hier mal diesen Saustall auf!

Reiter: Ich fand einige dieser Äußerungen in der Tat übertrieben. Und das ging einigen meiner Mitstreiter aus den Aufbaujahren ähnlich. Der MDR war ja keine Kloake, in der man nun endlich für frische Luft sorgen musste.

ZEIT: Als Manager werden Sie so eine Strategie doch verstehen können.

Reiter: Natürlich müssen die Neuen zeigen, dass Sie neu sind und andere Akzente setzen. Das habe ich früher genauso gemacht. Und ganz ehrlich: Die kleine narzisstische Kränkung ist längst überwunden.

ZEIT: In der Dresdner Staatskanzlei hat man sich am heftigsten empört über die Zustände in Ihrem Sender.

Reiter: Dort war man sehr machtbewusst. Aber das Thema ist abgehakt.

Udo Reiter hat einen Kühlschrank für wohltemperierten Wein, darauf sitzt ein Tiger aus Plastik: lauernd. Daneben hängen Boxhandschuhe – ein Geschenk des Profiboxers Markus Beyer. Auf einem Fensterbrett sammelt Reiter Krummdolche. Viel Kampfsymbolik. Aber Reiter wirkt ruhig. Er lauert nicht. Ist er so ausgeglichen, wie es den Anschein hat?

ZEIT: Haben die Parteien zu viel Einfluss bei den öffentlich-rechtlichen Sendern?

Reiter: Sie haben ihn jedenfalls gar nicht nötig. Wissen Sie, in den Rundfunk- und Verwaltungsräten habe ich die Erfahrung gemacht, dass man gerade mit Politikern sachorientiert zusammenarbeiten kann. Im Übrigen: Ich glaube, die Parteien kommen viel besser weg, wenn sie es mit ordentlich geschulten, anständig arbeitenden Journalisten zu tun haben. Mit Partei-Schreiberlingen tut sich weder die Linke noch die Rechte einen Gefallen. Und für Journalisten gilt sowieso: Wer öfter mal seinen Willen behält, muss deshalb nicht gleich Karriere-Schiffbruch erleiden.

ZEIT: Die Wahl Karola Willes zur MDR-Intendantin wurde als kleine Revolution eines Rundfunkrates gewertet, als ein inneres 1989 – weil das Gremium sich dagegen wehrte, den Kandidaten der sächsischen Regierung abzunicken: Bernd Hilder, damals Chef der Leipziger Volkszeitung .

Reiter: Absolut, das war eine kleine Revolution. Das Gremium hat sich diese – wie soll ich es ausdrücken? – »besondere Zuwendung« nicht gefallen lassen. Die war überflüssig und viel zu direkt.

ZEIT: Was war Ihre Rolle in der Nachfolgefrage?

Reiter: Als ich 65 wurde, kam zum ersten Mal das Thema auf, wer mir folgen sollte. Die drei Ministerpräsidenten Mitteldeutschlands sprachen miteinander; irgendwann fiel der Name Bernd Hilder. Ich habe erzählt, dass der mal ARD-Korrespondent war. Dann sagten alle drei: Ja, mit dem könnten wir leben. Herr Reiter, fragen Sie die den doch mal, ob er zur Verfügung steht. Also habe ich ihn angerufen.

ZEIT: Sie haben ihn angerufen?

Reiter: Ja, und habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, Intendant zu werden. Er sagte, er könne sich das vorstellen. Dann beschloss ich aber, noch etwas länger im Amt zu bleiben. Als ich dann, zwei Jahre später, endgültig ging, kam sein Name natürlich sofort wieder auf. Damit hatte ich aber überhaupt nichts mehr zu tun. Gar nichts. Aber jetzt Schluss mit den alten Geschichten!

ZEIT: Gefällt Ihnen Frau Wille als Nachfolgerin?

Reiter: Vom Job her kann ich nur Gutes über sie sagen, sie war ja 15 Jahre lang meine Stellvertreterin. Mehr sage ich nicht. Es gibt nichts Schlimmeres als Alte, die sich aus ihren Gräbern und Grüften melden und erklären wollen, was richtig wäre und was schlecht. 

ZEIT: Die Zeit, in der Frauen nur aufstiegen, wenn Männer sie förderten, geht zu Ende.

Reiter: Ja, wir Männer haben offenbar abgewirtschaftet. Schauen Sie nach Rheinland-Pfalz, das ist mittlerweile eine Amazonenrepublik, es gibt mehr Ministerinnen als Minister, und eine Lady ist die Chefin.

ZEIT: Finden Sie das gut?

Reiter: Es gab schon mal im Hochmittelalter eine Zeit, in der die Männer zu Minnesängern degradiert wurden. Aber es ging nicht lange gut. Nach hundert Jahren war es wieder vorbei. 

ZEIT: Was wäre eigentlich aus Ihnen geworden, wenn 1989 die Mauer nicht gefallen wäre?

Reiter: Vielleicht Intendant des Bayerischen Rundfunks.

ZEIT: Dem hätte nichts im Weg gestanden?

Reiter: Ich glaube: nichts Ernsthaftes.

ZEIT: Wäre dieses Amt angenehmer gewesen?

Reiter: Nein, sehr viel langweiliger.

ZEIT: Neben Topleuten sind ja auch schwierigere Charaktere als Aufbauhelfer in den Osten gekommen. Haben Sie das als Problem empfunden? 

Reiter: Aber ja, das hat mich geärgert. Da ist zum Teil richtiges Gesindel rübergekommen! Leute, die drüben nichts geworden waren – und die dann hier die Menschen beschissen haben, nach Strich und Faden. Ich habe mich oft geschämt für das Pack. Aber am Ende zählt für die Ostdeutschen: Wir haben gezeigt, dass wir es können.

ZEIT: Sie sagen schon »wir«. Wir Ostdeutsche.

Reiter: Na ja, nach mehr als 20 Jahren.

ZEIT: Einer der Ostdeutschen, mit dem Sie viel Zeit verbrachten, war Ihr Fahrer.

Reiter: Genau. Ein gescheiter Mann. Von ihm habe ich viel gelernt darüber, wie die Zuschauer ticken.

ZEIT: Wie finden Sie es, dass es jetzt einen ostdeutschen Bundespräsidenten gibt?

Reiter: Er ist ein eindrucksvoller Präsident, und was er sagt, ist klug und nicht immer so lähmend politically correct.

ZEIT: Sie sind seit einigen Monaten mit der Autorin und Moderatorin Else Buschheuer verheiratet. Half sie Ihnen bei der Autobiografie?

Reiter: Nein, Zeile für Zeile stammt von mir. Neulich wurde ich sogar gefragt, ob ich sie geheiratet habe, weil ich einen Ghostwriter brauchte. Ich sagte: Nein, das hat einen anderen Grund – ich habe sie geheiratet, weil sie mal einen Kurs in Sterbebegleitung bei der Mutter Teresa gemacht hat.

ZEIT: Haben Sie das wirklich gesagt? Wie war darauf die Reaktion?

Reiter: Betretenes Schweigen.

ZEIT: Es gibt im Buch eine berührende Passage zum Thema Sterbehilfe. Sie finden, der Deutsche Bundestag habe Ihnen nicht vorzuschreiben, wann und wie Sie aus dem Leben scheiden dürfen.

Reiter: Das ist eines der wenigen Themen, die mich wirklich in Wallung bringen. Ein junger, gesunder Mensch kann das wahrscheinlich nicht nachfühlen. Aber wenn der Tod näher rückt, wird die Frage drängender. Ich finde, dass das Recht auf Selbstbestimmung, dem wir ja sonst sehr großes Gewicht beimessen, auch für das Ende des Lebens gelten muss. Der Situation ausgesetzt zu sein, dass man sich selbst nicht helfen kann – das finde ich scheußlich.

Und dann schweigt Udo Reiter. Unglaublich, wie schnell er umschalten kann – vom Streit über den MDR zu existenziellen Fragen; und stets lächelt er dabei, besonnen, wie ein Buddha fast. Sollte ihm die Ruhe wirklich lieber sein als der Rummel?

ZEIT: Dass Sie eine Leipzigerin geheiratet haben, bedeutet auch: Sie haben hier Wurzeln geschlagen?

Reiter: Zum ersten Mal in meinem Leben. Ich hatte früher eine Söldnermentalität: Ich bin dorthin gegangen, wo etwas los war. Nun bin ich hier daheim. Ich freue mich, wenn ich nach Hause komme. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Nachbarn. Und einen schönen Garten.

Udo Reiter

Ärzte gaben dem damals 23-Jährigen, nach einem Autounfall querschnittsgelähmt, nur noch wenige Jahre. Doch Reiter, 1944 in Lindau geboren , widerlegte ihre Prognose. Er schrieb eine Dissertation in Germanistik und heuerte beim Bayerischen Rundfunk (BR) an, wo er bis zum Hörfunkdirektor aufstieg.

Er gilt als der Entdecker von Thomas Gottschalk, dessen Karriere beim BR-Verkehrsfunk begann. 1991 wechselte Reiter nach Leipzig, um den Mitteldeutschen Rundfunk zu gründen. Unter seiner Führung wurde das MDR-Fernsehen zu einem Heimat-Sender mit Spitzenquoten, aber auch zum skandalumwitterten Feindbild der TV-Kritik. 2011 ging der Intendant in Rente.

Die Autobiografie

Mal als Drama, mal als Komödie und stets locker im Ton schildert Reiter sein Leben. Als Student im Berlin der sechziger Jahre entdeckte er sein Interesse an der DDR und galt dann beim BR als Ost-Experte. Über den Dirigenten Justus Frantz lernte er Sachsens Premier Kurt Biedenkopf (CDU) kennen; bald danach war Reiter MDR-Chef.

Er merkt selbstkritisch an, zu lange im Amt geblieben zu sein, und lässt durchblicken, ihn kränke »die Art, wie meine Nachfolger mit meinem Lebenswerk umgehen«, ihre »Kälte und Entschlossenheit«. Kurz nach seiner Pensionierung etwa habe der MDR das Fernsehballett verkauft, das er selbst aus der DDR-Konkursmasse gerettet habe. DZ

ZEIT: Sie leben in einem Dorf bei Leipzig in der alten Dorfschule. Wie viele Leute wohnen im Ort?

Reiter: 68? Ich glaube, ich war der Neunundsechzigste.

ZEIT: Wie ist das in so einem Dorf, wenn da plötzlich der langjährige MDR-Intendant wohnt?

Reiter: Ach. Der Sachse ist entspannt. Sachsen und Bayern sind locker. Beide Länder waren mal Königreiche, beide haben jeden Krieg, den sie anfingen, verloren. Da wird man locker.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    könnte ich Ihren Einwand verstehen. So kann ich es nicht.
    Auch könnte sich die Zeit gern kritisch mit MDR-Reiter auseinandersetzen, statt dem bloßen Gerede eine unkritische Bühne zu liefern.

  2. 3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Überschrift zeigt nur, dass der Journalist weiß, wie man einen aktuellen Aufhänger findet! Denn dass er eine kurzlebige Zeit der Amazonen andeutet, hat wohl mit der Sexismus-Debatte nicht viel zu tun. Außerdem hindert niemand die Männer das Thema aufzugreifen! Niemand sagt, das Thema gehört den Frauen! Wenn Sie Opfer von Sexismus geworden sind, dann beteiligen Sie sich einfach an der Debatte, gegen sexistische Menschen, nicht gegen Männer oder Frauen...

    • TDU
    • 07. Februar 2013 9:43 Uhr

    Zit.: Im Übrigen: Ich glaube, die Parteien kommen viel besser weg, wenn sie es mit ordentlich geschulten, anständig arbeitenden Journalisten zu tun haben. Mit Partei-Schreiberlingen tut sich weder die Linke noch die Rechte einen Gefallen."

    Und vielleicht auch der Bürger, auf Dauer gesehen. Ein jutes Interviev. Leider immer dann, wenn solche Herrschaften in Rente sind. Aber die Macht zeichnet sich eben im Besonderen durch Schweigen aus. Da nmüsste halt die Presse raus kriegen, was wirklich Sache ist. Tja.

    Und wie so eigentlich die Überschrift auf Seite 1, wenn das Thema erst auf Seite 4 behandelt wird und gerade mal in ein paar Sätzen. Angst vor Desinteresse? Vermutlich um Spannung zu erzeugen wie beim guten Krimi.

    Na ja, jedenfalls war seine Bemerkung über Mutter Theresa vom Feinsten, wenns stimmt. Auf die Frage, warum man jemanden geheiratet hat oder geheiratet wurde, ist als Antwort eigentlich alles erlaubt.

    2 Leserempfehlungen
  3. Die Überschrift zeigt nur, dass der Journalist weiß, wie man einen aktuellen Aufhänger findet! Denn dass er eine kurzlebige Zeit der Amazonen andeutet, hat wohl mit der Sexismus-Debatte nicht viel zu tun. Außerdem hindert niemand die Männer das Thema aufzugreifen! Niemand sagt, das Thema gehört den Frauen! Wenn Sie Opfer von Sexismus geworden sind, dann beteiligen Sie sich einfach an der Debatte, gegen sexistische Menschen, nicht gegen Männer oder Frauen...

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
  4. könnte ich Ihren Einwand verstehen. So kann ich es nicht.
    Auch könnte sich die Zeit gern kritisch mit MDR-Reiter auseinandersetzen, statt dem bloßen Gerede eine unkritische Bühne zu liefern.

    Antwort auf "[...]"
  5. Dem dem ganzen Artikel geht es nur ein paar Zeilen um den Aufstieg der Frauen. Trotzdem nimmt man dies, um Klicks zu generieren.
    Dabei hätte das Interview das wirklich nicht nötig gehabt.

    4 Leserempfehlungen
  6. Ich finde auch, dass der Titel ein Thema suggeriert, das nur am Rande im Interview besprochen wird. Und ausgerechnet zu dem Thema äußert sich Reiter ziemlich unsachlich.

    3 Leserempfehlungen
  7. "»Mensch, ich bitte Sie, kommen Sie vor, Sie müssen nicht so lange warten.«"

    Warum denn nicht ? Er kann die ganze Zeit sitzen während wir stehen müssen....
    Dieses Einfordern von Gleichberechtigung artet immer in Einbahnstrassen aus.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service