ZEIT: Der Unfall zerstörte Ihren Berufstraum. Sie hatten die Aufnahmeprüfung zur Pilotenschule der Lufthansa gerade bestanden, als Sie verunglückten.

Reiter: Ja, das hat mir damals schwer zugesetzt. Pilot zu werden war ein Jugendtraum. Aber das wäre eine totale Fehlentscheidung gewesen. Ein Pilot ist ja doch nur ein Straßenbahnfahrer. Ein Straßenbahnfahrer in der Luft. 

ZEIT: Sie schreiben: »Man muss den Rollstuhl zähmen – wie ein Torero seinen Stier.« Ist es so?

Reiter: Tendenziell ja. Der Rollstuhl hat ein Eigenleben. Es bringt nichts, irgendetwas gegen ihn zu tun. Sie müssen versuchen, die Dinge mit ihm zusammen zu machen. Das ist fast eine partnerschaftliche Beziehung.

ZEIT: Wie ist das im Alltag: Treibt die deutsche Bürokratie Rollstuhlfahrer in die Verzweiflung?

Reiter: Da bringen Sie mich in eine heikle Lage. Eigentlich wäre ich es allen Rollstuhlkollegen schuldig, jetzt über Behörden zu schimpfen und über Krankenkassen, die uns das Leben schwer machen. Diese Fälle gibt es. Aber ich muss sagen: Nein, das ist nicht meine Erfahrung, und nicht nur, weil ich als Intendant vielleicht einen Prominenten-Bonus hatte: Auch als ich noch ein Niemand war, bin ich meist auf Verständnis und Hilfsbereitschaft gestoßen.

ZEIT: Sie schreiben sogar von einem »Wheelchair- Schlaraffenland«, in dem wir leben würden.

Reiter: Verglichen mit anderen Ländern, ist bei uns schon vieles gut geregelt. Und auch das gesellschaftliche Klima ist nicht behindertenfeindlich. Kürzlich musste ich auf dem Amt meinen Pass verlängern lassen. Dort kannte mich niemand. Als ich in der Reihe stand, vor mir jede Menge Leute, kam ein Schalterbeamter auf mich zu und sagte: »Mensch, ich bitte Sie, kommen Sie vor, Sie müssen nicht so lange warten.«

ZEIT: Wie ist das für Sie, einen Mann wie Helmut Kohl heute im Rollstuhl zu sehen?

Reiter: Das hat etwas Tragisches. Früher, als gelegentlicher Gast beim MDR, beschwerte sich Kohl, wenn ihm ein Sofa zu klein oder zu eng war.

ZEIT: Verspüren Sie eine Verbundenheit mit ihm?

Reiter: Von Rollstuhlfahrer zu Rollstuhlfahrer? Nein. Ich habe ihn seither auch nie mehr persönlich getroffen. Mit Wolfgang Schäuble habe ich mich gelegentlich ausgetauscht – darüber, was es auf dem Rollstuhlmarkt so Neues gibt.

ZEIT: Im Ernst? So etwas besprechen Sie?

Reiter: Beiläufig – wenn man sich zufällig auf einem Empfang begegnet.

ZEIT: Aber auch auf dem Rollstuhlmarkt wird doch das Rad nicht neu erfunden, oder?

Reiter: Aber sicher doch, da gab es große Fortschritte. Vor 45 Jahren, als ich den ersten Rollstuhl bekam, hießen die Dinger noch »Krankenfahrstühle«.

ZEIT: Klingt sperrig.

Reiter: Und so sahen sie auch aus. Das waren unhandliche Möbel. Silbermetallic, verchromt! Ziemlich breit außerdem, es gab keine passgenauen Zuschnitte. Da kamen Sie durch viele Türen gar nicht durch. Besser wurde es erst, als Rollstuhlfahrer eine eigene Fabrik gründeten. Heute kriegen Sie Ihren Rollstuhl maßgeschneidert.

ZEIT: Sie schreiben im Buch auch über Sexualität.

Reiter: Ganz dezent. Die Leute tuscheln doch: Ein Rollstuhlfahrer, wie macht der das? Ich weiß, es ist ein Thema. Das kann man nicht ausklammern.

ZEIT: Warum verwenden Sie Wörter wie etwa »Krüppel«?

Reiter: Die Sprachreinigung, die wir zurzeit überall versuchen, bringt doch nichts. Ich halte dieses Überkorrekte, dieses Ängstlich-Korrekte, für falsch. Es gibt sogar Rollstuhlfahrer, die sich an der Formulierung »an den Rollstuhl gefesselt« stören. Aber was bin ich denn, wenn nicht an den Rollstuhl gefesselt?

ZEIT: Sie schreiben, dass Sie schon mal Scherze machen wie den mit dem Rollstuhlfahrer unter Kannibalen.

Reiter: Ja, wie nennt man den?

ZEIT: Das müssen Sie selbst auflösen!

Reiter: Essen auf Rädern!

ZEIT: Wahrscheinlich haben Sie den Kinohit Ziemlich beste Freunde gesehen. Wie hat er Ihnen gefallen?

Reiter: Na ja. Ich war zu diesem Thema neulich in der Talkshow bei Günther Jauch. Da habe ich den Film als »Gelähmtenkitsch« bezeichnet und dafür nicht nur Beifall bekommen.

ZEIT: Jauch spricht wieder mit Ihnen? Sie haben ihn einst als Moderator beim Bayerischen Rundfunk gefeuert – Sie waren der Hörfunkdirektor.

Reiter: Ja, wir haben uns ausgesprochen. Ihm damals den Stuhl vor die Tür zu setzen, war ein Fehler von mir. Aber Jauch hatte sich, wie ich damals fand, auch nicht ganz nobel verhalten. Wir hatten Zoff über das Musikprogramm von Bayern3 und waren beide jung und emotional.

ZEIT: Wie haben Sie es als emotionaler Mensch denn 20 Jahre lang bei der ARD ausgehalten?

Reiter: Ich glaube, ich hatte da bei manchen meinen speziellen Ruf. Ich sagte da bisweilen die Dinge deutlicher als andere.

ZEIT: Sehr deutlich war gegen Ende Ihrer Amtszeit die Kritik am MDR und an Ihnen...

Reiter: Ach ja, die Rede vom »Skandalsender, der am Abgrund entlangtaumelt« und Ähnliches mehr. Da fehlte jede Verhältnismäßigkeit.

ZEIT: Der MDR war 2011 ins Gerede gekommen, weil der damalige Unterhaltungschef Udo Foht – Erfinder der erfolgreichsten MDR-Formate und Entdecker von Stars wie Florian Silbereisen – ein, sagen wir, fragwürdiges System zur Vorfinanzierung von Produktionen entwickelt hatte. Foht ist inzwischen entlassen. Sprechen Sie noch mit ihm?

Reiter: Ich habe ihn seither nie mehr gesehen. Ich weiß nicht, wo er ist. Ich weiß nicht, was er tut. Alle Kollegen, die ich noch ab und zu treffe, wissen es auch nicht.

ZEIT: Was für ein Verhältnis hatten Sie denn in all den Jahren der Zusammenarbeit zu ihm?

Reiter: So gut wie gar keins. Er war sehr zurückhaltend, fast menschenscheu. Ich glaube, wir waren in 20 Jahren zweimal gemeinsam essen. Zweimal in 20 Jahren!