Videodienst NetflixInternet-TV für 100 Millionen Dollar

Der Videodienst Netflix revolutioniert mit der eigens produzierten Serie "House of Cards" das Fernsehen.

In den USA probt ein Lieferdienst dieser Tage den Aufstand gegen die Großen der Film- und Fernsehindustrie. Der vergleichsweise kleine Angreifer, die Firma Netflix, verbreitet seit 1997 Fernsehserien und Kinofilme zum Anschauen übers Internet oder verschickt sie auf DVD. Die Alten produzieren, Netflix liefert die bewegten Bilder aus – so war es bisher. Doch nun versucht die Internetfirma, selbst zum Produzenten aufzusteigen.

Seit Anfang Februar können Netflix-Kunden –und nur diese – die Serie House of Cards im Internet sehen: Die Serie beginnt damit, dass der Abgeordnete Frank Underwood erfahren muss, dass er vom Präsidenten übergangen wurde. Underwood soll weiter im Kongress dienen, statt, wie versprochen, als Außenminister die Welt zu bereisen. Nach wenigen Sekunden hat er sich gefangen. Ob man trotzdem auf ihn zählen könne, wird Underwood gefragt. «Natürlich«, antwortet er. Es ist der Schauspielkunst von Kevin Spacey (American Beauty) zu verdanken, dass der Zuschauer sieht: Die Unterwürfigkeit ist vorgetäuscht. Dies ist nicht das Gesicht eines geschlagenen Mannes. Es ist das Gesicht eines Mannes, der sich gerade neue Feinde geschaffen hat. Im weiteren Verlauf der Serie entfaltet sich ein Machtkampf im Weißen Haus, es geht um Moral und Verrat, um einen Mann, der die Regierung ins Wanken bringt wie ein Kartenhaus.

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House of Cards gilt als kleine Revolution im Fernsehgeschäft. Nicht wegen der exzellenten Besetzung oder des für den Oscar nominierten Regisseurs David Fincher (The Social Network, Panic Room, Seven), sondern weil Netflix die Serie in Auftrag gegeben und bezahlt hat. Damit tritt die Firma in direkte Konkurrenz zu den großen Fernsehsendern ABC, CBS und renommierten Bezahl-Fernsehkanälen wie HBO.

Wenn das Experiment erfolgreich ist, wird sich die Zukunft des Fernsehens verändern. Denn House of Cards wird in Amerika nie auf einem festen Sendeplatz bei einem bekannten Sender zu sehen sein. Stattdessen wurde die komplette erste Staffel der Serie mit einem Budget von angeblich 100 Millionen Dollar am ersten Februar online gestellt. Alle dreizehn Folgen sind vom ersten Tag an zu sehen. Nie zuvor wurde eine Produktion in dieser Größenordnung ausschließlich für einen Internetanbieter verwirklicht. Netflix will, wie das Magazin Wired schreibt, der erste »echte« Sender unter den Online-Streaming-Anbietern werden.

Für eine Pauschale von rund acht Dollar im Monat können Abonnenten von Netflix in den USA sehen, was und wann sie wollen. Es ist ein Angebot für die wachsende Zuschauergruppe, die sich ihr Programm selbst zusammenstellen will. Kaum jemand kennt sie so gut wie Netflix. Denn Netflix hat seine inzwischen mehr als 30 Millionen Nutzer jahrelang beobachtet. Die Abonnenten bewerten Filme. Aber das ist nicht alles: Netflix zeichnet auf, wann ein Film abgebrochen, wann vor- oder zurückgespult wird. Ob er mehrmals geschaut wird. Alle Kundendaten hat die Firma gespeichert, kategorisiert und analysiert. Aus diesen Daten leitete Netflix nun ab, dass House of Cards Chancen hat. Die Firma riskiert viel. Sie macht derzeit knapp vier Milliarden Dollar Umsatz, aber der Gewinn ist im vergangenen Jahr fast auf null geschrumpft, die Verbindlichkeiten sind stark gestiegen. Ein Teil dieser finanziellen Entwicklung ist den Produktionskosten von House of Cards geschuldet.

Von House of Cards wurden gleich zwei Staffeln in Auftrag gegeben – normalerweise bestellen Fernsehsender etwa sechs Folgen einer Serie. Erst bei Erfolg wird weiterverhandelt. Auch die Entscheidung, eine ganze Staffel an einem Tag online zu stellen, widerspricht der klassischen Fernseh-Logik, den Zuschauer jede Woche zurück zum Programm zu locken. Beide Schritte wurden deshalb von Analysten als unnötiges Risiko bezeichnet. Netflix kalkuliert anders: Erfolg im Fernsehen sei nicht gleich Erfolg im Internet. Schlechte Einschaltquoten können viele Gründe haben – die Sendezeit, die direkte Konkurrenz, das Wetter. Im Netz hingegen können Serien langsam, über Jahre hinweg, eine Fangemeinde anziehen. »Unserer Meinung nach werden die Menschen in den nächsten Jahren, wenn das Internetfernsehen gewachsen ist, zurückschauen und feststellen, dass das der Wendepunkt war«, sagte Vorstandschef Reed Hastings in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. In den ersten Tagen haben rund 8.000 Netflix-Abonnenten die Serie bewertet – die meisten sehr positiv.

 
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