Zeitgeist: Die Pfarrhaus-Republik
Neue Empörungskultur – gnadenloser als der alte Protestantismus
Wulff, Steinbrück, Brüderle: Der Gewinner im Empörungswettkampf ist ... das deutsche Pfarrhaus, die protestantische Kultur, die es verkörpert. Zufall oder Zeitgeist? Fakt ist, dass der höchste Mann, die höchste Frau im Staate aus diesem preußisch-lutherischen Milieu kommen. Freunderlwirtschaft, Weingenuss nur über fünf Euro, Sex & Machtstreben sind Gauck und Merkel so fremd wie einem evangelischen Pastor der Ablasshandel. Das Pfarrhaus versinnbildlicht die alt-neue Moral in einem Lande, das sich – welch Paradox – säkularisiert, ja »entchristianisiert«.
Glänzend hat Christine Eichel diese Kultur in ihrem Buch Das deutsche Pfarrhaus beschrieben. »Geld und Korrumpierbarkeit« bleiben vor der Tür. »Bescheidenheit und Zurückhaltung schützen vor den Versuchungen, sich Luxus zu erschwindeln.« Die »protestantische Arbeitsethik« verheißt »Fleiß und Pflichtgefühl«. Sex? Ausschließlich in der Ehe; Fontane lässt einen preußischen Offizier im Stechlin sagen: »Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht.«
Der Kulturwandel lässt sich mit Händen greifen. Willy Brandt hatte seine Affären, Rainer Brüderle gerät in die »Dirndl-Falle«. Gerhard Schröder hatte Brioni, Cohiba und Grand Cru. Genosse Steinbrück muss sich im Staub winden, weil er von Geld und Kanzlergehalt redet; selbst im puritanischen Amerika hüllt sich Obama in feinstes Tuch, im katholischen Frankreich ist Haute Couture eine Selbstverständlichkeit für Ministerinnen. Angela Merkel trägt androgyne Arbeitsuniform; das Dekolleté hat sie nur einmal und nie wieder gezeigt – 2008 in der Oper von Oslo.
»Elegant« ist gleich »kapriziös«, was ebenso wenig ins neue deutsche Pfarrhaus passt wie unverhohlene Männlich- und Weiblichkeit. Frau Merkel kauft selber ein, und Steinbrück wird auf Aldi-Riesling gesetzt. Machtstreben kleidet sich in Pflichterfüllung; Geltungsbedürfnis ist des Teufels. Die Kanzlerin, notiert Eichel, wäre nicht die »erste Pfarrerstochter, die ihre kühle Raffinesse« – neutraler: Machttechnik – »hinter Bescheidenheit und Fleiß verbirgt«. Damit trifft sie perfekt das Lebensgefühl ihres Wahlvolkes.
Das Problem des preußischen Protestantismus ist nicht minder offenkundig. Der Preis der Strenge ist Mimikry, ja Grausamkeit. Im alten Preußen ließ der »Soldatenkönig« den Freund seines Sohnes Friedrich wegen Gehorsamsverletzung hinrichten. Heute läuft die Hinrichtung per »Aufschrei« im Shitstorm. Es geht aber immer um die Macht, um »moralische Geländegewinne« im Kampf um Vorteil und Deutungshoheit, wie Spiegel-Autor Jan Fleischhauer mit Blick auf Brüderle schreibt. Die Methode ist nicht der offene Streit um die Urfrage aller Politik – »Wer kriegt was, wie und warum?« –, sondern der Bau eines »moralischen Gefälles«, an dessen Ende das Opfer hilflos im Schlamm zappelt.
Hier endet aber auch der Pfarrhaus-Vergleich. Der protestantische Pastor war hart gegen sich wie gegen andere. Er gab nicht vor, dem lieben Gott zu dienen, um in Wahrheit die eigene Macht und Glorie zu mehren. Strenge war gepaart mit Verantwortung. Die fehlt der neuen Empörungskultur. Das Manko macht sie wett durch Selbstgerechtigkeit und Gnadenlosigkeit, die dem Pfarrhaus so fremd waren wie der Kanzlerin Protz und Pracht.





wird, da bleibt kaum Spielraum für Repräsentation - oder Kompensation, oder sonstige: Stil und Geschmack erfordernde Auswahlentscheidungen.
Ausgerechnet eine aufgehobene Entfremdung im Amt scheint in stilistische Ödnis zu münden.
Und: "Politische Ästhetik" klingt nach der Seite der Reputierlichkeit hin: nicht eben unverdächtig.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren