Belästigung im Job»Sexismus gibt’s auch unter Männern«

Übergriffiges Verhalten am Arbeitsplatz kennen beide Geschlechter – der Mediator Willibald Walter über Missverständnisse und Macht. von Benedict Peters

DIE ZEIT: Herr Walter, wenn es in einem Unternehmen zu Sexismus-Vorwürfen kommt, werden Sie hinzugezogen, um zu vermitteln. In welchen Situationen werden Sie gerufen?

Willibald Walter: Das ist ganz unterschiedlich. Ein klassischer Fall ist der Vorgesetzte, der seiner Sekretärin auf den Busen blickt, Bemerkungen macht oder sie gar anfasst. Aber es gibt auch ganz andere Situationen: Manchmal fühlen sich Frauen diskriminiert, weil sie eine bestimmte Stelle nicht bekommen haben und der Meinung sind, das liege an ihrem Geschlecht. Ich hatte auch schon mit Männern zu tun, die sich in weiblich besetzten Arbeitsteams aufgrund ihres Mannseins gemobbt fühlten.

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ZEIT: Wie gehen Sie vor, wenn Sie solche Konflikte lösen?

Walter: Zuerst müssen sich beide Seiten über ihre Interessen klar werden: Was genau hat mich verletzt? Welche Befürchtungen und Wünsche habe ich? Und was will ich jetzt eigentlich? Diese Fragen muss jeder für sich selbst beantworten. Dann wirke ich auf einen Perspektivenwechsel hin.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Walter: Oft gibt es Missverständnisse. Nehmen wir das Beispiel einer Mitarbeiterin, die sich von ihrem Vorgesetzten belästigt fühlt, weil er sich sehr dicht neben sie setzt, sie mal am Arm berührt und ihr sagt, sie sei hübsch angezogen. Der Chef will damit vielleicht nur für eine lockere Atmosphäre sorgen, für die Frau aber ist es eine Grenzüberschreitung. Er interpretiert ihr schweigendes Lächeln als Einverständnis, während es für sie ein Ausdruck ihrer Peinlichkeit ist und sie nicht weiß, wie sie eine Grenze ziehen kann, ohne ihren Chef zu brüskieren. Wenn man es schafft, dass sich die Betroffenen in den jeweils anderen hineinversetzen, dann können solche Konflikte oft gut gelöst werden. Wenn so etwas in einem Unternehmen zum ersten Mal passiert, werden danach meist Regeln für den weiteren Umgang miteinander aufgestellt und klare Grenzen festgelegt. Außerdem kann eine Vertrauensperson benannt werden, an die sich Mitarbeitende wenden können, die sich belästigt fühlen.

ZEIT: Wird das Arbeitsklima denn wirklich besser, wenn man den persönlichen Umgang in ein Regelkorsett presst?

Walter: Das ist ganz stark davon abhängig, wie diese Regeln zustande gekommen sind. Wenn sie einfach von oben vorgegeben werden, können sie das Arbeitsklima verschlechtern. Wenn sie aber aus einem Dialog zwischen den Betroffenen entstanden sind, dann können Regeln das Arbeitsverhältnis verbessern. Viele Männer können sogar erst danach entspannt mit ihren Kolleginnen ein Bier trinken gehen, Witze machen oder ihnen auch mal freundschaftlich auf die Schulter klopfen. Denn dann ist die Unsicherheit weg, was erlaubt ist und was nicht. Und das Vertrauen da, dass das Gegenüber Bescheid gibt, wenn etwas schräg ankommt.

ZEIT: Unsicherheit entsteht auch dadurch, dass vielen nicht klar ist, wo genau Sexismus anfängt.

Walter: Dabei ist das nicht so schwierig. Sexismus ist eine Diskriminierung oder Beurteilung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts.

ZEIT: Wenn man über das Verhältnis der Geschlechter im Berufsleben diskutiert, ist man schnell bei zwei Stereotypen: dem zum Herrenwitz neigenden Mann auf der einen Seite und der Frau in der Opferrolle auf der anderen Seite.

Willibald Walter

Willibald Walter ist Mediator und hat sich auf Gender & Diversity Management spezialisiert.

Walter: Ja, aber das ärgert mich an dieser Debatte. Denn dabei wird vergessen, dass es auch noch ganz andere Formen von Sexismus gibt – unter Männern zum Beispiel. Beim Betriebssport wird sich etwa über weniger sportliche Kollegen lustig gemacht. Oder es wird am beruflichen Engagement gezweifelt, wenn Männer Vaterschaftsurlaub nehmen oder wegen der Krankheit ihrer kleinen Kinder zu Hause bleiben. Oder nehmen Sie die Situation auf der Herrentoilette: Für viele Männer ist es belastend, wenn sie neben einem Kollegen – womöglich gar neben einem Vorgesetzten – am Pissoir stehen. Einige werden da zu sogenannten Harnstotterern und können nicht mehr pinkeln. Wie verbreitet Sexismus gegen Männer ist, zeigen auch allgemein übliche Beleidigungen wie »Weichei« und »Schlappschwanz«.

ZEIT: Klischeehafte Witze sind allerdings trotzdem eher aus dem Mund von Männern zu hören.

Walter: Das war früher so, ändert sich aber gerade rasant. Männerfeindliche Witze und Werbung sind seit einiger Zeit en vogue. Und: Es ist bei Weitem nicht so, dass sich alle Männer in der Rolle des derben Zotenreißers gefallen. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich auch viele Männer in männlich dominierten Kreisen, in denen solche Gespräche geführt werden, unwohl fühlen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische Vergleiche. Die Redaktion/mak

    • BRDiger
    • 13. Februar 2013 19:48 Uhr
    2. [...]

    Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierteren Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt sehr unterschiedliche Männer und damit auch sehr unterschiedliche Männerrunden. Ihrer Hinterwäldlermentalität ist zum Glück nicht der Durchschnitt.

    • Macbird
    • 13. Februar 2013 20:02 Uhr

    Ihr Kommentar ist ein Musterbeispiel für Sexismus (auch wenn ich vermute dass sie ein Mann sind). Sie bieten keine Argumente sondern stereotype Vorurteile und Abwertungen.

    Nein, so ist die Männerwelt eben nicht (auch eine sture Tatsachenbehauptung ohne argumentative Grundlage), und es ist gut das wir uns weiter und weiter von solchen überholten Vorstellungen verabschieden.

    Wenn ich in Männerrunden lande, in denen dumpf mit Kraftausdrücken und sogenannten Witzen umhergeworfen wird, fühle ich mich eher peinlich berührt, und brauche nicht mitzumachen, nur um mir selbst zu beweisen, kein Weichei zu sein.

    Sie habens nicht verstanden. In dem Artikel ging es um eine Ausdifferenzierung des Begriffs Sexismus und sie bestaetigen ganz plump, was der Autor gerade anprangert!

    Auch ich (als Mann) fuehle mich nie wohl in Runden, in denen zotige Sprueche geklopft werden. Ich finde sowas peinlich und es beruehrt mich unangenehm. Ich fremdschaeme mich da auch schnell. Zum Glueck kommt das beruflich bei mir in juengerer Zeit eher sehr selten vor - das liegt aber wohl an der Tatsache, dass einerseits ich in solchen Runden mittlerweile haeufig der 'Ranghoechste' bin und bekannt ist, dass ich sowas nicht schaetze, und andererseits ich ein gutes junges Team habe, das auch wenn es vorwiegend maennlich ist, zumindest in meinem Beisein nie verbal entgleist.

    • Infamia
    • 13. Februar 2013 21:18 Uhr

    Ich brauche keinen Alkohol, um lustig zu sein, ich brauche keine Drogen, um gut drauf zu sein und ich brauche keine dümmlichen Männergespräche, um ein Mannsbild zu sein. Ihre Definition von Mannsein finde ich bemitleidenswert.

    Sexismus und Diskriminierung ist dann ein Problem, wenn durch mein Verhalten die Würde des Gegenübers verletzt wird. Ich kenne sowohl Frauen, mit denen kann man zusammen über die übelsten "Weiberwitze" lachen und solche, die das nicht so gut finden und bei denen man es dann auch lässt.
    Das gilt für alle Arten von "politisch unkorrekten" Bemerkungen. Der Wortlaut ist im Zweifel zweitrangig, entscheidend ist immer die Angemessenheit der Situation, die sich aus dem Empfinden aller Anwesenheit ergibt.

    Ganz wichtig also: Wir brauchen keine Etikettenkataloge und Lexika mit guten und bösen Wörtern, solange wir nur ein wenig Empathie für einander zeigen können.

    • mc6206
    • 14. Februar 2013 8:04 Uhr

    Das hängt ja dann doch sehr von dem Umfeld ab. Ich kenne keinen männlichen Kreis in man sich Zoten oder Herrenwitze erzählt. Allerdings arbeite ich auch in einem internationalem Umfeld mit vielen Kolleginnen. Eine Zote und Du bis weg, mit Recht, denn ich wäre schon stinksauer, wenn das meine Freundin/Frau/geschehn würde.

    Anzügliche Witze über Frauen zu reißen ist doch ziemlich unterirdisch und zeigt nur, daß diejenigen, die sie machen, nicht über die Pubertät hinaus gekommen sind, und sich wohl sehr unsicher bez. Frauen fühlen.

    Männer, die Frauen mögen, brauchen keine anzüglichen Witze um sich als Mann zu fühlen.

    Ich dachte immer, daß sich solche Haltungen auf das Bauarbeitermilieu beschränken.

    • dacapo
    • 14. Februar 2013 11:16 Uhr

    Genau solche Sprüche macht es mir oft genug schwer, in solchen "Männerrunden" zu verbringen. Habe eine lange Erfahrung aus den 50-ern - 60-ern in der BRD, danach in einem den beneidenswerten Macho-Land. Ich kann Ihnen gute Tipps geben, mit welchen Sprüchen Sie guten Eindruck in den wohligen Hartei-Gruppen erzielen können.

    • Afa81
    • 15. Februar 2013 13:52 Uhr

    Was Sie hier schreiben ist traurig - aber Sie heißen es ja auch nicht gut. In unserer Gesellschaft leben bis zu 25% oder mehr Menschen, die man als introvertiert bezeichnet. Das sind in der Regel sehr intelligente Menschen (Einstein gehörte dazu), die jedoch die Wirklichkeit etwas anders wahrnehmen und nicht selten hochsensibel sind.
    Introvertiert zu sein ist keine Krankheit oder so - das Gehirn dieser Menschen funktioniert einfach anders.
    Ich finde es schade, dass man solche Leute "einfach nicht leiden kann". Auch Jürgen Röttgen ist so ein Mensch und die extrovertierte Gesellschaft, die einfach zu dumm ist um so etwas zu erkennen, macht sich dann über sein Verhalten lustig. Rücksichtnahme und Toleranz sehen anders aus.
    Man muss akzeptieren, dass einige Menschen einen harten Witz nicht so leicht wegstecken können. Das heißt natürlich auch nicht, dass man sich schuldig fühlen muss, wenn man in ein Fettnäpfchen getreten ist. Man sollte es einfach klären.

    Sorry, mein Kommentar ging jetzt nicht voll auf den Artikel ein, aber das musste (aus meiner Sicht) auch mal geschrieben werden. Was "normal" ist und was "man aushalten können muss" bestimmt nicht unbedingt die quantitative Mehrheit der Gesellschaft, was nicht heißen muss, dass der der motzt automatisch recht hat. Jeder Mensch sollte ein Gespühr dafür haben und auch im Hinterkopf behalten, dass es sensiblere Menschen gibt.

  2. Es gibt sehr unterschiedliche Männer und damit auch sehr unterschiedliche Männerrunden. Ihrer Hinterwäldlermentalität ist zum Glück nicht der Durchschnitt.

    18 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
    • welll
    • 13. Februar 2013 20:02 Uhr

    dass nich alles Sexismus ist, was frau/man gerne dafür halten möchte.
    Natürlich wird jede tatsächliche oder vermeindliche Schwäche eines anderen genutzt, um sich aufzuspielen oder sich dadurch wichtiger zu machen, indem man jemanden anderen runterputzt.

    Das ist tagtägliches Geschäft von Männern und Frauen.

    Aus meinem persönlichen Umfeld ergibt sich die Tendenz, dass das Frauen vor allem auch untereinander ganz vorzüglich können und überhaupt nicht zimperlich sind.

    Letztlich ist so etwas aber, hier wie da, eine Frage des Charakters und nicht im eigentlichen Sinne Sexismus.

    3 Leserempfehlungen
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    "Aus meinem persönlichen Umfeld ergibt sich die Tendenz, dass das Frauen vor allem auch untereinander ganz vorzüglich können und überhaupt nicht zimperlich sind."

    Ich komme aus dem Bereich Grafik-Design, wo man als Mann viel schlechtere Chancen auf eine Stelle hat (weil Frauen angeblich "kreativer" sind). Damit muss ich auch leben und kann mich nicht fortwährend beschweren.
    In den Agenturen, in denen ich bisher Einblick nehmen konnte, gabs bezüglich der hohen Frauenquote nur ein Fazit: Frauen können untereinander nur in Einzelfällen, sind mehrere in einem Team: Klatsch, Tratsch, Gezicke, Intrigen, Neid, Missgunst, Stutenbissigkeit.

    Jetzt bin ich in einem vorwiegend männlichen Team und heilfroh, dass das vorbei ist!

    • Macbird
    • 13. Februar 2013 20:02 Uhr

    Ihr Kommentar ist ein Musterbeispiel für Sexismus (auch wenn ich vermute dass sie ein Mann sind). Sie bieten keine Argumente sondern stereotype Vorurteile und Abwertungen.

    Nein, so ist die Männerwelt eben nicht (auch eine sture Tatsachenbehauptung ohne argumentative Grundlage), und es ist gut das wir uns weiter und weiter von solchen überholten Vorstellungen verabschieden.

    14 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  3. 6. Unfug

    Wenn ich in Männerrunden lande, in denen dumpf mit Kraftausdrücken und sogenannten Witzen umhergeworfen wird, fühle ich mich eher peinlich berührt, und brauche nicht mitzumachen, nur um mir selbst zu beweisen, kein Weichei zu sein.

    15 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

  4. Sie habens nicht verstanden. In dem Artikel ging es um eine Ausdifferenzierung des Begriffs Sexismus und sie bestaetigen ganz plump, was der Autor gerade anprangert!

    Auch ich (als Mann) fuehle mich nie wohl in Runden, in denen zotige Sprueche geklopft werden. Ich finde sowas peinlich und es beruehrt mich unangenehm. Ich fremdschaeme mich da auch schnell. Zum Glueck kommt das beruflich bei mir in juengerer Zeit eher sehr selten vor - das liegt aber wohl an der Tatsache, dass einerseits ich in solchen Runden mittlerweile haeufig der 'Ranghoechste' bin und bekannt ist, dass ich sowas nicht schaetze, und andererseits ich ein gutes junges Team habe, das auch wenn es vorwiegend maennlich ist, zumindest in meinem Beisein nie verbal entgleist.

    15 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  5. das ist doch eigentlich lächerlich....
    natürlich ist nicht zu bestreiten, dass auch frauen anzügliche kommentare machen- die frage die sich mir dabei stellt ist aber, mit welchen folgen sie zu rechnen hat. wo der mann bei gleicher bemerkung rückendeckung von seinen mitmännern bekommt, muss sich die frau den vorwurf des "mannsweibs" gefallen lassen. während männer sich "nur" mit brüskierten frauen auseinandersetzen müssen, kann sich frau gleich mal von beiden seiten belehren lassen. schon allein diese tatsache macht den "sexismus gegen männer" lächerlich.
    und was den sexismus unter männern anbelangt- bzgl. "schlappschwanz", na was soll das schon heißen? das heißt nichts weniger als: "du bist eben nicht "mann" genug". wozu führt das? die so gedemütigten zeichnen sich mit besonders ekelhaftem umgang gegenüber frauen aus.
    wir leben in einer patriarchalen gesellschaft über die auch frauen in managerpositionen nicht hinwegtäuschen. selbst frau schröder glaubt frauen als emanzipiert, wenn sie job UND haushalt schmeißen. männer die keine sexisten sein wollen, müssen sich ihrer privilegien bewusst werden. erst dann können sie auch dämliche kommentare ihrer "mitmänner" blockieren ohne selbst dabei sexistischen bullshit abzuladen- das gleiche gilt für diesen "gentleman-sexismus" (einer frau in der mantel helfen/tür aufhalten) entweder man(n) macht das aus höflichkeit oder er lässt es bleiben- helfen sie vielleicht ihren "mitmännern" ins sakko??

    4 Leserempfehlungen
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    Sexismus von Frauen gegen Männer ist mitnichten lächerlich, umfragen ergaben da einen Wert von ca 1/3, welcher sich schonmal belästigt fühlte. Es ist anzunehmen, dass hier eine hohe Dunkelziffer existiert, da hier die Opfer wesentlich weniger von der Gesellschaft akzeptiert werden wie weibliche Opfer.
    Dieser Sexismus ist leider real existent genauso wie Sexismus von Frauen gegen Frauen und von Männern gegen Frauen.

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  • Schlagworte Sexismus | Frauenrechte | Arbeitsbedingungen | Arbeitsklima
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