BrandenburgFeudale Sozialarbeiter

Nach 1989 kamen viele Adelsfamilien zurück nach Brandenburg. Ist dies eine Chance für den Aufbau Ost? von Susanne Kailitz

Vielen Menschen, die nach der Wende nach Ostdeutschland kamen und hier ihr Glück suchten, schlug Misstrauen entgegen. Und besonders ihnen: adligen Familien. Sie waren nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet und vertrieben worden. »In der DDR war der Adel Feindbild Nummer eins«, sagt Martina Weyrauch, 54, Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, »und für viele blieb er das auch nach 1989.« Zu groß war offenbar die Befürchtung, die neuen alten Grundbesitzer könnten wieder zu einer Feudalklasse werden, wie man sie aus schaurigen Kapiteln in den DDR-Geschichtsbüchern kannte.

Umso überraschender ist die Perspektive, aus der Martina Weyrauch auf die märkischen Adligen von heute blickt: Viele, sagt sie, spürten eine tiefe und selbstverständliche Verpflichtung, sich in ihren Gemeinden zu engagieren. So seien sie zu »Raumpionieren« geworden, die das Leben in den schwach besiedelten Gegenden des Ostens attraktiver machten.

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Was dies konkret bedeutet, zeigt gegenwärtig eine Ausstellung der Landeszentrale in Potsdam – mit Bildern des Berliner Fotografen Oliver Mark. Der 49-Jährige hat sich einen Namen gemacht mit Porträts von Politikern und Künstlern, von SPD-Chef Sigmar Gabriel bis Hollywoodstar Anthony Hopkins. Die Fotos brandenburgischer Gräfinnen und Grafen seien eine besondere Herausforderung für ihn gewesen, sagt Mark, denn er habe selten die Möglichkeit gehabt, so viele so große Familienporträts im Stile alter Gemälde zu machen.

Grundsätzlich reize ihn »jede Form der Uniformiertheit« – und der Anteil an Bundfaltenhosen und Anzügen sei bei diesem Projekt außergewöhnlich hoch gewesen. Oliver Mark sieht einen entscheidenden Unterschied zwischen Adelsfamilien in Brandenburg und denen in der alten Bundesrepublik. »Während Adel im Westen doch sehr luxuriös lebt, haben die Leute hier genauso zu kämpfen wie jedermann«, sagt der Fotograf. »Ich kenne viele Menschen, die nicht adlig sind, die wesentlich pompöser leben als diese Familien.«

Es ist also nicht der Drang nach Luxus, der zahlreiche Adelssippen nach Kröchlendorff, Uckerland oder Lietzen zurückkehren ließ und dort hält; aber was ist es dann? Zumal den früheren Gutsbesitzern die Rückkehr oft nicht gerade leicht gemacht wurde: Wer seinen Besitz zwischen 1945 und 1949 durch die Bodenreform (»Junkerland in Bauernhand«) in der sowjetischen Besatzungszone verloren hatte, dem stand nach 1989 nichts automatisch zu. Dem blieb nur der Rückkauf.

Die meisten Familien, die zurückkehrten, habe ein bestimmtes Gefühl geleitet, sagt Martina Weyrauch: das Gefühl, dass Heimat verpflichte. Den Familien bedeute es etwas, dass sie über viele Generationen hinweg an einem Ort gelebt und sich in den Gemeinden eingebracht hätten. Friedrich-Carl von Ribbeck, der einer der ältesten märkischen Adelsfamilien angehört und nach der Wende in die alte Heimat zurückkehrte, nennt es einen »Marschbefehl meiner Ahnen«. Annähernd zehn Jahre, bis 1999, dauerte sein Kampf um die Rückgabe der enteigneten Ländereien seiner Familie. Am Ende bekam er zwar nur eine Entschädigung bezahlt, dennoch habe es zur Rückkehr keine Alternative gegeben, glaubt von Ribbeck. Denn nirgendwo habe er sich zuvor zu Hause gefühlt.

Ausstellung

Die Ausstellung »Heimat verpflichtet. Märkische Adlige – eine Bilanz nach 20 Jahren« läuft bis zum 11. April in der Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam (Heinrich-Mann-Allee 107). Dort ist auch der gleichnamige Katalog mit Texten von Martina Schellhorn und Fotos von Oliver Mark (208 Seiten, 2,– € Schutzgebühr) erhältlich

Wie die Ausstellung und der dazu erschienene Katalog zeigen, haben sich die Rückkehrer nicht abgeschottet. Im Gegenteil, sie fühlen sie sich dazu verpflichtet, ihre Häuser, Gärten und Parks als Teil der Kulturgeschichte des Landes zu erhalten und herzuzeigen. Bieten sie damit eine Chance für die zunehmend entvölkerten Landstriche? Können die Adligen, die sich ihrer Heimat so verbunden fühlen, dieser zum Aufschwung verhelfen? Und leben die Familien, die in ihren Dörfern und Gemeinden als Arbeitgeber, Mäzene oder Politiker auftreten, die Solidarität, die mancher seit der Wende im Osten so schmerzlich vermisst?

Der Berliner Ethnologe Ulf Matthiesen forscht seit Jahren zu den Regionen Brandenburgs, die sich seit der Wiedervereinigung zunehmend entvölkern. Er glaubt, dass die zurückgekehrten ostelbischen Adligen für ihre Heimat segensreich seien: Mit ihrer Hilfe würden neue Wege beschritten in ländlichen Gegenden Ostdeutschlands, die Politiker und große Unternehmen fast schon aufgegeben hätten. Dass den alten Familien ihre Heimat so wichtig sei, führe zu einer neuen »Bindungskultur«. Manche Adlige begründen sogar neue Traditionen. Daisy von Arnim etwa begann im Jahr 2000, die vielen Äpfel ihrer neuen Heimat in Lichtenhain zu verarbeiten: zu Saft, Likör oder Marmelade. »Damit hat sie als sogenannte Apfelgräfin eine Tradition erfunden, die es dort bislang nicht gab« – und sei inzwischen als Arbeitgeberin für den ganzen Ort von Bedeutung, sagt Ulf Matthiesen.

Zwar gebe es noch immer Vorurteile den Rückkehrern gegenüber, »eine Furcht, dass die das alte preußische Junkertum wiederauferstehen lassen wollen«, so der Wissenschaftler. Das aber sei »eine dusselige, unbegründete Angst«. Schließlich müssten sich auch die Adligen ihr neues Leben in Brandenburg hart erarbeiten. Mit ihrer Suche nach neuen Chancen erinnerten sie ihn ein bisschen an Trüffelschweine, sagt Matthiesen. Sie suchen so lange, bis sie etwas Wertvolles finden.

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Leserkommentare
  1. haben die Adelsfamilien Bodenbackround? - sprich, haben sie Eigentum, Immobilien, Landbesitz woanders als den 'Orten der Ahnen'?
    Wie haben die Adelsfamilien vor der Wende an den 'Nichtorten der Ahnen' gelebt - wurden sie von den westdeutschen Adelsfamilien gedisst, weil sie ohne Ahnenorte keine echten Adligen mehr waren?
    Wie hoch waren die Kaufpreise?
    Gibt es auch Verständnis für die Aktion 'Junckerland in Bauernhand'?
    Prozentual: wieviele Nichtadlige bleiben in den Regionen, weil sie heimatverbunden sind? Gibt es da Korrelationen - wer sein Stammbuch 100te Jahre zurückverfolgen lässt, der ist heimatseliger? usw.

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    • saviva
    • 14. Februar 2013 10:07 Uhr

    Bodenbackround,
    Nichtorte der Ahnen
    heimatselig

  2. Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich zum konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/kvk

    2 Leserempfehlungen
  3. "Bodenbackground"

  4. Was in vergangenen Jahrzehnten Domäne der Groschenhefte war ist mittlerweile en vogue in den seriösen Medien: sich wohlwollend mit dem Leben der "Aristokratie" zu befassen. Obwohl es diese nach Gesetz gar nicht mehr gibt wird munter die Fahne hoch gehalten.
    Seltsam dass die großen Grundströmungen die unsere Gesellschaft treiben weitaus weniger Aufmerksamkeit erhalten, und deren Auswirkungen auf eben solche Einstellungen und die Politik.
    Was eigentlich klar sein sollte ist die unglaubliche Erosion an Zuversicht und Vertrauen zueinander. Obwohl man eine coole Fassade zeigen muss nagt tief innen die Angst. Sogar die Oberschicht soll ja von Existenz-Ängsten geplagt sein, unglaublich. Das Wirtschaftsmodell kam an seine Grenzen unbegrenzten Wachstums und somit stieg der Egoismus der Mittel-und Oberschicht, die zwar von Wachstum ein wenig abgegeben würde aber nicht vom Bestand. Spaltung der Gesellschaft, solidarische Orientierung der Gewinner und Möchtegern-Gewinner nach "oben", und eben die Wiederentdeckung der "Blaublüter". Ein Narrativ das edlere Menschen kennt die per se Besonderes verdienen und Prekariat andererseits. Das ist so offensichtlich, -sogar in Merkels Rede gestern ("Neiddebatte") kam es wieder zum Vorschein, und es ist so destruktiv. Wenn nicht die"Intellektuellen, auch Journalisten, auch wenn sie im Brot der Oberschicht stehen, gelöst wird, geht's bergab, zivilisatorisch. Nein wir brauchen keine "Adeligen" als Vorbilder, egal ob Guttenberg oder Prinz Heinrich.

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    • H.v.T.
    • 14. Februar 2013 9:25 Uhr

    Es ließe sich aber dennoch fragen, ´wer´ kümmert sich ansonsten um die verbliebenen historischen Gebäude mit soviel Einsatz ?

    Wer durch Mitteldeutschland fährt, insbesondere durch Brandenburg, der trifft oftmals auf verfallene historische Gebäude; Kulturschätze allemal.

    Mir ist es lieber, es sorgt sich der Adel darum, als gar keiner.

    • HeidiS
    • 14. Februar 2013 9:23 Uhr

    heute hat der Geldadel das Sagen, das sind die, die nach der Wende gleich Kapital vorweisen konnten und auch über die entsprechenden Seilschaften verfügten. Während bis vor den 2. WK viele Dörfer in Brandenburg Adeligen gehörten, denen die besten Ackerflächen und Waldstücke gehörten, sind es heute - die oben genannten, die ihre Plätze eingenommen haben.

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    Der nach Westdeutschland geflohene Adel wurde für seinen verlorenen Grund damals groszügig entschädigt. Gerade in den Gründerjahren der BRD waren eine Barschaft oft mehr wert, als ein kriegsgeschädigtes oder gar ausgebombtes Gemäuer.
    Die sind alle auf ihre Füße gefallen. Der Adel hat in Westdeutschland lediglich seinen Adelsrock gegen den Bürgerrock getauscht.
    Nach der Wiedervereinigung haben die Adeligen natürlich zuerst versucht für Lau an die alten Liegenschaften zu kommen.

    Aber auch sonst galt ja die Devise: Rückgabe vor Entschädigung. Die "Treuhand" hatte sich ja damals sehr bemüht, wieder eine Restaurierung der alten Verhältnisse durchzuführen.

    Und wie sieht es jetzt aus? Mit unserem Zwangs-Soli finanzieren wir sogar den Erhalt und Restaurierung dieser Gemäuer. Dafür dass man sich dann die Hütten von Außen und auf Entfernung anschauen darf.
    Klar der "Adel" baut mit eigenem Schweiß und Arbeit den Osten wieder auf.

    Genau die Art von Homestories ist doch eigentlich eher etwas für die einschlägigen Blätter.

  5. 7. Adel?

    Adel gibt es in Deutschland seit 1919 nicht mehr. Das sind Grundbesitzer; natürlich spezielle, bei denen es eine Familiengeschichte mit dem Grundbesitz gibt. Natürlich müssen die in guter Nachbarschaft leben, wenn sie eine vernünftige Rendite erwirtschaften wollen, gerade in "entvölkerten" Gegenden mit wenig Nachbarn - und wenig potentiellen Arbeitskräften. Und ein witziger Name hilft bei der Aussendarstellung sowohl Komikern als auch diesen Investoren. Nur ein "Junker", "Graf", "Baron" wird man dadurch nicht mehr.

    7 Leserempfehlungen
    • H.v.T.
    • 14. Februar 2013 9:25 Uhr

    Es ließe sich aber dennoch fragen, ´wer´ kümmert sich ansonsten um die verbliebenen historischen Gebäude mit soviel Einsatz ?

    Wer durch Mitteldeutschland fährt, insbesondere durch Brandenburg, der trifft oftmals auf verfallene historische Gebäude; Kulturschätze allemal.

    Mir ist es lieber, es sorgt sich der Adel darum, als gar keiner.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sehnsucht"
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    wer kümmert sich?
    aus eigenutz machen diese leute es bestimmt nicht!
    Erdenklich zig.millionen fördermittel bzw. steuergelder haben sie vom staat bekommen und auch verwendet oder verschwendet.
    oder der staat wurde um die fördermittel betrogen.
    Geld eingesteckt und ab wieder zurück in den "westen"!

    aber wie es so ist: wie es "Böse" gibt, so gibt es auch die "guten"
    darunter.

    Insgesamt ist wunderbar , wenn die alten und schönen gemäuer
    wieder herrgerichtet werden.
    Und immer daran denken: "Der Graf hat das gemacht", nein der Bürger mit seinen steuern!

    das viele Land für ein Apfel und ein Ei von der Treuhand bzw. BVVG erhalten haben, tlw. für 10 Pfennig/m^2 und damit seit 23 Jahre ordentlich Subventionen aus dem EU Agrartopf ziehen, so das sich diese Investments tlw. bereits Mitte der 90iger amortisiert haben.

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  • Schlagworte Brandenburg | Sigmar Gabriel | Adel | Anthony Hopkins | Arbeitgeber | Bodenreform
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