Brandenburg : Feudale Sozialarbeiter

Nach 1989 kamen viele Adelsfamilien zurück nach Brandenburg. Ist dies eine Chance für den Aufbau Ost?

Vielen Menschen, die nach der Wende nach Ostdeutschland kamen und hier ihr Glück suchten, schlug Misstrauen entgegen. Und besonders ihnen: adligen Familien. Sie waren nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet und vertrieben worden. »In der DDR war der Adel Feindbild Nummer eins«, sagt Martina Weyrauch, 54, Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, »und für viele blieb er das auch nach 1989.« Zu groß war offenbar die Befürchtung, die neuen alten Grundbesitzer könnten wieder zu einer Feudalklasse werden, wie man sie aus schaurigen Kapiteln in den DDR-Geschichtsbüchern kannte.

Umso überraschender ist die Perspektive, aus der Martina Weyrauch auf die märkischen Adligen von heute blickt: Viele, sagt sie, spürten eine tiefe und selbstverständliche Verpflichtung, sich in ihren Gemeinden zu engagieren. So seien sie zu »Raumpionieren« geworden, die das Leben in den schwach besiedelten Gegenden des Ostens attraktiver machten.

Was dies konkret bedeutet, zeigt gegenwärtig eine Ausstellung der Landeszentrale in Potsdam – mit Bildern des Berliner Fotografen Oliver Mark. Der 49-Jährige hat sich einen Namen gemacht mit Porträts von Politikern und Künstlern, von SPD-Chef Sigmar Gabriel bis Hollywoodstar Anthony Hopkins. Die Fotos brandenburgischer Gräfinnen und Grafen seien eine besondere Herausforderung für ihn gewesen, sagt Mark, denn er habe selten die Möglichkeit gehabt, so viele so große Familienporträts im Stile alter Gemälde zu machen.

Grundsätzlich reize ihn »jede Form der Uniformiertheit« – und der Anteil an Bundfaltenhosen und Anzügen sei bei diesem Projekt außergewöhnlich hoch gewesen. Oliver Mark sieht einen entscheidenden Unterschied zwischen Adelsfamilien in Brandenburg und denen in der alten Bundesrepublik. »Während Adel im Westen doch sehr luxuriös lebt, haben die Leute hier genauso zu kämpfen wie jedermann«, sagt der Fotograf. »Ich kenne viele Menschen, die nicht adlig sind, die wesentlich pompöser leben als diese Familien.«

Es ist also nicht der Drang nach Luxus, der zahlreiche Adelssippen nach Kröchlendorff, Uckerland oder Lietzen zurückkehren ließ und dort hält; aber was ist es dann? Zumal den früheren Gutsbesitzern die Rückkehr oft nicht gerade leicht gemacht wurde: Wer seinen Besitz zwischen 1945 und 1949 durch die Bodenreform (»Junkerland in Bauernhand«) in der sowjetischen Besatzungszone verloren hatte, dem stand nach 1989 nichts automatisch zu. Dem blieb nur der Rückkauf.

Die meisten Familien, die zurückkehrten, habe ein bestimmtes Gefühl geleitet, sagt Martina Weyrauch: das Gefühl, dass Heimat verpflichte. Den Familien bedeute es etwas, dass sie über viele Generationen hinweg an einem Ort gelebt und sich in den Gemeinden eingebracht hätten. Friedrich-Carl von Ribbeck, der einer der ältesten märkischen Adelsfamilien angehört und nach der Wende in die alte Heimat zurückkehrte, nennt es einen »Marschbefehl meiner Ahnen«. Annähernd zehn Jahre, bis 1999, dauerte sein Kampf um die Rückgabe der enteigneten Ländereien seiner Familie. Am Ende bekam er zwar nur eine Entschädigung bezahlt, dennoch habe es zur Rückkehr keine Alternative gegeben, glaubt von Ribbeck. Denn nirgendwo habe er sich zuvor zu Hause gefühlt.

Wie die Ausstellung und der dazu erschienene Katalog zeigen, haben sich die Rückkehrer nicht abgeschottet. Im Gegenteil, sie fühlen sie sich dazu verpflichtet, ihre Häuser, Gärten und Parks als Teil der Kulturgeschichte des Landes zu erhalten und herzuzeigen. Bieten sie damit eine Chance für die zunehmend entvölkerten Landstriche? Können die Adligen, die sich ihrer Heimat so verbunden fühlen, dieser zum Aufschwung verhelfen? Und leben die Familien, die in ihren Dörfern und Gemeinden als Arbeitgeber, Mäzene oder Politiker auftreten, die Solidarität, die mancher seit der Wende im Osten so schmerzlich vermisst?

Der Berliner Ethnologe Ulf Matthiesen forscht seit Jahren zu den Regionen Brandenburgs, die sich seit der Wiedervereinigung zunehmend entvölkern. Er glaubt, dass die zurückgekehrten ostelbischen Adligen für ihre Heimat segensreich seien: Mit ihrer Hilfe würden neue Wege beschritten in ländlichen Gegenden Ostdeutschlands, die Politiker und große Unternehmen fast schon aufgegeben hätten. Dass den alten Familien ihre Heimat so wichtig sei, führe zu einer neuen »Bindungskultur«. Manche Adlige begründen sogar neue Traditionen. Daisy von Arnim etwa begann im Jahr 2000, die vielen Äpfel ihrer neuen Heimat in Lichtenhain zu verarbeiten: zu Saft, Likör oder Marmelade. »Damit hat sie als sogenannte Apfelgräfin eine Tradition erfunden, die es dort bislang nicht gab« – und sei inzwischen als Arbeitgeberin für den ganzen Ort von Bedeutung, sagt Ulf Matthiesen.

Zwar gebe es noch immer Vorurteile den Rückkehrern gegenüber, »eine Furcht, dass die das alte preußische Junkertum wiederauferstehen lassen wollen«, so der Wissenschaftler. Das aber sei »eine dusselige, unbegründete Angst«. Schließlich müssten sich auch die Adligen ihr neues Leben in Brandenburg hart erarbeiten. Mit ihrer Suche nach neuen Chancen erinnerten sie ihn ein bisschen an Trüffelschweine, sagt Matthiesen. Sie suchen so lange, bis sie etwas Wertvolles finden.

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Wo liegt

das Problem?
Ohne Moos nix los. Wer nur mit seinem Namen kommt, kann auch nix machen - Oder?
Adel hat sich nunmal über Bodenbesitz definiert. Verarmter Adel musste auch aus Schlössern und Burgen, sprich vom Boden, weg.
Was ist daran so schwer zu verstehen? Der Nichtort ist da, wo der Adel nicht seit Jahrhunderten oder wieviele Generationen es bedarf, um sich mit dem 'Boden verbunden' zu fühlen, dann nach 'Junckerland in Bauernhand' verschlagen wurde.
Heimatselig: steht doch im Artikel - liegt an der Erziehung zur historischen Betrachtung der eigenen Person eines adligen Erbes. Am Beispiel des Mannes da, der nun seine Heimat gefunden zu haben meint.

Es sind objektive Fragestellungen. Der Artikel bietet Null Aussagen zu Vorbedingungen der 'Rückkehrer'. Hat denn ein verarmter Adelsmann/frau auch den Besitz zurückbekommen - reichte der Name aus? Ich denke mal nicht. Es sei denn, eine Bank reichte der 'Name' als Sicherheit.