DIE ZEIT: Frau Enkelmann, haben Sie früher einmal davon geträumt, Prinzessin zu sein?

Dagmar Enkelmann: Welches kleine Mädchen hat sich das nicht gewünscht? Na selbstverständlich.

ZEIT: Wie halten Sie es jetzt mit dem Adel? Wer sich die Ausstellung Heimat verpflichtet anschaut, könnte auf die Idee kommen, die Gräfinnen und Grafen seien die neuen Hoffnungsträger im Osten.

Enkelmann: Das wäre ein bisschen hochgestapelt. In der Tat sind einige Adlige, die sich für das Land ihrer Eltern oder Großeltern interessiert haben, zurückgekehrt. Die sind jetzt ein Teil unserer Gesellschaft, auch im Osten. Damit kann ich gut leben. Und gewiss hat so ein etwas märchenhaftes Leben, das man selber nicht führt, einen gewissen Reiz. Aber mehr ist es auch nicht. Jene adligen Familien, die in der Ausstellung porträtiert werden, sind sehr bodenständig. Sie haben sich hier als Unternehmer niedergelassen oder betätigen sich als Kulturmäzene. So hat etwa Hans-Georg von der Marwitz, der in meinem Wahlkreis Märkisch-Oderland lebt und einer der ersten Rückkehrer war, seinen Umzug nach Ostdeutschland zu einem kompletten Neuanfang genutzt.

ZEIT: Machen die Familien der Linken nicht Konkurrenz, wenn sie in den Gemeinden als wohltätige Avantgarde auftreten?

Enkelmann: Wenn ich sehe, wie schlimm viele der hinterlassenen Immobilien heute aussehen, freue ich mich über jeden, der Geld in die Hand nimmt und sie wieder schick macht. Der auch Kunstschätze, die lange im Privaten verborgen waren, durch Ausstellungen oder Veranstaltungen der Öffentlichkeit zugänglich macht. Viele Kirchen waren ebenfalls verfallen und sind durch privates Engagement wieder aufgebaut worden. Das ist gut. Im Grundgesetz steht, dass Eigentum verpflichtet. Deshalb sollte sich nicht nur der frühere Adel seiner alten Heimat verpflichtet fühlen, sondern auch jeder andere, der etwas mehr Geld im Portemonnaie hat. Ich kann all das nicht als Konkurrenz sehen: So groß ist die Zahl derer, die sich für das Gemeinwohl betätigen wollen, am Ende ja doch nicht.

ZEIT: Also freuen Sie sich über jeden, der kommt und mit anpackt?

Enkelmann: Nicht über jeden. Durch das unselige Prinzip »Rückgabe vor Entschädigung« ist viel neues Unrecht entstanden. Menschen mussten ihre Grundstücke aufgeben, weil die ehemaligen Besitzer ihr Land zurückgefordert haben. Dabei gibt es auch den einen oder anderen, der sagt: »Euer Herr im Dorf ist wieder da, und ihr habt euch, bitte schön, nach mir zu richten!«

ZEIT: Ihre Parteichefin Katja Kipping hat vor einiger Zeit gefordert, man solle die Adelstitel endlich abschaffen.

Enkelmann: Natürlich gehören die in eine vergangene Zeit. Aber es sind ja nicht die Titel, mit denen wir ein Problem haben, sondern es ist diese Herrschaftsmanier: dass manche meinen, wieder Herrschaft aufbauen zu müssen und denken, dafür reiche ihr Adelstitel aus.

ZEIT: Also ist die Linke keine Heimat für Menschen mit »von« im Namen?

Enkelmann: Wir hatten auch schon Adlige in unseren Reihen, etwa Heinrich Graf von Einsiedel, der in den neunziger Jahren Bundestagsabgeordneter war. Ein Adliger durch und durch, und doch passte er sehr gut zu uns.

ZEIT: Können Sie das eher diffuse Heimatgefühl vieler Rückkehrer nachvollziehen, die Brandenburg nie gesehen hatten, aber trotzdem Sehnsucht danach verspürten?

Enkelmann: Das fragen Sie mich als Brandenburgerin? Natürlich! Ich denke, dieses Phänomen gibt es überall. Ein Teil meiner Familie hat polnische Wurzeln und durchaus den Wunsch, die Orte der Herkunft zu besuchen – auch wenn man dort nicht leben will. Allerdings gibt es auch manche, die um keinen Preis in die brandenburgische Provinz zurückkehren wollen. Für die ist das hier fast Sibirien.

ZEIT: Müsste man denen, die zurückwollen, nicht stärker entgegenkommen? Einige der porträtierten Familien beklagen, sie seien etwa von den Behörden nicht freundlich empfangen worden.

Enkelmann: Ich denke, da gibt es bei uns in Brandenburg wenig Grund zur Klage. Wenn die Hochzeit eines Preußen-Prinzen fast drei Stunden lang auf einem öffentlich-rechtlichen Sender übertragen wird, frage ich mich eher, ob man es mit dem Ausrollen des roten Teppichs nicht doch übertreibt. Ja, im Alltag sollte jeder, der sich hier fürs Gemeinwohl einbringt, gute Bedingungen dafür haben. Aber man darf nicht so tun, als würde das alles von den Herrschaften aus der eigenen Tasche bezahlt. Viele Schlösser beispielsweise wurden mit reichlich öffentlichem Geld saniert.