Adel als Avantgarde?"Euer Herr im Dorf ist wieder da"

Die Linken-Politikerin Dagmar Enkelmann aus Brandenburg freut sich über die adligen Rückkehrer in den Osten – allerdings nicht über jeden. von Susanne Kailitz

DIE ZEIT: Frau Enkelmann, haben Sie früher einmal davon geträumt, Prinzessin zu sein?

Dagmar Enkelmann: Welches kleine Mädchen hat sich das nicht gewünscht? Na selbstverständlich.

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ZEIT: Wie halten Sie es jetzt mit dem Adel? Wer sich die Ausstellung Heimat verpflichtet anschaut, könnte auf die Idee kommen, die Gräfinnen und Grafen seien die neuen Hoffnungsträger im Osten.

Enkelmann: Das wäre ein bisschen hochgestapelt. In der Tat sind einige Adlige, die sich für das Land ihrer Eltern oder Großeltern interessiert haben, zurückgekehrt. Die sind jetzt ein Teil unserer Gesellschaft, auch im Osten. Damit kann ich gut leben. Und gewiss hat so ein etwas märchenhaftes Leben, das man selber nicht führt, einen gewissen Reiz. Aber mehr ist es auch nicht. Jene adligen Familien, die in der Ausstellung porträtiert werden, sind sehr bodenständig. Sie haben sich hier als Unternehmer niedergelassen oder betätigen sich als Kulturmäzene. So hat etwa Hans-Georg von der Marwitz, der in meinem Wahlkreis Märkisch-Oderland lebt und einer der ersten Rückkehrer war, seinen Umzug nach Ostdeutschland zu einem kompletten Neuanfang genutzt.

ZEIT: Machen die Familien der Linken nicht Konkurrenz, wenn sie in den Gemeinden als wohltätige Avantgarde auftreten?

Enkelmann: Wenn ich sehe, wie schlimm viele der hinterlassenen Immobilien heute aussehen, freue ich mich über jeden, der Geld in die Hand nimmt und sie wieder schick macht. Der auch Kunstschätze, die lange im Privaten verborgen waren, durch Ausstellungen oder Veranstaltungen der Öffentlichkeit zugänglich macht. Viele Kirchen waren ebenfalls verfallen und sind durch privates Engagement wieder aufgebaut worden. Das ist gut. Im Grundgesetz steht, dass Eigentum verpflichtet. Deshalb sollte sich nicht nur der frühere Adel seiner alten Heimat verpflichtet fühlen, sondern auch jeder andere, der etwas mehr Geld im Portemonnaie hat. Ich kann all das nicht als Konkurrenz sehen: So groß ist die Zahl derer, die sich für das Gemeinwohl betätigen wollen, am Ende ja doch nicht.

ZEIT: Also freuen Sie sich über jeden, der kommt und mit anpackt?

Enkelmann: Nicht über jeden. Durch das unselige Prinzip »Rückgabe vor Entschädigung« ist viel neues Unrecht entstanden. Menschen mussten ihre Grundstücke aufgeben, weil die ehemaligen Besitzer ihr Land zurückgefordert haben. Dabei gibt es auch den einen oder anderen, der sagt: »Euer Herr im Dorf ist wieder da, und ihr habt euch, bitte schön, nach mir zu richten!«

ZEIT: Ihre Parteichefin Katja Kipping hat vor einiger Zeit gefordert, man solle die Adelstitel endlich abschaffen.

Enkelmann: Natürlich gehören die in eine vergangene Zeit. Aber es sind ja nicht die Titel, mit denen wir ein Problem haben, sondern es ist diese Herrschaftsmanier: dass manche meinen, wieder Herrschaft aufbauen zu müssen und denken, dafür reiche ihr Adelstitel aus.

ZEIT: Also ist die Linke keine Heimat für Menschen mit »von« im Namen?

Enkelmann: Wir hatten auch schon Adlige in unseren Reihen, etwa Heinrich Graf von Einsiedel, der in den neunziger Jahren Bundestagsabgeordneter war. Ein Adliger durch und durch, und doch passte er sehr gut zu uns.

ZEIT: Können Sie das eher diffuse Heimatgefühl vieler Rückkehrer nachvollziehen, die Brandenburg nie gesehen hatten, aber trotzdem Sehnsucht danach verspürten?

Enkelmann: Das fragen Sie mich als Brandenburgerin? Natürlich! Ich denke, dieses Phänomen gibt es überall. Ein Teil meiner Familie hat polnische Wurzeln und durchaus den Wunsch, die Orte der Herkunft zu besuchen – auch wenn man dort nicht leben will. Allerdings gibt es auch manche, die um keinen Preis in die brandenburgische Provinz zurückkehren wollen. Für die ist das hier fast Sibirien.

ZEIT: Müsste man denen, die zurückwollen, nicht stärker entgegenkommen? Einige der porträtierten Familien beklagen, sie seien etwa von den Behörden nicht freundlich empfangen worden.

Enkelmann: Ich denke, da gibt es bei uns in Brandenburg wenig Grund zur Klage. Wenn die Hochzeit eines Preußen-Prinzen fast drei Stunden lang auf einem öffentlich-rechtlichen Sender übertragen wird, frage ich mich eher, ob man es mit dem Ausrollen des roten Teppichs nicht doch übertreibt. Ja, im Alltag sollte jeder, der sich hier fürs Gemeinwohl einbringt, gute Bedingungen dafür haben. Aber man darf nicht so tun, als würde das alles von den Herrschaften aus der eigenen Tasche bezahlt. Viele Schlösser beispielsweise wurden mit reichlich öffentlichem Geld saniert.

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Leserkommentare
  1. Liebe Redaktion der Zeit,

    meines Wissens wurde der Adel in Deutschland 1919 mit der Weimarer Verfassung abgeschafft.

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    Um den Adel abzuschaffen, hätte es eine Guillotine gebraucht.
    Richtig ist, dass die Privilegien abgeschafft wurden und der Titel nur noch ein Namenszusatz ist.

  2. Um den Adel abzuschaffen, hätte es eine Guillotine gebraucht.
    Richtig ist, dass die Privilegien abgeschafft wurden und der Titel nur noch ein Namenszusatz ist.

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    Die ehemaligen Titel sind Namensbestandteil, nicht Namenszusatz. Sie können etwa bei einer Hochzeit angenommen werden, was bei Zusätzen oder Titeln (wie Doktor oder Professor) nicht möglich wäre.

    Ein Graf Einsiedel ist nicht mehr Graf als Steffi Graf. Es gibt nur eine kleine Besonderheit: Wenn irgendjemand den Namen von Graf Einsiedel erbt, könnte er auch die weibliche Form wählen.

    als eine Ansammlung von (vererbbaren) Privilegien?

    Indem die Weimarer Verfassung diese Privilegien aufhob, schaffte sie auch den Adel ab, einschließlich der Vererbbarkeit. Wer nach 1919 geboren wurde, ist also nicht mehr „adelig“, sondern stammt allenfalls aus einer solchen Familie.

    Dass die Medien – und in Brandenburg leider auch Teile der Bevölkerung – das standhaft ignorieren, ist reiner Selbstzweck: die einen brauchen sie, um mit Klatsch die Seiten zu füllen und die anderen, um ehrfürchtig zu klatschen.

  3. Vorweg: Die von Dagmar Enkelmann vertretenen Positionen zeugen von Realismus und auch von Toleranz gegenüber anderen Lebenseinstellungen, wobei man nicht den Eindruck hat, sie biedere sich an.

    Ein Satz von ihr gibt aber doch zu denken:

    Zitat:
    "Aber es sind ja nicht die Titel, mit denen wir ein Problem haben, sondern es ist diese Herrschaftsmanier: dass manche meinen, wieder Herrschaft aufbauen zu müssen und denken, dafür reiche ihr Adelstitel aus."
    Zitat Ende

    Hier nun hat Frau Enkelmann eine tiefere Wahrheit getroffen, die auch ihre eigene Partei betrifft. Es sind tatsächlich nicht Adelstitel, sondern ein konkretes Verhalten, das einen Menschen ausweist als Demokrat oder Humanisten.

    Alles das trifft nicht oder weniger zu auf eine Parteikollegin von Frau Enkelmann aus NRW:

    Die linke Bärberl Beuermann ist empört, dass ihr Journalisten mehrfach dieselbe Frage stellen und versucht in elitärer Gutsherrenmanier dieselben zu maßregeln.

    Nachdem sie sich den Presseausweis hat zeigen lassen, verkündet sie drohend: "Sie werden von uns hören."

    Offensichtlich kann man auch die Parteizugehörigkeit als "Adelstitel" missverstehen. Die Linke ist reich an Beißreflexen wie dem der Beuermann. Schlimmer noch sind aber die ebenfalls nicht seltenen Diffamierungen der politischen Gegner, die von dieser Partei z.B. gerne als "Rassisten" verunglimpft werden. Die Ursachen sind jeweils gleich.

    http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=6205760/nnoxe1/

    Video an der rechten Bildleiste.

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  4. Die ehemaligen Titel sind Namensbestandteil, nicht Namenszusatz. Sie können etwa bei einer Hochzeit angenommen werden, was bei Zusätzen oder Titeln (wie Doktor oder Professor) nicht möglich wäre.

    Ein Graf Einsiedel ist nicht mehr Graf als Steffi Graf. Es gibt nur eine kleine Besonderheit: Wenn irgendjemand den Namen von Graf Einsiedel erbt, könnte er auch die weibliche Form wählen.

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    Antwort auf "Adelstitel"
  5. Dank an alle vorherigen KommentatorInnen. Je länger je mehr kommen wir den präzisen Verhältnissen nahe.

    Entscheidend ist jedenfalls das Zitat aus dem Interview:
    "ZEIT: Ihre Parteichefin Katja Kipping hat vor einiger Zeit gefordert, man solle die Adelstitel endlich abschaffen."

    Und das beweist, wenn es denn zutreffend paraphrasiert ist, das mangelnde Wissen oder das mangelnde Bewusstsein entweder von Katja Kipping oder von Susanne Kailitz, oder von beiden. Denn die Adelstitel wurden in der Weimarer Verfassung von 1919 abgeschafft. Wenn die zitierte Forderung ernst gemeint sein sollte, kommt sie also fast 100 Jahre zu spät.

    Eine interessante Frage in dem Zusammenhang ist natürlich, warum zwei politisch interessierten bzw. sogar aktiven Frauen diese einfache Tatsache entgangen ist. Das könnte vielleicht daran liegen, dass die deutsche Yellow Press (und dazu gehört eben manchmal auch die ZEIT) einfach zu verliebt in Fürstin Gloria, Prinz Ernst-August, Gräfin Dönhoff und Freiherr zu Guttenberg ist, um uns zu sagen, dass diese Leute überhaupt nicht Fürstin, Prinz, Gräfin und Freiherr sind (und es auch niemals waren), sondern bloß so heißen, und zwar als eine etwas eigenartige historische Kuriosität. Das ist wohl auch eine Form von Opium fürs Volk, das dann schön klein und dumm bleibt und nur mit aufgerissenem Mund Spalier steht, wenn die (vorgeblich) Hohen Herren und Damen kommen. Ganz wie vor 200 Jahren (bevor diese ganze lästige demokratische Bewegung entstand).

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    > Und das beweist, wenn es denn zutreffend paraphrasiert ist, das mangelnde
    > Wissen oder das mangelnde Bewusstsein entweder von Katja Kipping oder
    > von Susanne Kailitz, oder von beiden. Denn die Adelstitel wurden in der
    > Weimarer Verfassung von 1919 abgeschafft.

    Das ist so nicht ganz richtig.
    Eine erläuternde Zusammenfassung findet sich bspw. hier:
    http://www.adelsverband.com/html/adelstitel.html
    Kurz gesagt: Das, was einst ein "Adelstitel" war, ist in Deutschland in der Tat seit 1919 abgeschafft - und dennoch kann man nach wie vor Namensbestandweile wie "Graf Soundso von und zu irgendwas" als "Adelstitel" bezeichnen.

    So... und wenn man nun noch berücksichtigt, dass Frau Kipping explizit einen Vergleich mit der Rechtslage in Österreich vorgenommen hatte (nachzulesen etwa hier: http://www.sueddeutsche.de/politik/guttenberg-diskussion-um-adelstitel-e... ), wird einigermaßen deutlich, dass man der Dame zumindest diesbezüglich nicht vorschnell mangelndes Wissen oder ein mangelndes Bewusstsein unterstellen sollte.

    Ihrem Kommentar im Übrigen stimme ich, nebenbei bemerkt, durchaus zu.

  6. So sehr man Frau Enkelmanns Integrität und Kompetenz und ihre Arbeit im Bundestag schätzen mag, mit Versöhnlichkeit gegenüber dem wiedererstarkenden preußischen Landadel kann eine sozialistische Partei kein Vertrauen gewinnen. Mit diesem Interview liegt Frau Enkelmann wahrscheinlich etwas daneben und so mancher Konservative dürfte sich verwundert die Augen reiben, wenn er dieses Interview liest.

    Wie kann man denn in dieser Privilegiengesellschaft, wie Deutschland sie ist und sein will, als sozialistische Politikerin den Adel so schonen und noch nicht einmal anstößig finden, dass Schlösser auch bei Privatisierung mit Steuergeld saniert werden?

    Wie geht das in einem Land, in dem als linksintellektuell geltende Leute wie Jutta Ditfurth sehr begründet und prononciert gegen ebenjene Gesellschaftsschicht streiten, die noch immer soziale und materielle Privilegien genießt? Das funktioniert wohl nur in Brandenburg...

    Frau Kipping liegt vollkommen richtig, eine moderne linke Partei sollte sich von den anderen auch dadurch absetzen, dass sie die Abschaffung ebenjener Privilegien fordert. Auch wenn sich Brandenburg dann vielleicht ein anderes Aufbaumodell besorgen muss.

  7. > Und das beweist, wenn es denn zutreffend paraphrasiert ist, das mangelnde
    > Wissen oder das mangelnde Bewusstsein entweder von Katja Kipping oder
    > von Susanne Kailitz, oder von beiden. Denn die Adelstitel wurden in der
    > Weimarer Verfassung von 1919 abgeschafft.

    Das ist so nicht ganz richtig.
    Eine erläuternde Zusammenfassung findet sich bspw. hier:
    http://www.adelsverband.com/html/adelstitel.html
    Kurz gesagt: Das, was einst ein "Adelstitel" war, ist in Deutschland in der Tat seit 1919 abgeschafft - und dennoch kann man nach wie vor Namensbestandweile wie "Graf Soundso von und zu irgendwas" als "Adelstitel" bezeichnen.

    So... und wenn man nun noch berücksichtigt, dass Frau Kipping explizit einen Vergleich mit der Rechtslage in Österreich vorgenommen hatte (nachzulesen etwa hier: http://www.sueddeutsche.de/politik/guttenberg-diskussion-um-adelstitel-e... ), wird einigermaßen deutlich, dass man der Dame zumindest diesbezüglich nicht vorschnell mangelndes Wissen oder ein mangelndes Bewusstsein unterstellen sollte.

    Ihrem Kommentar im Übrigen stimme ich, nebenbei bemerkt, durchaus zu.

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    • Blahton
    • 17. Februar 2013 19:16 Uhr

    Auch das Abkürzen von Namensbestandteilen, wie "v.", "Frhr.", "Rr." kritisiert Spoenla-Metternich: "Namen wie ,Obermüller'' oder ,Hoffmann'' dürfen auch nicht ,O.müller'' oder ,Hoffm.'' abgekürzt werden." Und da der Name eine Einheit sei, müssten in Literaturverzeichnissen und Katalogen alle "vons" unter "V" eingeordnet werden...

    Siehe: Sebastian-Johannes von Spoenla-Metternich, "Namenserwerb, Namensführung und Namensänderung unter Berücksichtigung von Namensbestandteilen". Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main; 252 Seiten.

    Quelle: Spiegel 19/1999 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13220409.html

    Die sich ständig wiederholenden Verstöße gegen Art.3 GG - in Rundfunk, Fernsehen und Presse - sind mehr als ärgerlich und sollten abgestellt werden. Wie wäre es mit einem "Abmahnverein wider antidemokratische Umtriebe"?

  8. sind in der Tat die Heimkehrer, welche sich für den Erhalt von Gutshäusern, Schlössern, Parks, Kultur und Wirtschaft einsetzen. Der falsche Adel sind unsere Politikfürsten in Berlin und Brüssel, welche sich viele Privilegien unter den Nagel reißen und schamlos ihre Nebenverdienste frönen.
    Die Kipping sollte besser Stellung dazu beziehen, warum die Linke und ihre Vorgänger wie PDS und SED die enteigneten Immobilien in einem erbarmungswürdigen Zustand hinterlassen haben. Wenn hier etwas abzuschaffen ist, dann sind es Politiker, welche sich wie Fürsten gebaren und in Wirklichkeit armselige Vorteilsjäger sind. Ein gewisser Wulff wurde ja Gott sei Dank aus dem Bellevue gejagt und ich hoffe solche Leute wie Steinbrück werden bald folgen.
    Was sich manche Politiker herausnehmen, dagegen ist so mancher Heimkehrer ein sozialer Samariter.Sie leisten ebend mehr als nur Reden halten, woran keiner so recht glauben will.

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  • Schlagworte Dagmar Enkelmann | Adel | Ausstellung | Familie | Heimat | Ostdeutschland
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