Ägypten"Deine Vagina gehört allen"

Auf Kairos Tahrir-Platz begann vor zwei Jahren der ägyptische Frühling, nun verkommt er zur Bühne sexueller Gewalt: Männer jagen Frauen.

Ort der Angst: Frauen wehren sich auf dem Tahrir-Platz gegen aggressive Anmache.

Ort der Angst: Frauen wehren sich auf dem Tahrir-Platz gegen aggressive Anmache.

Eigentlich sollte es ein Gespräch über Sex werden. Shereen El Feki, eine Ärztin ägyptisch-walisischer Herkunft, eine Expertin für HIV, sitzt in einem Café im Stadtteil Samalek, einem beliebten Viertel bei Ausländern. Es ist das moderne Kairo. Samalek ist ein wohlhabender Bezirk. Um uns herum nippen modisch gekleidete Ägypterinnen mit perfektem Make-up an ihrem Cappuccino, tippen mit rot lackierten Fingernägeln auf ihren Smartphones herum.

Keine zehn Minuten von hier entfernt, auf dem Tahrir-Platz, macht neuerdings ein Mob regelmäßig Jagd auf Frauen.

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Wir bestellen Pasta und Limonade. Shereen El Feki, die lange für den Economist und Al-Dschasira gearbeitet hat, hat ein Buch mit dem Namen Sex und die Zitadelle geschrieben. Es ist wie gemacht für diesen Ort, an dem verheißungsvolle Blicke ausgetauscht werden und sich Paare in den Abendstunden treffen, um dann an der Corniche entlangzuschlendern, fernab der strengen Blicke der Familie. Ein Ort, an dem es kaum jemanden interessiert, dass sich zwei Ausländerinnen auf Englisch unterhalten und ständig das Wort Sex fällt.

El Feki erzählt, dass natürlich auch bei Muslimen etwas vor der Ehe läuft – fast alles, bis auf den klassischen Geschlechtsverkehr. Es fehle aber oft an Aufklärung und Wissen. So habe ihr eine ägyptische Freundin bei den Gesprächen zu ihrem Buch gesagt, sie mache auch »blue jobs«. Es dauerte einen kurzen Moment, bis El Feki verstand, dass wohl eher »blow jobs« gemeint waren.

So sehr wir uns bemühen, über El Fekis Buch und über Sex und Sexualität zu sprechen und darüber, wie Muslime mit der Scham umgehen – es gelingt uns nicht länger.

Dieser Tage, zwei Jahre nach dem Beginn des Aufstandes gegen das Mubarak-Regime, als Ägypterinnen und Ägypter Wochen und Monate auf dem zentralen Tahrir-Platz Seite an Seite demonstrierten, gemeinsam in Zelten übernachteten, werden Frauen bei Demonstrationen von einer Meute gejagt, gestellt, ausgezogen und vergewaltigt. Die Fälle mehren sich. Es ist immer dasselbe Muster: Eine Frau wird von ihrer Gruppe getrennt, der Mob, oft mehrere Dutzend Männer, bildet einen Kreis um sie, die Männer begrapschen sie, reißen ihr die Kleider vom Leib, und wenn sie versucht, zu fliehen, hetzen sie ihr hinterher. Es gibt Videos solcher Jagdszenen. Verwackelte Bilder, die Quelle ist meist unbekannt.

Leser-Kommentare
  1. »Wir kamen als Frauen auf den Platz, die Männer standen Spalier und begrüßten uns mit den Worten: Willkommen, ihr freien Frauen!« - Wenn es denn so war, so war es geheuchelt.
    Schon weit vor der "Revolution", zu den Zeiten, die von manchen schon die guten alten Mubarak-Zeiten genannt werden, waren Frauen auch aus der sogn. "gehobenen Mittelklasse" keine freien Frauen. Jedenfalls nicht aus Sicht Ihrer Ehemaenner... Uebergriffe finden unter den Augen der Staatsgewalt statt. - Und der hoechste Repraesentant wurde kuerzlich in Berlin - wenn nicht hofiert, so doch empfangen.

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    "Und der hoechste Repraesentant wurde kuerzlich in Berlin - wenn nicht hofiert, so doch empfangen."

    Ich halte mich lieber zurück, denn sonst werde ich zensiert wenn ich nur aufschreibe was ich wirklich denke!

    "Und der hoechste Repraesentant wurde kuerzlich in Berlin - wenn nicht hofiert, so doch empfangen."

    Ich halte mich lieber zurück, denn sonst werde ich zensiert wenn ich nur aufschreibe was ich wirklich denke!

  2. "Und der hoechste Repraesentant wurde kuerzlich in Berlin - wenn nicht hofiert, so doch empfangen."

    Ich halte mich lieber zurück, denn sonst werde ich zensiert wenn ich nur aufschreibe was ich wirklich denke!

    24 Leser-Empfehlungen
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    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

  3. Doch es gibt Augenblicke im Leben, in denen Schweigen zur Schuld und Sprechen zur Notwendigkeit wird. Eine Bürgerpflicht, eine moralische Herausforderung, ein kategorischer Imperativ, dem man sich nicht entziehen kann.

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    Antwort auf "[...] "
  4. es ist ja ermutigend, dass mit Tarek auch ein Mann dabei ist.

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  5. 13. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Tabuthemen, Sexuelle Unterdrückung, beschränkte Freiheit und fehlende Bildung führen zu dem, was da passiert.

    Die Männer nutzen jede Chance um Frauen anzugragen. Dadurch versuchen die Familien Ihre Frauen durch Unterdrückung immer mehr zu beschützen.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. http://quran.com/24/30

    Leider, leider interessieren sich viel zu wenige meiner islamischen Brüder dafür.

    Avicenna2010

    4 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Muslimbrüder"
  8. Warum wird hier ständig von den Muslimbrüdern geredet? Gibt es irgend einen Beweis? Meiner Meinung nach ist die Sache viel banaler: Der Mob bricht sich Bahn, Auflösungserscheinungen des Staates, Kriminelle können nicht mehr verfolgt werden, weil die Institutionen durch den arabischen Frühling schwer beschädigt worden sind, das Land kurz vor dem Bankrott steht. Ausserdem würde hartes Durchgreifen sofort als diktatorisches Verhalten Mursis in der internationalen Presse gedeutet, jede Hoffnung auf dringend benötigte Wirtschaftshilfe wäre zunichte.
    Ägypten steht vor dem ganz tiefen Fall, wahrscheinlich ist es egal, ob nun die Muslimbrüder, oder wer auch immer an der Macht ist. Es wird bald zum grossen Chaos kommen und in solchen Situationen sollten besonders gefährdete Personen, wie junge Frauen, eh am besten zu Hause bleiben.

    12 Leser-Empfehlungen
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    schließlich soll diese den jungen Männern ein Gefühl für Werte vermittelt. Nicht nur das diese Schwäche gegenüber dem anderen Geschlecht verurteilt, nein sie heizt die Situation mit z.B. erlaubter Bigamie auch noch an.

    Wie soll sich in diesem Umfeld eine Wertschätzung gegenüber Frauen einstellen??

    Dem Rest ihrer Analyse stimme ich zwar ungern zu, aber so sieht die Realität aus. Kann man eigentlich nur hoffen, das sie mit ihrer Prognose nicht recht behalten.

    Dann lesen Sie doch mal den Koran.

    Nur mal als Beispiel: Sure 4, Vers 34
    "Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah sie (von Natur vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen (als Morgengabe für die Frauen) gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind (Allah) demütig ergeben und geben acht mit Allahs Hilfe auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist. Und wenn ihr fürchtet, daß (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie! Allah ist erhaben und groß."

    Es wundert mich nicht, dass die Regierung zumindest nichts dagegen unternimmt. Denn nach deren Meinung sollten Frauen das Haus gar nicht ohne Mann verlassen. Und sowieso nur verschleiert. Ansonsten sind die Frauen ja selbst schuld.

    Es ist vielleicht so, das sich einfach der Mob Bahn bricht, aber es ist doch bezeichnend, wie die Regierung und die Muslim-Brüder damit umgehen.
    Die Regierung könnte mit Sicherheit Gegenmassnahmen ergreifen, die Muslim-Brüderschaft könnte sehr viel entschiedener Stellung beziehen. Wie kommt es denn, dass die Stimmung nach den Freitagsgebeten immer viel agressiver ist?
    Die Muslim-Brüder hätten mit Sicherheit die Möglichkeit, mit ihrem Einfluss auf ihre Anhänger diese Ausschreitungen einzudämmen.

    schließlich soll diese den jungen Männern ein Gefühl für Werte vermittelt. Nicht nur das diese Schwäche gegenüber dem anderen Geschlecht verurteilt, nein sie heizt die Situation mit z.B. erlaubter Bigamie auch noch an.

    Wie soll sich in diesem Umfeld eine Wertschätzung gegenüber Frauen einstellen??

    Dem Rest ihrer Analyse stimme ich zwar ungern zu, aber so sieht die Realität aus. Kann man eigentlich nur hoffen, das sie mit ihrer Prognose nicht recht behalten.

    Dann lesen Sie doch mal den Koran.

    Nur mal als Beispiel: Sure 4, Vers 34
    "Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah sie (von Natur vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen (als Morgengabe für die Frauen) gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind (Allah) demütig ergeben und geben acht mit Allahs Hilfe auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist. Und wenn ihr fürchtet, daß (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie! Allah ist erhaben und groß."

    Es wundert mich nicht, dass die Regierung zumindest nichts dagegen unternimmt. Denn nach deren Meinung sollten Frauen das Haus gar nicht ohne Mann verlassen. Und sowieso nur verschleiert. Ansonsten sind die Frauen ja selbst schuld.

    Es ist vielleicht so, das sich einfach der Mob Bahn bricht, aber es ist doch bezeichnend, wie die Regierung und die Muslim-Brüder damit umgehen.
    Die Regierung könnte mit Sicherheit Gegenmassnahmen ergreifen, die Muslim-Brüderschaft könnte sehr viel entschiedener Stellung beziehen. Wie kommt es denn, dass die Stimmung nach den Freitagsgebeten immer viel agressiver ist?
    Die Muslim-Brüder hätten mit Sicherheit die Möglichkeit, mit ihrem Einfluss auf ihre Anhänger diese Ausschreitungen einzudämmen.

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