ArbeitszeitDas 30-Stunden-Wundermittel

Eine Initiative will durch kürzere Arbeitszeiten höhere Löhne und Vollbeschäftigung erreichen. Ein Irrtum!

Der Gedanke ist simpel: Wenn alle weniger arbeiten, gibt es genug Arbeit für alle. Diese Idee steckt hinter einem offenen Brief, der Anfang dieser Woche veröffentlicht wurde. Rund 100 Unterzeichner fordern darin die Einführung der 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. So soll in Deutschland und in ganz Europa die Arbeitslosigkeit beseitigt werden. Die Idee hat natürlich Charme, gerade weil sie so einfach ist und auf den ersten Blick einleuchtet. Und grundsätzlich ist gegen kürzere Arbeitszeiten nichts einzuwenden.

Aber die Unterzeichner wollen eine Radikallösung. Zu ihnen gehören die Linkspartei-Politikerinnen Katja Kipping und Sahra Wagenknecht, der Ökonom Rudolf Hickel, der Sozialphilosoph Oskar Negt und der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. Sie stellen in ihrem Brief fest, die Arbeit sei unfair verteilt und müsse deshalb gesellschaftlich umverteilt werden. Dabei solle überall dort, wo jemandem die Arbeitszeit gekürzt werde, der volle Lohn weitergezahlt und zusätzliches Personal eingestellt werden. Das sei möglich, beteuern sie, vor allem weil die Produktivität wachse. Sie versprechen sogar höhere Lohnzuwächse als bisher. Kurzum: Am Ende gäbe es mehr Freizeit, mehr Geld und weniger Arbeitslose. So etwas wie das Paradies für Arbeitnehmer. Doch leider lässt sich das so leicht nicht schaffen.

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Erstens: Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Wenn die normale Arbeitszeit flächendeckend um etwa ein Viertel gesenkt würde, wie es dem Vorschlag entspricht, hieße das auch, man hätte praktisch ein Viertel weniger Ärzte, Ingenieure oder Informatiker im Land. Wer soll die ersetzen? Arbeitslose Ethnologen? Hochschulabsolventen sind ohnehin kaum arbeitslos. Dagegen sieht es bei Menschen ohne Schul- oder Berufsabschluss dramatisch aus. Vor allem für sie gibt es zu wenige Stellen.

Zweitens: Der volle Lohnausgleich ist illusorisch. Die Produktivität müsste irrsinnig wachsen, um ihn finanzieren zu können. Deshalb verweisen die Initiatoren in ergänzenden Papieren auch auf eine »Finanzierungsmasse aus Gewinnen, Zinsen, Mieten und Pachten«, bei der man zugreifen müsse. Wie das geschehen solle und wie das Geld als zusätzlicher Lohn für Teilzeitler umverteilt würde, bleibt offen.

Drittens ist es ein Irrtum, man könne das Arbeitsangebot verknappen. Denn auch das gehört zur Argumentation der Initiatoren: Verringere man die Arbeitszeit, sinke die Menge verfügbarer Arbeitskraft, behaupten sie. Dadurch steige der Marktwert der Arbeitnehmer. Endlich wären sie wieder am Drücker. Das mag für einige Berufsgruppen gelten, etwa die angesprochenen Ärzte. Aber bei Ingenieuren oder Fabrikarbeitern sieht es anders aus. Ihre Aufgaben könnte auch jemand in Polen oder Spanien, in China oder England übernehmen. Man müsste schon die Grenzen schließen (und Maschinen verbieten), um Konkurrenz für hiesige Arbeitskräfte auszuschließen.

Viertens gibt es leider kein gutes Vorbild. In Frankreich gilt seit geraumer Zeit eine staatlich verordnete 35-Stunden-Woche. Trotzdem stehen dort mehr Menschen auf der Straße als in vielen anderen Ländern, einschließlich Deutschland.

Das alles zeigt: Arbeitszeitverkürzung ist kein Wundermittel. Ohnehin ist die Vorstellung falsch, es gebe eine fest vorgegebene Menge an Arbeit. Das Arbeitsvolumen hängt von vielen Faktoren ab. Kürzere Arbeitszeiten generell vorzuschreiben, wie es den Initiatoren vorschwebt, ist daher falsch. Man kann Menschen auch nicht hindern, 40 oder 50 Stunden zu arbeiten. Die Arbeitszeit zu verringern, ist dann richtig, wenn das jemand wünscht. Und in Deutschland sinkt die Arbeitszeit pro Beschäftigten auch langsam, aber stetig (siehe Grafik). Dahinter stecken Tarifverträge und mehr Teilzeitarbeit. Es wäre sicher sinnvoll, den Rechtsanspruch auf Teilzeit zu stärken oder Teilzeitler im Sozialrecht weniger zu benachteiligen oder mehr Schutz gegen Überarbeitung zu schaffen. Aber bitte keine Teilzeit per Gesetz.

 
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