BerlinaleDie feine Härte des Ostens

Auf der diesjährigen Berlinale blicken die postsowjetischen Filme der Brutalität ohne Selbstmitleid ins Auge. von 

Man kann nicht ernsthaft behaupten, dass jemand, der zehn Tage lang mehr oder weniger ununterbrochen ins Kino geht, plötzlich klüger ist als seine Mitmenschen. Tatsache ist aber, dass eine Filmsekunde aus vierundzwanzig Bildern besteht. Ein Mensch, der während eines Filmfests wie der Berlinale zehn Tage lang vier bis fünf Filme pro Tag sieht, nimmt über seine Netzhaut also, grob geschätzt, 350 Millionen Bilder in sich auf. Und selbst wenn er nicht zu jedem einzelnen Bild einen großartigen Gedanken, geschweige denn einen exegetischen Essay entwickeln kann, wird er irgendwann eine kleine Epiphanie erleben. Man könnte auch von einem psychovisuellen Erkenntnisblitz sprechen. Hier also brühwarm und ungefiltert die Erkenntnis der ersten 200 Millionen Bilder der 63. Filmfestspiele von Berlin: Es sieht verdammt schlecht aus mit uns und der Welt und mit allem. Aber irgendwie auch ganz gut.

Nur im Kino kann man auf so klare, erhellende, banale, aber auch schlagende Weise erfahren, dass das Leben im wahrsten Sinne des Wortes eine Ansichtssache ist und die Position der Kamera eine existenzielle Haltung. Gleich zu Beginn führten zwei Filme im Wettbewerb der Berlinale vor, wie sich nahezu spiegelbildliche Geschichten auf ideologisch ähnliche, aber philosophisch genau entgegengesetzte Weisen erzählen lassen: Promised Land von dem US-Amerikaner Gus van Sant und Dolgaya Schastlivaya ZhiznA Long and Happy Life von dem Russen Sergej Khlebnikow. Beide handeln von ländlichen Gemeinschaften, die sich entscheiden müssen, ob sie Widerstand leisten gegen den Druck des Kapitals, in dem einen Film verkörpert durch einen Konzern, im anderen durch eine Bank. Bei van Sant klopft Matt Damon (der auch das Drehbuch schrieb) als Abgesandter einer Energiefirma an die Tore eines Städtchens in der amerikanischen Provinz. Er soll die Einwohner überzeugen, ihr Land für die Gasgewinnung mittels des Fracking-Verfahrens zur Verfügung zu stellen. Ganz langsam wird sich Damons Held den Gefahren dieser ökologisch umstrittenen Technik stellen und am Ende auf die Seite ihrer Gegner wechseln. Im Film des Russen Khlebnikow wiederum versucht eine russische Provinzbank, einen jungen Kartoffelbauern von seinem Land zu vertreiben. Als seine Arbeiter sich gegen ihr Schicksal auflehnen, weist er die Abfindung zurück und organisiert den Widerstand. Doch nach und nach zersetzen Feigheit, Desinteresse, Schlamperei die kleine Gemeinschaft.

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Sowohl in Promised Land als auch in A Long and Happy Life gibt es ein Paar, das am Ende zusammenkommt, einmal mit und einmal ohne jede Zukunft. Während der amerikanische Film mit leiser Hoffnung endet, mit einer Feier der schlichten Werte der amerikanischen Provinz, mündet der russische in Verzweiflung, Tod und Nihilismus.

Was heißt das? Dass zwei Filme aus zwei Kulturen, die eine getragen von einem heroisch-pragmatischen Weltbild, die andere von einem tragisch-melancholischen, sich auf einen gemeinsamen Kern zurückführen lassen. Beide versuchen die Möglichkeit des Widerstands zu formulieren, gegen das, was Banken, Konzerne und ihre Emissäre als faktische Vernunft bezeichnen. Und erst das Kameraobjektiv verschafft der Erzählung ihre jeweilige Wahrheit: Bei van Sant mit panoramatischen Weitwinkelaufnahmen, in denen der Held aufgehoben scheint in der amerikanischen Landschaft und ihrer Mythopoetik. Bei Khlebnikow durch eine Handkamera, die Sascha, den eigenbrötlerischen Helden, immer in Bewegung und aus nächster Nähe zeigt, isoliert von seiner Umgebung und buchstäblich ohne Perspektive.

Bekommt man nicht schon in den Kettenrestaurants neben den Berlinale-Kinos, angesichts der eingeschrumpelten Sandwiches einerseits und ihrer prächtigen Abbildungen auf der Karte andererseits, Zweifel an der Unvoreingenommenheit des fotografischen Objektivs? Und damit an seiner technisch-lexikalischen Definition: als sammelndes optisches System, das die reelle Abbildung eines Gegenstandes erzeugt.

 

Leserkommentare
  1. Osteuropa, Russland und Kasachstan. Habe nie von einem Land names "Osteuropa" gehoert. Auf keiner Landkarte der Welt gibt es das Land. Trotzem gibt es dieses Unland noch immer in mehreren Koepfen der Deutschen. Russland dagegen hat seine kartographische Realitaet, Kazachstan auch. Wie lange noch wird in Deutschland den Laendern, die Nichtrussland und Nichtkazachstan sind die Identitaet verweigert?

    Eine Leserempfehlung
    • nimod
    • 18. Februar 2013 10:32 Uhr

    Katja Nicodemus ist eine der besten Filmkritikerinnen schlechthin. In keiner anderen Zeitung wurden die bei der Berlinale vorgeführten Filme mit soviel Sachkenntnis, Einfühlungsvermögen und menschlicher Wärme besprochen. „Die Zeit“ ist auch deshalb lesenswert, weil es Mitarbeiter mit solchem Format gibt. Herzlichen Glückwunsch!

  2. Ein sensibler und lesenswerter Artikel. Aber die täglichen 4 bis 5 Filme über 10 Tage hinweg scheinen das Auffassungsvermögen der Autorin doch überlastet zu haben.

    Rechnen wir nach: 24 Bilder je Filmsekunde, macht (x 3600) 86.400 Bilder je Filmstunde, macht 129.600 Bilder für einen durchschnittlich langen Film von anderthalb Stunden, macht (x 45) 5.832.000 Bilder für die besagten täglichen 4 bis 5 Filme über 10 Tage hinweg.

    Von dort bis zu den gefühlten 350 Millionen Bildern ("grob geschätzt") ist es noch ein weites Stück. Die Autorin hätte ihren Filmmarathon in dieser Intensität knapp 2 Jahre im 6-Tage-Wochen-Takt fortsetzen müssen, um diese Zahl tatsächlich zu erreichen.

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