FernschulenBildschirm statt Tafel

Ohne eine Fernschule würden junge Profisportler, Kinder mit Schulangst oder chronisch Kranke ihren Abschluss nicht schaffen. von Frauke König

Fernschule

Unterrichtsmaterialien und Aufgaben werden für jeden Schüler per Post oder E-Mail verschickt.  |  © Patrick Lux/dpa

Es ist kurz vor elf Uhr am Donnerstagmorgen. Während andere Schüler seit Stunden in der Schule sind, kommt Lynn Max gerade aus der Tennishalle. Er wirft seine Sporttasche in die Ecke und sprintet die Treppe hoch, denn in ein paar Minuten beginnt sein Englischunterricht. Dafür muss sich der 18-Jährige nicht in ein Klassenzimmer setzen, sondern nur vor seinen Laptop.

Lynn Max ist einer von den Schülern, die nicht auf eine Regelschule gehen können. Er ist Nachwuchstennisspieler und trainiert fünf bis sechs Stunden täglich. Damit er trotzdem seinen Realschulabschluss machen kann, kommt die Schule zu ihm nach Hause. Lynn Max wird an einem Fernlehrinstitut unterrichtet, der Web-Individualschule in Bochum. Von dort versorgt ihn sein Lehrer Robin Schade mit Englisch-Übungsblättern, Gleichungen oder Kurzgeschichten. Die muss Lynn Max selbstständig bearbeiten und zur Korrektur an seinen Lehrer schicken. Offene Fragen klären die beiden per Mail, Chat oder Videotelefonie, einmal am Tag sehen und hören sie sich über den Bildschirm. Wann das ist, entscheidet nicht der Pädagoge, sondern Lynn Max’ Trainingsplan.

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An diesem Morgen dreht sich alles um if- Sätze. "Ist meine Mail mit den Regeln angekommen?", fragt Schade. Lynn Max aktualisiert seinen E-Mail-Eingang. "Ja. Danke, Robin." Gemeinsam gehen sie die Regeln durch, dann beginnt Lynn Max Sätze zu bilden: "If I had spoken English, she would have understood me." Schade streckt vor der Webcam den Daumen hoch. "Federer-Style", sagt er – ein besseres Lob kann es für einen Tennisspieler wie Lynn Max nicht geben.

Deutschlandweit gibt es eine Handvoll zugelassener Lehrgänge an verschiedenen Instituten, die Schüler aus der Ferne auf den Schulabschluss vorbereiten. Ob es reiner Fernunterricht ist, bei dem die Schüler den Lernstoff mit Arbeitsblättern und Audio-CDs erarbeiten, oder ob es zusätzlich Präsenzphasen gibt, ist von Institut zu Institut verschieden. An der Web-Individualschule lernen die Schüler in einer 1:1-Betreuung mit ihren Lehrern übers Netz. Nur zu den Prüfungen, die extern abgelegt werden müssen, sehen sie sich. Je nach Angebot und Betreuung kann der Fernunterricht monatlich fast bis zu 800 Euro kosten.

Zulassung

Fernlehrgänge, die zu einem Schulabschluss führen, müssen von der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) zugelassen werden. Schulpflichtige Kinder dürfen die Fernlernangebote nur nutzen, wenn sie von der Schulpflicht befreit sind, beispielsweise, wenn ihnen ein Arzt bescheinigt, dass sie schulunfähig sind.

Sonderfälle

Kinder, die mit ihren Familien im Ausland wohnen, können sogar schon an Grundschulkursen teilnehmen. Für chronisch kranke Kinder oder Schüler, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, ist der Unterricht über das Internet oft die einzige Möglichkeit, nicht den Anschluss zu verlieren.

Anbieter

Die ZFU informiert darüber, welche Anbieter seriös sind und listet die Lehrgänge einzelner Institute auf: www.zfu.de
 

"Im Studium, Beruf und der Weiterbildung wird schon viel über das Internet gelernt", sagt Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Universität Duisburg-Essen. Auch Schüler würden schrittweise mehr per Mail oder über Plattformen im Internet mit ihren Lehrern kommunizieren. "Für Menschen, die keine Regelschule besuchen können, ist der Unterricht per Internet eine gute Chance", sagt er.

2002 startete die Web-Individualschule in Bochum mit acht Schülern und einem Lehrer, heute unterrichten fünf Lehrer rund 65 Schüler im Alter von zwölf bis 21 Jahren. Weil die Fernschule keine Ergänzungs- oder Ersatzschule ist, müssen sich alle Jugendlichen von der Schulpflicht befreien lassen und dafür wiederum gute Gründe vorbringen. Bei Lynn Max ist es der Leistungssport. "Mein Trainingspensum und die Auslandsturniere waren mit der normalen Schule nicht mehr vereinbar", sagt er. Nach der neunten Klasse wechselte er an die Internetschule. "Für mich ist das eine optimale Lösung." Er lernt zwei Stunden pro Tag, manchmal mehr. "Das hört sich wenig an, aber ich arbeite konzentriert, mit einem Lehrer für mich alleine, und mache mit ihm das, was ich für die Prüfungen brauche."

Leserkommentare
    • ME-Mum
    • 21. Februar 2013 13:42 Uhr

    Unser Kind leidet an einer sehr seltenen chronischen Erkrankung, die ihn überwiegend ans Bett fesselt. Er hat einen sehr begrenzten Zeitrahmen mit sehr wenig Energie nur für 2 oder 3 Stunden am Tag, leider sind es oft auch nur wenige Minuten.

    Seine besondere Situation benötigt eine besondere Art der Beschulung. Die Schule vor Ort konnte das nicht leisten, wollte ihn an eine Schule für körperbehinderte verweisen und den Schulvertrag kündigen.

    Damit wäre das Problem nur verlagert gewesen und nicht gelöst!

    Sicherlich kann unser Kind durch die Schwere der Erkrankung nicht in dem Umfang die Aufgaben bewältigen, wie ein gesundes Kind. Im Gegensatz zur Regelschule hat es aber nun die Möglichkeit, überhaupt so etwas wie Unterricht zu erfahren.

    Unser Kind braucht keine Angst vor dem Versagen in der Schule mehr zu haben. Es muss sich auch nicht mehr als "Schwänzer" o. ä. betiteln lassen, weil es nur zwei Stunden am Unterricht teilnehmen kann. Er kann in seinem eigenen Rhythmus arbeiten und muss keine Angst haben, dass er dem Stoff der Klasse nicht mehr folgen kann.

    Eine schwere chonische Erkrankung zu ertragen, ist für ein Kind eine unvorstellbar große Last! In unserem Schulsystem ist dieses nicht vorgesehen. Die kranken Kinder werden durch den entstehenden Leistungsdruck, sowie unangebrachten Äußerungen von unsensiblen Lehrkräften und Schülern, manchmal regelrecht traumatisiert.

    Für unser Kind ist die Web-Beschulung ein Segen!

    Herzlichen Dank für diese tolle Möglichkeit!

    5 Leserempfehlungen
  1. Sollte flächendeckend ausprobiert werden. Dann würden auch z. B. fehlende Markenklamotten, körperliche Unzulänglichkeiten, lange Fahrtwege, schlechte Verkehrsverhältnisse, Grippe-Epidemien, Gruppendrucksituationen, den Unterricht störende Schüler, teure Gebäudeunterhaltungskosten, etc. weniger ins Gewicht fallen.

    Mit den eingesparten Geldern könnte man zusätzliche Lehrer einstellen. Mir fallen absolut keine Nachteile ein. Das persönliche Treffen der Schulgemeinschaft zum gemeinsamen Lernen könnte man auf ein oder zwei Tage pro Woche beschränken. Verlockende Vision.

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 26. Februar 2013 15:27 Uhr

    "Ich finde es wichtig, dass Kinder in die Regelschule gehen, Papierkügelchen schmeißen, Kaugummi unter den Stuhl kleben und sich verlieben", Vielleicht machenn die das dann zu Hause?

    Gegenüber den Unternehmungen meiner Schulzeit harmlose Vergnügen. Und Freizeit gibts auch genug, um mit anderen was zu tun.

    Statt Finanzierung und vor allem Anforderungen an die Eltern zu beleuchten wieder um Kleinigkeiten und soziale Kompetenz besorgte Pädagogen. Als ob jeder, der nicht in en Schule geht, gemeinschasftsschädlich oder -untauglich würde.

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