Ein Jahrhundertereignis – auf Tausenden von Fotos verewigt: Schlittschuhläufer, die über die unendliche, glitzernde Eisfläche fliegen. Mütter mit Kinderwagen und Radler, die Slalom fahren zwischen eingefrorenen Schifffahrtszeichen. Fidele Sonntagsausflügler mit und ohne Hund. Blumenbekränzte Ackergäule, selbst sie scheinen zu schweben. Alle sind erfasst von der Leichtigkeit des Seins.

Im Spätherbst 1962 ist es ungewöhnlich kalt gewesen, erinnern sich Zeitgenossen. Der Wasserstand niedrig, wochenlang kaum Wind. Nach Weihnachten dann konstant Minustemperaturen. Randeis, das in den See hinauswächst, doch wegen des Nebels ist nicht zu sehen, wie weit. Die Kinder tasten sich schon mal vor. 50 Meter, 100 Meter. Plötzlich macht ein fast vergessenes Wort die Runde: "Seegfrörne". Das vorige Mal liegt bereits 83 Jahre zurück; zuletzt war der Bodensee 1880 zugefroren. Ist es wieder so weit? Und wenn ja, wer wird der Erste sein, ihn zu überqueren? 1880 lagen die Hagnauer vorn, die Leute aus dem Winzer- und Fischerdorf am Obersee, so viel weiß man noch. Grund genug, um ihren Ehrgeiz erneut anzustacheln. Am Morgen des 6. Februar, nachdem es in der Nacht geradezu sibirisch gefroren hat, brechen sie auf. Ein Dutzend Bauern und Handwerker, darunter junge Familienväter. In zwei getrennten Expeditionen wollen sie die sieben Kilometer zum Schweizer Ufer zurücklegen, im Wettlauf miteinander – wie Scott und Amundsen. Die eine mit einem Rettungsboot auf vier Schlitten, die andere nur mit Schlittschuhen und Skiern ausgerüstet. Seile, versteht sich, dicke Pullover, Schnaps. Eine Trompete für Notrufe. Kompass. Die Sichtweite auf dem See liegt bei 20 Metern, man muss eng beieinanderbleiben.

"Drei Zentimeter dick war das Eis." In diesem Winter 2013, 50 Jahre nach dem zitternden Gang, erzählen die Helden noch einmal von ihrem Abenteuer. "Die Schweizer haben uns empfangen wie die Marsmenschle." Damals, nach der geglückten Erstüberquerung, geht es wie ein Lauffeuer herum: "Der See isch zue!" Zehntausende pilgern hinüber und herüber, die Grenzen im Dreiländereck sind aufgehoben, Zoll und Grenzpolizei sind machtlos. Ganze Schulklassen wandern ins Nachbarland, Blaskapellen und Narrenzünfte treffen sich auf halbem Weg. "Das Eis überwand die Grenze und schuf ein Band der Freundschaft", heißt es auf einem Gedenkstein in Hagnau.

Zum Höhepunkt des Miteinanders wird die Eisprozession: Etwa 3000 Gläubige ziehen von Münsterlingen in der Schweiz nach Hagnau, um die Büste des heiligen Johannes zurückzuholen. Ein Bodenseebrauch aus dem Jahr 1573 – damals hatte die Thurgauer Gemeinde zum Zeichen der Verbundenheit die Johannes-Büste ins badische Hagnau gebracht. Bei jeder neuen Seegfrörne sollte sie wieder auf die andere Seite wechseln. 1963, an diesem 12. Februar, wird sie das siebte Mal feierlich übers Eis getragen. Vier Wochen dauert der Ausnahmezustand, bis Anfang März die Eisdecke mit Donnergetöse reißt und der Wind gewaltige Eisgebirge auftürmt. Auch davon gibt es Fotos, sie erinnern an Caspar David Friedrichs Gemälde Das Eismeer .

Jetzt ist das Ereignis in verschiedenen Ausstellungen zu besichtigen: Rund um den Bodensee wird das Jubiläum der Freundschaft gefeiert. Und das wunderbare Abenteuer – im Rückblick erscheint es noch größer, noch erstaunlicher. Waren wir das, werden manche Alte fragen – so hochgestimmt, so ungestüm und furchtlos? Cool, werden die Jungen sagen: ohne Handy, GPS und Neoprenanzug den See zu überqueren!