StreichinstrumenteBenoît Rolland hat den Bogen raus

Die größten Violinisten und Cellisten sind seine Kunden: Denn dieser Mann weiß, womit man Saiten zum Klingen bringt. von Jürgen Kalwa

© John D. and Catherine T. MacArthur Foundation

Absolute Ruhe herrscht in dem kleinen Haus an der Katherine Road in Watertown bei Boston, in dem Benoît Rolland seit ein paar Jahren sein Atelier hat. Der Bogenbauer spricht mit sanfter Stimme, manchmal schweigt er lang zwischen halben Sätzen. "Als Musiker möchte ich die Reinheit des Tones hören können", sagt er. Und dieser Ton habe bei Violinen, Violas, Celli und Kontrabässen sehr viel mit der Beschaffenheit des Bogens und den feinen Schwingungen zu tun, in die er gerate, wenn er über die Saiten gleite. "Da gibt es enorme Unterschiede", sagt Rolland, der einst Oszilloskope und Akustik-Sensoren einsetzte, um die akustischen Feinheiten zu erfassen. "Ich war noch nie zufrieden, wenn die Antwort auf meine Frage nach dem Warum lautete: weil es schon immer so war." Die Verbesserung des Klangs, das sei seine Obsession.

In einer großen Kladde stehen die Namen seiner Kunden. Der britische Violinist Yehudi Menuhin und der russische Cellist Mstislaw Rostropowitsch kauften einst bei ihm. Und nach wie vor tätig ist er für die deutsche Violinistin Anne-Sophie Mutter, die einen hohen Anspruch an ihr Handwerkszeug hat: Er baue ihr, sagt Rolland, "einen Maserati mit dem Komfort eines Cadillac" und meint doch nur einen Bogen.

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Anne-Sophie Mutter hat ihm auch den vielversprechenden deutschen Cellisten Leonard Elschenbroich vermittelt. Der 27-Jährige spielt auf einem Instrument des venezianischen Geigenbauers Matteo Goffriller aus dem späten 17. Jahrhundert, das ihm nur geliehen ist. Mehr als eine Million Euro kann so eine Antiquität kosten. Ihr rückt man nicht mit irgendeinem Bogen zu Leibe. Da braucht es schon eine Sonderanfertigung aus Watertown.

Der Bogenbauer analysiert jedes Detail: den Spielstil, den Klang des Streichinstruments, die akustischen Verhältnisse, in denen der Streicher auftritt. Von seltenen brasilianischen Fernambuk-Bäumen stammt das Holz der Werkstücke, die Rolland in tagelanger Handarbeit hobelt, feilt und schleift und schließlich millimetergenau anpasst. Jeder Bogen entsteht in enger Absprache mit dem Musiker.


Benoît Rolland, heute 58, wurde in Paris geboren und an der École Nationale de Lutherie im lothringischen Mirecourt ausgebildet, einem Zentrum des Geigenbaus seit Jahrhunderten. Es gibt nicht viele Experten wie ihn, weshalb Musiker seinen Namen kennen. Rollands Bögen, die neu mehrere Tausend Dollar kosten, sind inzwischen Sammlerstücke und werden auf Auktionen bei Christie’s in London und Sotheby’s in Paris gehandelt.

Hin und wieder nimmt sogar eine größere Öffentlichkeit Notiz davon, wie vor ein paar Wochen, als der Franzose von der amerikanischen MacArthur-Stiftung mit dem üppigen "Genie-Preis" bedacht wurde, 500.000 Dollar zur freien Verfügung. Rolland, den die Nachricht überrascht hatte, kann nun sehr viel gelassener seiner Arbeit nachgehen. Er will ein Buch über seine beruflichen Erfahrungen zu Ende schreiben. Er wird auch mehr Zeit haben für seine Erfindungen.

Er gehört zu den geachteten Pionieren seines Fachs, seit er einen Weg fand, Bögen zu fertigen, in denen kohlefaserverstärkter Kunststoff das kostbare und selten gewordene Holz ersetzt. Sein Landsmann Jean-Luc Ponty, der Jazzgeiger, spielt den Synthetik-"Spiccato" mit Begeisterung. Um solche Bögen herzustellen, war Rolland einst in die USA gekommen, nach Salt Lake City. Seit einer bitteren Erfahrung mit seinem Finanzier meldet er auf alle seine Entwicklungen Patente und Markenzeichen an.

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