BrasilienDas Bella-Crema-Geheimnis

Pestizide satt: Was sich hinter dem brasilianischen Kaffeeanbau verbirgt. von Michael Höft

Von den Wänden der winzigen Hütte in Conceiçao de Rio Verde im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais bröckelt die Farbe, aber immerhin haben Luisa und Paulo noch Möbel, auf denen sie sitzen können. Paulo ist 40 Jahre alt, aber gut stehen kann er nicht mehr. Er hat Parkinson.

Paulo hat auf Kaffeeplantagen gearbeitet. Mit elf Jahren, sagt er, habe er damit begonnen. Pause. Sein Gesicht bleibt starr. Dann erzählt er weiter. Vor einem halben Jahr brach er das erste Mal zusammen. Seitdem kann er nicht mehr hinaus. Für einen Arzt und Medikamente fehlt ihm oft das Geld.

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Paulo ist sicher, dass seine Krankheit mit den Giften zu tun hat, die er in den Kaffeeplantagen versprühen musste: unter anderem Baysiston, einem Pestizid des deutschen Herstellers Bayer. "Wir haben das Gift einfach mit einer selbst gebauten Schaufel aus dem Eimer geholt und verteilt. Ich hatte nur eine Maske vor dem Mund, sonst nichts", sagt er und scheint zu wissen, dass ihm diese Erkenntnis weder nützt, noch dass er damit etwas beweisen kann. Ein Sprecher von Bayer lässt denn auch wissen: "Uns sind keine wissenschaftlichen Studien bekannt, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und dem Risiko, an Parkinson zu erkranken, belegen."

Jeder, der sich nach den Bedingungen des Kaffeeanbaus in Brasilien erkundigt, stößt schnell auf eine Mauer des Schweigens. Sogar Bedrohungen und Einschüchterungen sind im harten Kaffeegeschäft an der Tagesordnung, weiß Professor Ivo Juksch. Er unterrichtet Agroökonomie an der Universität von Minas Gerais und setzt sich schon lange für einen offenen, kritischen Umgang mit dem Kaffeeanbau ein. Er kennt Luisa und Paulo, und er sagt: "Von einem solchen Schicksal wollen die Chemiekonzerne nichts wissen. Sie denken an ihren Profit. Auch die Plantagenbesitzer denken nur an ihren Gewinn. Und die Konsumenten wollen möglichst billigen Kaffee. Niemand aus dieser Kette denkt an Menschen wie Paulo und das, was er durch die Pestizide erleidet." Um die teuren Parkinson-Medikamente bezahlen zu können, muss Luisa zu den Nachbarn betteln gehen. Eine Renten- oder Krankenversicherung hat hier kaum jemand.

Krankheiten wie Parkinson seien kein Einzelfall, sagt Dr. Marciel da Silva von der Universitätsklinik in Minas Gerais. Sie führt seit Jahren Studien zu Krankheiten in der Agrarindustrie durch. Ihr Fazit: "Die Arbeit mit giftigen Pestiziden ist hochproblematisch und führt oft zum Tod."

Der Kaffeemarkt ist hart umkämpft und Brasilien der größte Produzent der Welt: Mehr als ein Viertel aller weltweit exportierten Kaffeebohnen, rund 90 Millionen Säcke jährlich, stammen aus dem südamerikanischen Land. Zugleich ist Brasilien der wichtigste Importeur von Pestiziden. Rund eine Million Tonnen wurden 2011 davon versprüht. Zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten kamen mit rund einem Drittel davon aus.

Der großzügige Einsatz von Pestiziden sorgt in Brasilien für exorbitante Produktionssteigerungen. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Kaffee-Ernte um rund ein Drittel. Die Kehrseite des Erfolgs ist eine ökologische Katastrophe, über die kaum jemand reden mag. Konsequent verweigern die größten Kaffeeexporteure, die Importeure und die großen Kaffeefirmen die Auskunft über Produktionsbedingungen und den Einsatz von Pestiziden. Stattdessen beherrschen mediale Zerrbilder die öffentliche Wahrnehmung; auch in Deutschland, dem weltweit drittgrößten Importeur von Kaffee.

Hierzulande haben Coffeeshops wie Starbucks den Markt belebt und Kaffee zu einem In-Getränk gemacht. Florian Oeser, Leiter einer Starbucks-Filiale in Hamburg, hat zu einer Verkostung eingeladen: "Kaffee schmeckt nicht nur nach Kaffee... Jeder hat eigene Nuancen, je nach Anbaugebiet, je nach Röststufe", erklärt er seinen Gästen. Was er von den Arbeitsbedingungen im Ursprungsland erzählt, klingt so, als stamme es aus einem Lehrbuch des Kolonialismus: "Die haben dann wirklich ihre Körbe auf dem Kopf, laufen durch die Kaffeeplantage, ernten den, zupfen den und singen dann auch dabei."

Ähnliches erfährt man auch von "Timon, dem Melitta-Barista", einer Figur, die auf der Webseite des Kaffeeproduzenten zur "Genussreise" auf den Spuren des "Bella-Crema-Geheimnisses" nach Brasilien einlädt. Dort streift ein junger Mann durch eine Kaffeeplantage über staubigen, roten Boden und schwärmt vom Nährstoffreichtum in diesem Gebiet. Ivo Juksch, der Agrarprofessor aus Brasilien, ist entgeistert: "Man kann genau erkennen, dass hier nichts mehr lebt", kommentiert er den Werbefilm. "Sie haben alles mit Pestiziden totgespritzt! Normalerweise müsste der Boden zwischen den Kaffeepflanzen natürlich bewachsen sein." Ganz unfreiwillig outet sich Melitta in diesem Werbefilm also als Umweltsünder. Die Nachfrage bei den Verantwortlichen des Unternehmens läuft ins Leere: "Kein Kommentar", heißt es. Zum Thema Kaffee und Pestizide wollen auch Darboven, Jacobs-Kaffee und Dallmayr keine Auskunft geben.

Leserkommentare
    • Benjowi
    • 24. Februar 2013 9:46 Uhr

    Eigentlich gäbe es eine relativ simple Lösung für das Problem: Endosulfan ist ja zum Beispiel offensichtlich wegen seiner extremen toxischen Wirkung aus gutem Grund in Deutschland und vermutlich auch in der EU verboten. Wieso man es dann noch in eingeführten Produkten wie zum Beispiel Kaffe duldet und damit die Verbraucher zweifellos gefährdet, ist mehr als fragwürdig. Wenn man diesen Grenzwert soweit zurücknimmt, dass er nahe Null liegt, könnte man das Gift auch in den Plantagen nicht mehr einsetzen und Europa ist schließlich einer der größten Kaffeeimporteure der Welt-das ist alles eine Frage des politischen Willens!

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    • scoty
    • 24. Februar 2013 10:33 Uhr

    würde z.Z. deutlich mehr Aufsehen erregen.

    Wir sollten nicht vergessen das Kaffee hierzulande von den Menschen wie eine Droge konsumiert wird, und da kann man nicht einfach die Kaffee-Lieferungen zurück schicken wenn es einem nicht gefällt.
    Hinzu kommt das deutsche Unternehmen daran Geld verdienen und das mit dem Wissen, das die Menschen vor Ort durch ihre Produkte erkranken und vielleicht auch sterben.

    Große Unternehmen die im Ausland "Stoffe" verkaufen die im Inland verboten sind sollten dazu gezwungen werden auch im Ausland diese nicht verkaufen.

    • Kapla
    • 24. Februar 2013 17:32 Uhr

    Sollte die Industrie also kein Interesse an einer politischen Lösung haben, wird sich nichts ändern.

  1. Vielleicht wäre es ja möglich einmal die " Giftverpackungen " als Photo dem Artikel zuzufügen.

    Als Pictogramme - selbst lesen wäre unnötig - sind diese eindeutig gekennzeichnet. Vollgepflastern mit Warnzeichen.

    Da kann sich also doch nun wirklich kein Plantagenarbeiter rausreden er habe nix gewusst oder gar geahnt. Überhaupt, Eigeninitiative - es gibt immer jemanden den man Fragen kann. Kann ein Gewerkschaftler, Pfarrer oder einfach nur Nachbar sein.

    Übrigens, wozu in die Ferne schweifen? Frei nach dem Motto " Viel hilft viel " mixt hier in Deutschland jeder Hobbygärtner oder Laubenpiper seinen Roundup-Cocktail. Unkontrolliert! Auch auf eigene Gefahr und wenn der Wind weht, so ist das Grillen auf der Nachbarparzelle trotzdem gelungen.

    Fast im Wochentakt finden - aus europäischen Anbau - Behörden oder Verbraucherschutzorganisationen endlose Gifte auf Obst&Gemüse. Spanische Tomaten, da spritzen Wanderarbeiter auch per Handgerät. Fraglich ob die immer in Vollschutz rumrennen. Das nur um aufzuzeigen, Brasilien steht nicht alleine da. Passiert nämlich überall auf der Welt.
    Übrigens, im Blumenanbau ( z.B. Kenia ) noch viel intensiver.

    Nur so am Rande, nebenbei

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    In Brasilien gibt es auch Kaffee- Anbauer, die biologische Anbaumethoden ohne Pestizideinsatz pflegen.

    Warum wird darüber in der Zeit nicht berichtet?

    Irgend eine Absicht muss doch dahinter stecken, denn die Quellen dürften auch den Zeit-Redakteuren verfügbar sein.

  2. des Kapitalismus: für Gewinne werden an weit entfernten Ecken der Welt die unmöglichsten Gifte eingesetzt und Menschenleben gefährdet, ggf. sogar der Tod billigend in Kauf genommen. Und dann diese unverholene Abwälzung der Schuld auf den Konsumenten:

    "Und die Konsumenten wollen möglichst billigen Kaffee."

    Natürlich wollen sie das. Aber wollen sie auch die Begleitumstände? Würden sie den Kaffee kaufen, wenn sie wissen, dass Mensch und Land dafür vergiftet werden? Wer hat diese Produktionsmethoden erfunden? Der Konsument etwa? Zwingt er oder nicht doch am Ende die Profitgier zu solchen Methoden?

    Hand aufs Herz! Würde Kaffee nachhaltig produziert und wäre er dann, sagen wir dreimal oder viermal so teuer, dann würde der Konsument weniger verbrauchen. Das wäre seine natürliche Reaktion. Leider würden darunter aber noch mehr die Profite leiden, also ist die Schuld des Konsumenten doch eine herrlich einfache Erklärung, die so einleuchtend klingt.

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    • Mieheg
    • 24. Februar 2013 10:33 Uhr

    Also ich kann mir bei Penny für 5,xx€ eine Packung Kaffee kaufen die sowohl FairTrade als auch Bio ist. Meines Wissens kosten die ganzen Marken Kaffees, bei denen die Hälfte der Kosten wahrscheinlich ins Marketing gehen, fast genausoviel. Und da brauche ich auch nicht großartig informiert sein wie die anderen Hersteller Ihren Kaffee herstellen, dass der nicht Bio und Fairtrade sein wird, kann ich mir auch so zusammenreimen.

    • lxuser
    • 24. Februar 2013 10:47 Uhr

    ...das ist Unsinn! Auch in der s.g. Non-Profit-Gesellschaft Sozialismus wurde massive die Umwelt zerstört und Menschen unter gesundheitsgefährdenten Bedingungen beschäftig. Da wurde Profit durch Ideologie ersetzt. So einfach läßt sich das Handeln von Menschen nicht erklären...und vor allen nicht ändern. Leider.

    • Gerry10
    • 24. Februar 2013 10:47 Uhr

    ...heute können Sie überall Bio und/oder Öko und Fair Trade Kaffee kaufen, sogar online direkt beim Anbauer bestellen wenn sie wollen.
    Machen die meisten Kunden das? Nein, sie sparen lieber den Euro.
    Machen Sie sich bitte nichts vor...

    Wenn der Kaffee 3-4 mal so teuer ist, könnten die Benutzer den Konsum auf 1/3 oder 1/4 senken und der Profit wäre immer noch derselbe. Das ist ein Scheinargument. Meistens sind es, IMHO, die lokalen Produzenten, die die Schuld tragen. Sie wissen um die Folgen und setzen es trotzdem ein.

  3. In Brasilien gibt es auch Kaffee- Anbauer, die biologische Anbaumethoden ohne Pestizideinsatz pflegen.

    Warum wird darüber in der Zeit nicht berichtet?

    Irgend eine Absicht muss doch dahinter stecken, denn die Quellen dürften auch den Zeit-Redakteuren verfügbar sein.

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    Wenn ich in meinem ersten Beitrag die Frage an den Verfasser oder die Zeit stelle, dann icht ohne Grund.

    1. Man sollte nicht pauschal jeden Kaffee aus Brasilien verdammen.

    2. Warum verschweigt der Autor Informationen über die biologische Anbauweise, wenn er sie anderer Stelle sehr ausführlich darlegt?

    http://www.ardmediathek.d...

    Berichter: Michael Höft, Verfasser auch dieses Beitrages.

    Dieser, sein Artikel, stellt nur einen Teilausschnitt aus dem ARD- Film dar.

    • scoty
    • 24. Februar 2013 10:33 Uhr

    würde z.Z. deutlich mehr Aufsehen erregen.

    Wir sollten nicht vergessen das Kaffee hierzulande von den Menschen wie eine Droge konsumiert wird, und da kann man nicht einfach die Kaffee-Lieferungen zurück schicken wenn es einem nicht gefällt.
    Hinzu kommt das deutsche Unternehmen daran Geld verdienen und das mit dem Wissen, das die Menschen vor Ort durch ihre Produkte erkranken und vielleicht auch sterben.

    Große Unternehmen die im Ausland "Stoffe" verkaufen die im Inland verboten sind sollten dazu gezwungen werden auch im Ausland diese nicht verkaufen.

    • Mieheg
    • 24. Februar 2013 10:33 Uhr

    Also ich kann mir bei Penny für 5,xx€ eine Packung Kaffee kaufen die sowohl FairTrade als auch Bio ist. Meines Wissens kosten die ganzen Marken Kaffees, bei denen die Hälfte der Kosten wahrscheinlich ins Marketing gehen, fast genausoviel. Und da brauche ich auch nicht großartig informiert sein wie die anderen Hersteller Ihren Kaffee herstellen, dass der nicht Bio und Fairtrade sein wird, kann ich mir auch so zusammenreimen.

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  4. nicht vergessen darf: Gerade in Minas Gerais gibt es genügend Böden und Oberflächengewässer deren gegogene Belastung mindestens so beachtlich sind, wie die Haldenwässer im Oberharz.

    Bei einer solchen Hintergrundbelastung können u.U. auch schon zweckmäßig dosierte "Pflanzenschutzmittel" aufgrund synergistischer Wirkung durchaus unerwartete Wirkungsbilder zeigen, ob dabei dann "Natur" oder "Chemie" als Promotor dienen ist fast schon egal...

    Aber die hier dargebotene Dosierungsgeschichte deutet auf einen zu geringen Preis dieser Restbestände(?) hin, wenn man egal welche Substanz, überdosiert stimmen auch die Abbauraten in Pflanen Boden etc nicht mehr, obwohl solche Angaben ja sowieso eher Anhaltswerte darstellen...

    Beste Grüße CM

  5. Gerade bei Kaffee lohnt es sich Bio-, Fair-trade oder ähnliche Kleinbauernproduktion zu kaufen, nicht um die Pestizide zu vermeiden, sondern auch dem gemeinsamen Anbau von Kaffee mit anderen Nutzpflanzen (Schattenkultur), der viel zur Artenvielfalt beiträgt. Der Preisunterschied nicht sehr gross, wenn man in Betracht zieht, wie klein der Kaffeeanteil an den Gesamtausgaben ist.

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    • dusk
    • 24. Februar 2013 12:04 Uhr

    Selbst wer sehr viel Kaffee trinkt gibt praktisch kaum etwas für die Bohnen aus. Selbst teurer 6-10€ Kaffee liefert duzende Tassen und kostet nicht mehr als 3-4 Kaffees im Kaffeehaus.
    Es gibt wirklich keinen vernünftigen Grund privat billigen Kaffee zu kaufen.

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