Von den Wänden der winzigen Hütte in Conceiçao de Rio Verde im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais bröckelt die Farbe, aber immerhin haben Luisa und Paulo noch Möbel, auf denen sie sitzen können. Paulo ist 40 Jahre alt, aber gut stehen kann er nicht mehr. Er hat Parkinson.

Paulo hat auf Kaffeeplantagen gearbeitet. Mit elf Jahren, sagt er, habe er damit begonnen. Pause. Sein Gesicht bleibt starr. Dann erzählt er weiter. Vor einem halben Jahr brach er das erste Mal zusammen. Seitdem kann er nicht mehr hinaus. Für einen Arzt und Medikamente fehlt ihm oft das Geld.

Paulo ist sicher, dass seine Krankheit mit den Giften zu tun hat, die er in den Kaffeeplantagen versprühen musste: unter anderem Baysiston, einem Pestizid des deutschen Herstellers Bayer. "Wir haben das Gift einfach mit einer selbst gebauten Schaufel aus dem Eimer geholt und verteilt. Ich hatte nur eine Maske vor dem Mund, sonst nichts", sagt er und scheint zu wissen, dass ihm diese Erkenntnis weder nützt, noch dass er damit etwas beweisen kann. Ein Sprecher von Bayer lässt denn auch wissen: "Uns sind keine wissenschaftlichen Studien bekannt, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und dem Risiko, an Parkinson zu erkranken, belegen."

Jeder, der sich nach den Bedingungen des Kaffeeanbaus in Brasilien erkundigt, stößt schnell auf eine Mauer des Schweigens. Sogar Bedrohungen und Einschüchterungen sind im harten Kaffeegeschäft an der Tagesordnung, weiß Professor Ivo Juksch. Er unterrichtet Agroökonomie an der Universität von Minas Gerais und setzt sich schon lange für einen offenen, kritischen Umgang mit dem Kaffeeanbau ein. Er kennt Luisa und Paulo, und er sagt: "Von einem solchen Schicksal wollen die Chemiekonzerne nichts wissen. Sie denken an ihren Profit. Auch die Plantagenbesitzer denken nur an ihren Gewinn. Und die Konsumenten wollen möglichst billigen Kaffee. Niemand aus dieser Kette denkt an Menschen wie Paulo und das, was er durch die Pestizide erleidet." Um die teuren Parkinson-Medikamente bezahlen zu können, muss Luisa zu den Nachbarn betteln gehen. Eine Renten- oder Krankenversicherung hat hier kaum jemand.

Krankheiten wie Parkinson seien kein Einzelfall, sagt Dr. Marciel da Silva von der Universitätsklinik in Minas Gerais. Sie führt seit Jahren Studien zu Krankheiten in der Agrarindustrie durch. Ihr Fazit: "Die Arbeit mit giftigen Pestiziden ist hochproblematisch und führt oft zum Tod."

Der Kaffeemarkt ist hart umkämpft und Brasilien der größte Produzent der Welt: Mehr als ein Viertel aller weltweit exportierten Kaffeebohnen, rund 90 Millionen Säcke jährlich, stammen aus dem südamerikanischen Land. Zugleich ist Brasilien der wichtigste Importeur von Pestiziden. Rund eine Million Tonnen wurden 2011 davon versprüht. Zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten kamen mit rund einem Drittel davon aus.

Der großzügige Einsatz von Pestiziden sorgt in Brasilien für exorbitante Produktionssteigerungen. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Kaffee-Ernte um rund ein Drittel. Die Kehrseite des Erfolgs ist eine ökologische Katastrophe, über die kaum jemand reden mag. Konsequent verweigern die größten Kaffeeexporteure, die Importeure und die großen Kaffeefirmen die Auskunft über Produktionsbedingungen und den Einsatz von Pestiziden. Stattdessen beherrschen mediale Zerrbilder die öffentliche Wahrnehmung; auch in Deutschland, dem weltweit drittgrößten Importeur von Kaffee.

Hierzulande haben Coffeeshops wie Starbucks den Markt belebt und Kaffee zu einem In-Getränk gemacht. Florian Oeser, Leiter einer Starbucks-Filiale in Hamburg, hat zu einer Verkostung eingeladen: "Kaffee schmeckt nicht nur nach Kaffee... Jeder hat eigene Nuancen, je nach Anbaugebiet, je nach Röststufe", erklärt er seinen Gästen. Was er von den Arbeitsbedingungen im Ursprungsland erzählt, klingt so, als stamme es aus einem Lehrbuch des Kolonialismus: "Die haben dann wirklich ihre Körbe auf dem Kopf, laufen durch die Kaffeeplantage, ernten den, zupfen den und singen dann auch dabei."

Ähnliches erfährt man auch von "Timon, dem Melitta-Barista", einer Figur, die auf der Webseite des Kaffeeproduzenten zur "Genussreise" auf den Spuren des "Bella-Crema-Geheimnisses" nach Brasilien einlädt. Dort streift ein junger Mann durch eine Kaffeeplantage über staubigen, roten Boden und schwärmt vom Nährstoffreichtum in diesem Gebiet. Ivo Juksch, der Agrarprofessor aus Brasilien, ist entgeistert: "Man kann genau erkennen, dass hier nichts mehr lebt", kommentiert er den Werbefilm. "Sie haben alles mit Pestiziden totgespritzt! Normalerweise müsste der Boden zwischen den Kaffeepflanzen natürlich bewachsen sein." Ganz unfreiwillig outet sich Melitta in diesem Werbefilm also als Umweltsünder. Die Nachfrage bei den Verantwortlichen des Unternehmens läuft ins Leere: "Kein Kommentar", heißt es. Zum Thema Kaffee und Pestizide wollen auch Darboven, Jacobs-Kaffee und Dallmayr keine Auskunft geben.

Am gefährlichsten ist das Pestizid Endosulfan

In der Regel argumentieren die Kaffeeimporteure damit, dass die Grenzwerte bei Pestiziden im Endprodukt eingehalten werden. Allerdings sagen diese Werte nichts über die Belastung der Natur und der Menschen in Brasilien aus. Schließlich werden die meisten Giftstoffe mit dem roten Fleisch der Kaffeekirsche abgeschält und verbleiben im Ursprungsland.

Auf den ersten Blick wirkt sie idyllisch, die Plantage Retiro Alegre, die an den Ufern des Stausees von Furnas liegt. Ihr Besitzer heißt Cesar Oliviera, er baut nur die hochwertigen Arabica-Bohnen an. Das Pflücken ist harte Arbeit und wird meist von Wanderarbeitern erledigt. Sie schuften für einen Hungerlohn, sind den Betreibern aber immer noch zu teuer, deshalb kommen mehr und mehr Maschinen zum Einsatz. Oliviera führt seine neueste Errungenschaft vor, eine moderne Kaffeeerntemaschine. Doch damit die arbeiten kann, darf nichts auf den Wegen wachsen. Deshalb wird dort besonders stark gesprüht. Alles sieht dann so aus wie im Film von Melitta.

Offensichtlich ist diese Radikalkur ganz im Sinne des Plantagenbesitzers. Einer seiner Mitarbeiter, der für den Kaffeeanbau zuständige Salvio Gonçalves, versucht erst gar nicht, den Pestizideinsatz zu leugnen. Er ist sogar stolz darauf. In seinem Lager warten das Fungizid Opera und das Pestizid Endosulfan auf ihren Einsatz. Opera gilt als krebsauslösend. Doch am gefährlichsten ist das Pestizid Endosulfan. Salvio Gonçalves dagegen ist begeistert: "Endosulfan wirkt wirklich sehr gut, ich denke, die Konkurrenz will dieses Produkt nur schlechtmachen und spricht von den gesundheitlichen Schäden." Endosulfan ist in Deutschland verboten. Es gilt als eines der giftigsten Pestizide überhaupt und wurde in den fünfziger Jahren von Hoechst entwickelt.

Salvio Gonçalves hingegen ist überzeugt von den deutschen Chemieprodukten, so auch von Rovral. "Es ist ein sehr gutes Fungizid. Die deutschen Firmen wie Bayer entwickeln immer was Neues, und die anderen kopieren die Produkte nur." Im sogenannten Sicherheitsdatenblatt von Bayer ist zu lesen: "Reizt die Augen. Verdacht auf krebserzeugende Wirkung. Giftig für Wasserorganismen, kann in Gewässern längerfristig schädliche Wirkungen haben." Der Konzern wolle Rovral nun durch drei neue Produkte ersetzen, die noch effektiver sein sollen, freut sich Gonçalves. Immerhin tragen seine Arbeiter, die das Gift versprühen, mittlerweile Schutzkleidung. Noch vor ein paar Jahren habe es so etwas nicht gegeben, sagen sie.

Doch längst nicht alle Plantagenarbeiter in Brasilien erhalten einen solchen Schutz. Agrarprofessor Ivo Juksch kennt auch Elisabeth da Cosa. Ihr jüngster Sohn Manuel ist fünf Jahre alt – und krank. Elisabeth erzählt, sie habe vor 25 Jahren begonnen, auf Plantagen zu arbeiten – bis sie schwanger wurde. Als Manuel seltsame Anfälle bekam, ging sie mit ihm zum Arzt.

Wenige Tage vor dem Gespräch mit ihr kam das Ergebnis: Manuels Hirn hat sich nicht vollständig ausgebildet, deshalb bekommt er epileptische Anfälle. Als Elisabeth schwanger war, habe sie immer aus dem Fluss der Plantage getrunken. Vermutlich sei er mit Pestiziden verseucht gewesen, meint sie.

Wie Paulo, der Parkinson hat, kann auch Elisabeth die teure Arznei für ihren Sohn kaum bezahlen. Das Medikament, für das sie extra sparen muss, wird von Novartis hergestellt. Die Konzerntochter Sandoz produziert Pestizide.

Die Plantage Maria Vitoria, auf der Elisabeth gearbeitet hat, liegt auf steilen Hängen. Maschinen können deshalb nicht zum Einsatz kommen, hier wird noch per Hand gesprüht. Was wird gespritzt? Die Arbeiter wissen es nicht. Ein paar Reihen weiter arbeiten die Pflücker völlig ungeschützt.

Und woher kommt das Trinkwasser? Eine Arbeiterin holt ihr Wasser an derselben Stelle, an der sich schon die schwangere Elisabeth versorgt hat. "Das Wasser hier ist wirklich sauber. Es gibt keine Kloaken und kein Gift", sagt sie. Ihre Stimme klingt unbesorgt. Professor Ivo Juksch, der in diesem Moment danebensteht, hat große Zweifel: "Es kann gar nicht sein, dass dieses Wasser trinkbar ist. Wir sind hier in einer Senke, und die Gifte werden vom Regen permanent runtergespült."

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