Und jetzt? Wien ist ein Wintermärchen, aber ich stehe mit eiskalten Füßen vor einem dieser gepflegten Wiener Innenstadthäuser und warte darauf, dass die nächste Dachlawine mich erwischt. Wenn nun eine Schwingtür aufginge und ein Portier herausträte, um mir den Koffer abzunehmen, hätte ich nichts dagegen. Aber da ist kein Portier, da ist auch keine Schwingtür. Der Hoteleingang liegt zwischen einem Modegeschäft und einem um diese Zeit längst geschlossenen Schuster. Am Klingelbrett fordert ein winziges Messingschild die Gäste auf, den Code einzugeben. Welchen Code?

Glücklicherweise ist die Tür noch offen, und es gibt sogar einen Fahrstuhl, der einen fast bis in ein gigantisches Wohnzimmer bringt. Dicke sattrote Teppiche auf dunklem Holzparkett, Bücherwände, Sitzecken und ein Klavier. An der Stirnseite knistert ein Kaminfeuer. Die junge Frau hinter dem Empfangstresen lächelt. Sie weiß, dass die Leute hier ein wenig verstört aufschlagen. Wahrscheinlich rechnet sie sogar damit. Denn dieses kleine Hotel ist das Lebenswerk eines Mannes, der etwas von Inszenierungen versteht.

Robert Hollmann hat in New York am Herd gestanden, in Honolulu Pizza gebacken, als Schauspieler auf vielen deutschsprachigen Bühnen gespielt und sich irgendwann gefragt, was er sonst noch kann. Warum nicht eine Herberge aufmachen? Familiär, aber nicht aufdringlich sollte sie sein, wienerisch, aber ohne den Pomp der alten Ringstraßenpaläste.

"Angefangen haben wir 2003 als schicke WG für Leute auf der Durchreise", sagt der junge Manager. In den ersten Jahren gab es gerade mal neun Zimmer, deren Türen zum Wohnzimmer hin aufgingen, und sechs Mitarbeiter. Mittlerweile sind 14 weitere Zimmer dazugekommen, außerdem drei Suiten, ein Dachgarten und ein kleines Spa. Und doch fühlt man sich, als wäre man bei Freunden von Freunden gelandet. Kaum zu glauben, dass in der offenen Küche, wo täglich bis 11.30 Uhr das Frühstücksmenü serviert wird, regelmäßig John Malkovich sitzen soll.

Es gibt keine antlitzlosen Gänge, kein Personal, das einem ständig hinterherscharwenzelt. Man nimmt sich, was man braucht: Bücher, Spiele, CDs, ein iPad oder ein Glas Prosecco vom liebevoll angerichteten Vesper-Buffet im Untergeschoss. "Die Sauna ist übrigens schon heiß", sagt der Manager. Dann schließt er das Zimmer auf.

Es soll ja vorkommen, dass Häuser, die viel Mühe auf die Verkehrsflächen verwenden, bei den Zimmern kleinlich sind. Ich würde mich auch über eine Abstellkammer nicht wundern. Aber nein, hinter der Tür tut sich ein loftartiger Eckraum mit bodentiefen Fenstern auf. Stünde in der Mitte nicht ein riesiges Baldachinbett, könnte man hier locker eine Party feiern.

Dass der Patron Design hasst, wie Hollmann selbst gerne verlauten lässt, kann man allerdings nicht so stehen lassen. Auch wenn er bewusst auf die gängige Eames-Panton-Jacobsen-Mixtur verzichtet, ist sein Haus doch bis in die letzte Ritze gestaltet. Das halb offene Badezimmer verschwindet hinter einem Gazevorhang in dem gleichen Rot wie die Tütenlampen, die das Zimmer in ein warmes Licht tauchen. Der Orangeton des Baldachins findet sich in den Knöpfen der Bettbezüge wieder.

Doch bevor die ästhetische Stringenz anstrengend werden kann, wird sie mit Humor und kleinen Spinnereien konterkariert. Das sind die PEZ-Bonbons im Zahnputzbecher, die einem entgegenrufen: Kinder, ihr seid im Urlaub! Oder das kleine Kino im Untergeschoss, das bis in die Nacht alte Schwarz-Weiß-Filme zeigt, in denen Wien noch so verrußt wirkt wie einst die DDR. Als ich zum Essen aufbreche, schauen zwei Teenager Der dritte Mann.

Im Restaurant, dem Hollmann Salon, der ums Eck in einem verwitterten Innenhof liegt, empfängt der einzige Wiener Kellner, den man duzen könnte, ohne mit dem Leben dafür zu bezahlen. Er bringt das bestellte Salonbretterl mit Fiakergulasch, Vogerlsalat und Rote-Bete-Fleckerl. Die ebenfalls bestellte Weißweinschorle lässt er auf dem Tablett. "Zu diesen Speisen eine Sünde." Er empfiehlt einen Gemischten Satz vom lokalen Weingut Lenikus, der tatsächlich viel besser passt. Auch die übrigen Gäste haben schon ausgiebig davon genossen. An den langen, unbehandelten Holztischen – Einzelplatzierungen widersprächen dem WG-Gedanken – galoppiert der Schmäh. Die jüngsten österreichischen Politskandale werden lautstark verhandelt, die letzte Jelinek-Premiere im Akademietheater wird in der Luft zerrissen. Und die Heeresreform, was für ein Schmarrn!

Mit schwirrendem Kopf falle ich ins Bett, um zehn Stunden später in einer Stadt zu erwachen, der man den Ton abgedreht zu haben scheint. Kein Laut dringt nach oben. Das Radio bringt wenig später die Erklärung. Wien ist eingeschneit. Flüge fallen aus, Straßenbahnen frieren fest, und mir kommt die Geschichte des Lichtensteiner Bankiers in den Sinn, die sie gestern an der Rezeption erzählten. So ein geschäftiger Typ war das, der sich am ersten Tag nicht einmal Zeit für einen Espresso nahm. Am zweiten Morgen aber fühlte er sich schon so zu Hause, dass er im Pyjama im Frühstücksraum auftauchte, wo er sich in aller Ruhe durchs Menü futterte. Eine verlockende Aussicht!