City Guide WienGanz kleines Kino

Im Hotel Hollmann Beletage fühlt man sich wie bei Freunden, die es gern schön haben. von 

Warme Farben, weiche Formen: Sitzecke im unteren "Wohnzimmer"

Warme Farben, weiche Formen: Sitzecke im unteren "Wohnzimmer"  |  © Peter Rigaud für DIE ZEIT

Und jetzt? Wien ist ein Wintermärchen, aber ich stehe mit eiskalten Füßen vor einem dieser gepflegten Wiener Innenstadthäuser und warte darauf, dass die nächste Dachlawine mich erwischt. Wenn nun eine Schwingtür aufginge und ein Portier herausträte, um mir den Koffer abzunehmen, hätte ich nichts dagegen. Aber da ist kein Portier, da ist auch keine Schwingtür. Der Hoteleingang liegt zwischen einem Modegeschäft und einem um diese Zeit längst geschlossenen Schuster. Am Klingelbrett fordert ein winziges Messingschild die Gäste auf, den Code einzugeben. Welchen Code?

Glücklicherweise ist die Tür noch offen, und es gibt sogar einen Fahrstuhl, der einen fast bis in ein gigantisches Wohnzimmer bringt. Dicke sattrote Teppiche auf dunklem Holzparkett, Bücherwände, Sitzecken und ein Klavier. An der Stirnseite knistert ein Kaminfeuer. Die junge Frau hinter dem Empfangstresen lächelt. Sie weiß, dass die Leute hier ein wenig verstört aufschlagen. Wahrscheinlich rechnet sie sogar damit. Denn dieses kleine Hotel ist das Lebenswerk eines Mannes, der etwas von Inszenierungen versteht.

Anzeige

Robert Hollmann hat in New York am Herd gestanden, in Honolulu Pizza gebacken, als Schauspieler auf vielen deutschsprachigen Bühnen gespielt und sich irgendwann gefragt, was er sonst noch kann. Warum nicht eine Herberge aufmachen? Familiär, aber nicht aufdringlich sollte sie sein, wienerisch, aber ohne den Pomp der alten Ringstraßenpaläste.

Hotel Hollmann Beletage

Hotel Hollmann Beletage, Köllnerhofgasse 6, 1. Bezirk

Tel. 0043-1/9611960

26 Zimmer, DZ ab 160 €

Weitere Hotels in Wien

Hotel Lamée. Minimalismus kann mittlerweile jeder. Warum also nicht ein bisschen Plüsch wagen, dachten die Macher des erst diesen Winter eröffneten Design-Hotels und griffen tief in die Requisitenkiste der dreißiger Jahre. Sie fanden dunkle Teppiche, ovale Spiegel, Troddeln, die mit bunten Sofas und fließenden Seidenstores zu einem ziemlich theatralischen Gesamtkunstwerk arrangiert wurden: erhebend und doch kuschelig – und ganz nebenbei auch noch eine Hommage an die lokalen Handwerksbetriebe. Das gesamte Dekor und sogar die Betthupferl stammen aus Wiener Werkstätten. Unbedingt nach einem Zimmer in den oberen Stockwerken fragen! Durch die riesige Fensterfront blickt man direkt auf den Stephansdom.
Rotenturmstraße 15, 1. Bezirk, 32 Zimmer, Tel. 0043-1/5322240. DZ ab 208 €

Pension Nossek. Ein bisschen stolz sind sie schon auf die lange Liste ihrer berühmten Stammgäste. Elias Canetti gehörte dazu, Friedrich Torberg und viele andere übernachteten in den vergangenen 100 Jahren in dieser kleinen, feinen Herberge, die sich wie durch ein Wunder zwischen all den neuen Luxusläden am Graben behauptet. Ist man erst mal mit dem klapprigen Fahrstuhl in den vierten Stock gerattert, fühlt man sich, als wäre man durch ein Zeitloch in eine vergangene Epoche geplumpst: zitronengelbe Wände, Ohrensessel, zu Krönchen drapierte Servietten im Frühstückssaal. Die Einrichtung ist nicht gerade spektakulär, wohl aber die Lage: In fünf Minuten ist man an der Oper.
Graben 17, 1. Bezirk, 30 Zimmer, Tel. 0043-1/53370410. DZ ab 125 €

Hotel Daniel. Auf dem Dach ein verbogenes Schiff des Wiener Künstlers Erwin Wurm, im Hof Schilder mit der Aufschrift: »Don’t even think about parking here«. Ob sie sich im Daniel nicht ein bisschen zu cool fühlen? Aber nein, sie spielen bloß mit Formen, Farben und Kontrasten. Die 115 Zimmer in dem ehemaligen Bürohaus versprühen den Geist der Neuen Sachlichkeit: viel Licht, wenig Überflüssiges. Im rundum verglasten Erdgeschoss, das zugleich Empfang, Restaurant und Bar ist, aber hat der Horror Vacui aufs Charmanteste zugeschlagen: Midcentury-Klassiker, Trash und Trödel. Am Wochenende drängen auch die Wiener in die hauseigene »Bakery«. Der Zwetschgenstrudel ist wirklich sagenhaft.
Landstraßer Gürtel 5, 3. Bezirk, 115 Zimmer, Tel. 0043-1/901310. DZ ab 92 €

Streetlofts. Dass da vorher noch keiner drauf gekommen ist: leer stehende Gassenlokale zu schicken Suiten umzubauen und zu einem dezentralen Hotel zusammenzufassen. Das ehemalige Schneideratelier in der Theresianiumgasse wird seit anderthalb Jahren vermietet, neun weitere Lädchen sind in Arbeit. Und wer einmal in so einem »Streetloft« übernachtet hat, wird nie mehr sagen, dass man als Tourist von Wien nur die Fassaden zu sehen bekommt: Die Betreiber, das Architektentrio Urbanauts, haben für ihre Gäste in der Nachbarschaft ein dichtes Netzwerk geknüpft. Frühstück gibt es im Café um die Ecke, Wellness im Hamam drei Straßen weiter.
Urbanauts, Favoritenstraße 17, 4. Bezirk, derzeit 1 Zimmer, ab Sommer 10, Tel. 0043-1/2083904. DZ ab 120 €

"Angefangen haben wir 2003 als schicke WG für Leute auf der Durchreise", sagt der junge Manager. In den ersten Jahren gab es gerade mal neun Zimmer, deren Türen zum Wohnzimmer hin aufgingen, und sechs Mitarbeiter. Mittlerweile sind 14 weitere Zimmer dazugekommen, außerdem drei Suiten, ein Dachgarten und ein kleines Spa. Und doch fühlt man sich, als wäre man bei Freunden von Freunden gelandet. Kaum zu glauben, dass in der offenen Küche, wo täglich bis 11.30 Uhr das Frühstücksmenü serviert wird, regelmäßig John Malkovich sitzen soll.

Es gibt keine antlitzlosen Gänge, kein Personal, das einem ständig hinterherscharwenzelt. Man nimmt sich, was man braucht: Bücher, Spiele, CDs, ein iPad oder ein Glas Prosecco vom liebevoll angerichteten Vesper-Buffet im Untergeschoss. "Die Sauna ist übrigens schon heiß", sagt der Manager. Dann schließt er das Zimmer auf.

Es soll ja vorkommen, dass Häuser, die viel Mühe auf die Verkehrsflächen verwenden, bei den Zimmern kleinlich sind. Ich würde mich auch über eine Abstellkammer nicht wundern. Aber nein, hinter der Tür tut sich ein loftartiger Eckraum mit bodentiefen Fenstern auf. Stünde in der Mitte nicht ein riesiges Baldachinbett, könnte man hier locker eine Party feiern.


Legende: Rot = Essen, Grün = Ausgehen, Blau = Einkaufen, Gelb = Schlafen
Den City Guide Wien auf einer größeren Karte anzeigen

Dass der Patron Design hasst, wie Hollmann selbst gerne verlauten lässt, kann man allerdings nicht so stehen lassen. Auch wenn er bewusst auf die gängige Eames-Panton-Jacobsen-Mixtur verzichtet, ist sein Haus doch bis in die letzte Ritze gestaltet. Das halb offene Badezimmer verschwindet hinter einem Gazevorhang in dem gleichen Rot wie die Tütenlampen, die das Zimmer in ein warmes Licht tauchen. Der Orangeton des Baldachins findet sich in den Knöpfen der Bettbezüge wieder.

Doch bevor die ästhetische Stringenz anstrengend werden kann, wird sie mit Humor und kleinen Spinnereien konterkariert. Das sind die PEZ-Bonbons im Zahnputzbecher, die einem entgegenrufen: Kinder, ihr seid im Urlaub! Oder das kleine Kino im Untergeschoss, das bis in die Nacht alte Schwarz-Weiß-Filme zeigt, in denen Wien noch so verrußt wirkt wie einst die DDR. Als ich zum Essen aufbreche, schauen zwei Teenager Der dritte Mann.

Im Restaurant, dem Hollmann Salon, der ums Eck in einem verwitterten Innenhof liegt, empfängt der einzige Wiener Kellner, den man duzen könnte, ohne mit dem Leben dafür zu bezahlen. Er bringt das bestellte Salonbretterl mit Fiakergulasch, Vogerlsalat und Rote-Bete-Fleckerl. Die ebenfalls bestellte Weißweinschorle lässt er auf dem Tablett. "Zu diesen Speisen eine Sünde." Er empfiehlt einen Gemischten Satz vom lokalen Weingut Lenikus, der tatsächlich viel besser passt. Auch die übrigen Gäste haben schon ausgiebig davon genossen. An den langen, unbehandelten Holztischen – Einzelplatzierungen widersprächen dem WG-Gedanken – galoppiert der Schmäh. Die jüngsten österreichischen Politskandale werden lautstark verhandelt, die letzte Jelinek-Premiere im Akademietheater wird in der Luft zerrissen. Und die Heeresreform, was für ein Schmarrn!

City Guide Wien

Hier finden Sie alle Artikel aus dem City Guide Wien:

Leopoldstadt: Tanz unterm Riesenrad

Mein Wohnzimmer: Modedesignerin Lena Hoschek über den Naschmarkt

Stammgericht: Wiener Schnitzel im Sternerestaurant

Stil: Österreichs berühmtester Tanzlehrer über die Wiener Liebe zur Tradition

Anbetung: Pferde in Wien

Tipps aus der Redaktion: Tütenlampen, Abendroben und Käsekreiner mit Musik

Angeklickt: Die besten Websites für den Wien-Besuch

Hoteltest: Hotel Hollmann Beletage

CITY GUIDE ALS E-BOOK KAUFEN

DIE ZEIT City Guides stehen Ihnen auch als E-Book nach dem Download jederzeit und überall auf Ihrem digitalen Lesegerät zur Verfügung.

Hier finden Sie eine Übersicht unserer E-Books www.zeit.de/ebooks.

Mit schwirrendem Kopf falle ich ins Bett, um zehn Stunden später in einer Stadt zu erwachen, der man den Ton abgedreht zu haben scheint. Kein Laut dringt nach oben. Das Radio bringt wenig später die Erklärung. Wien ist eingeschneit. Flüge fallen aus, Straßenbahnen frieren fest, und mir kommt die Geschichte des Lichtensteiner Bankiers in den Sinn, die sie gestern an der Rezeption erzählten. So ein geschäftiger Typ war das, der sich am ersten Tag nicht einmal Zeit für einen Espresso nahm. Am zweiten Morgen aber fühlte er sich schon so zu Hause, dass er im Pyjama im Frühstücksraum auftauchte, wo er sich in aller Ruhe durchs Menü futterte. Eine verlockende Aussicht!

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Auch sehr zu empfehlen:

    das Lindenberg und das Seven Swans in Frankfurt am Main.

    http://www.das-lindenberg...

    http://www.sevenswans.de/

    Beides gute Häuser, die von "Nahkampf"erfahrenen Serviceleuten aus dem Café Karin in Frankfurt am Main geleitet werden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie City Guide
  • Schlagworte Wien | Hotel
Service