Thomas Schäfer-Elmayer achtet auf die Form.

DIE ZEIT: Wie möchten Sie genannt werden? Herr Professor Schäfer-Elmayer, Herr Doktor? In Wien nimmt man es mit den Titeln ja sehr genau.

Thomas Schäfer-Elmayer: Ich bin Diplomkaufmann und bekam vom Bundespräsidenten den Titel Professor. Aber Sie können einfach Elmayer zu mir sagen. Ich habe lange im Ausland gelebt und musste mich, als ich 1987 nach Wien zurückkehrte, um die Tanzschule zu übernehmen, erst wieder an die Titelliebe der Wiener gewöhnen. Kennen Sie die Geschichte von Casanova?

ZEIT: Leider nicht.

Schäfer-Elmayer: Er war Mitte des 18. Jahrhunderts hier, um mit Josef II. übers Glücksspiel zu verhandeln. Im Kaffeehaus sagte der Ober: »Guten Abend, Herr Baron«, »Was wünschen der Herr Baron?« Schließlich reichte es Casanova. »Ich bin gar kein Baron«, sagte er. Darauf der Ober: »Aber irgendetwas müssen Sie doch sein – Herr Baron.« So ähnlich ist das noch heute.

ZEIT: Wer keinen Titel hat, ist ein Niemand?

Schäfer-Elmayer: Oder ein Doktor. Es ist natürlich ein Spiel. Und es hat Vorteile, die Regeln zu beherrschen. Ich habe vergangene Woche versucht, in einem Restaurant einen Tisch für Elmayer zu bestellen. Die Antwort lautete: »Tut uns sehr leid, aber wir sind die nächsten Wochen ausgebucht.« Zufällig hat meine Frau fast zur gleichen Zeit angerufen und einen Tisch für Professor Elmayer bestellt, den hat sie sofort bekommen.

ZEIT: Und was mache ich, wenn ich einen MBA habe, einen Master of Business Administration?

Schäfer-Elmayer: Da fragt sich der Wiener, wie er Sie anreden soll. »Sehr gerne, Frau MBA«, »Bis heute Abend, Frau MBA, und grüßen Sie den Herrn PHD«? Das funktioniert ja nicht. Wahrscheinlich wird er Sie einfach Frau Doktor nennen, wie das hier Usus ist. Ich denke, dass auch wir uns irgendwann an die internationalen Gepflogenheiten anpassen werden, so schwer es uns fällt. Viel mehr als die Deutschen schätzen wir unsere alten Rituale schon sehr.

ZEIT: Die k.u.k. Vergangenheit ist inzwischen so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal Wiens. Wenn man über den Graben oder den Kohlmarkt bummelt, findet man viele Geschäfte, die stolz hervorheben, einst Hoflieferant gewesen zu sein.

Schäfer-Elmayer: Hätten Sie uns vor 10, 20 Jahren besucht, hätten Sie in der Inneren Stadt nur diese alten Wiener Läden gesehen! Inzwischen machen sich auch in Wien die internationalen Luxusmarken breit. Das ist der Lauf der Zeit.

ZEIT: Aber da ist noch Markus Scheer in der Bräunerstraße, Schumacher in der siebten Generation, in dessen Werkstatt Stammkunden aus aller Welt ein Monatsgehalt für ein paar handgenähte Stiefel hinblättern, oder der Hutmacher Mühlbauer, wo auch Brad Pitt regelmäßig bestellt, weil es so etwas nur noch in Wien gibt.

"Wir pflegen eine Tradition, die den Wienern sehr am Herzen liegt."

Schäfer-Elmayer: Zum Glück gibt es noch einige Traditionsgeschäfte, die sich in Wien halten können, weil sie, wie auch unsere wunderbaren Kaffeehäuser, etwas ganz Besonderes bieten.

ZEIT: Auch Ihre Tanzschule gehört zu diesen alt eingesessenen Unternehmen: 1919 vom Rittmeister Willy Elmayer von Vesterbrugg im Palais Pallavicini gegründet, existiert sie bereits in der dritten Generation. Was ist Ihre Besonderheit?

Schäfer-Elmayer: Wir pflegen eine Tradition, die den Wienern sehr am Herzen liegt. Sie können einfach nicht ohne Bälle. Auch in dieser Hinsicht sind wir eine Insel in Europa. Bälle hat es ja überall gegeben, wo es höfische Gesellschaften gab. Nur bei uns sind sie nicht ausgestorben. Jedes Jahr werden an die 450 Bälle in der Stadt gefeiert. Auch im Frühjahr, Sommer und Herbst.

ZEIT: Im Ausland kennt man nur den Opernball. Und der wirkt im Fernsehen wie eine schrille Promi-Veranstaltung: Unten fährt die Netrebko mit einer Kutsche ein, oben in der Loge schmückt sich Baumeister Lugner mit Berlusconis Bunga-Bunga-Schönheiten.

Schäfer-Elmayer: Ich habe schon Leute in München getroffen, die glaubten, Baumeister Lugner organisiere den Wiener Opernball! Doch ist man selbst zu Gast, genießt man ein anderes Ambiente. Es ist einfach ein großartiger Wiener Ball, den jeder besuchen kann. Oft gibt es am selben Tag noch Karten. Nur wenige Wiener Bälle sind exklusive Veranstaltungen.

ZEIT: Und woran erkenne ich einen guten Ball?

Schäfer-Elmayer: Das ist Geschmackssache. Wer es gern konservativ-wienerisch hat, geht zum Juristenball, zum Techniker- oder zum Philharmonikerball. Beim Zuckerbäcker- oder Kaffeesiederball geht es mitunter etwas legerer zu. Beim Elmayer-Kränzchen, unserem Ball mit 3000 Gästen in der Hofburg, erleben Sie eine Balleröffnung mit etwa 500 Debütanten.

ZEIT: Auf Ihrer Homepage bezeichnen Sie sich als den größten Jugendtreffpunkt Wiens. Andernorts trifft sich die Jugend im Club, im Park, im Stadion.

Schäfer-Elmayer: In Wien natürlich auch. Aber sie geht eben auch zum Tanzunterricht. Und ich spreche hier nicht nur von der Wiener High Society, die ihre Kinder bei uns in die Kurse schickt. Junge Mädchen und Burschen aus allen Schichten und Bezirken kommen zu uns, weil sie hier etwas fürs Leben lernen. Wir bringen den jungen Leuten ja nicht nur das Tanzen bei, wir vermitteln auch anspruchsvolle Etikette. Wie hilft man einer Dame in den Mantel, wann steht man auf, wann bleibt man sitzen? Wie geht das mit dem Handkuss? Die eigene Kultur zu beherrschen ist Teil der Allgemeinbildung. Sie hilft einem in Gesellschaft, im Beruf, im Ausland.

ZEIT: Das gilt vielleicht für Wiener. Wenn man sich als Deutsche in Wien so benimmt, wie es zu Hause in Ordnung wäre, hat man oft das Gefühl, etwas falsch zu machen. Gerade im Kaffeehaus.

Schäfer-Elmayer: Manche unserer Kellner behandeln ihre Gäste wie lästige Bittsteller. Das geht natürlich nicht. Aber auch im Kaffeehaus gibt es Regeln, die man kennen sollte. Die wichtigste lautet: Der Kellner ist ein Herr Ober. Und er möchte als solcher angesprochen werden. Das können manche Deutschen nicht mehr. Sie rufen: »’tschuldigung, die Rechnung bitte!« Darauf reagiert ein Ober nicht.

ZEIT: Und was mache ich, wenn der Ober eine Frau ist?

Schäfer-Elmayer: Dann sagen Sie »Fräulein«.

ZEIT: Das klingt diskriminierend.

Schäfer-Elmayer: Das ist Ihr Problem. Weil Sie nicht mehr Fräulein sagen dürfen, sagen Sie »Hallo!« oder »Entschuldigung!« – und das Fräulein lässt Sie in der Ecke schmoren.