Schäfer-Elmayer: Zum Glück gibt es noch einige Traditionsgeschäfte, die sich in Wien halten können, weil sie, wie auch unsere wunderbaren Kaffeehäuser, etwas ganz Besonderes bieten.

ZEIT: Auch Ihre Tanzschule gehört zu diesen alt eingesessenen Unternehmen: 1919 vom Rittmeister Willy Elmayer von Vesterbrugg im Palais Pallavicini gegründet, existiert sie bereits in der dritten Generation. Was ist Ihre Besonderheit?

Schäfer-Elmayer: Wir pflegen eine Tradition, die den Wienern sehr am Herzen liegt. Sie können einfach nicht ohne Bälle. Auch in dieser Hinsicht sind wir eine Insel in Europa. Bälle hat es ja überall gegeben, wo es höfische Gesellschaften gab. Nur bei uns sind sie nicht ausgestorben. Jedes Jahr werden an die 450 Bälle in der Stadt gefeiert. Auch im Frühjahr, Sommer und Herbst.

ZEIT: Im Ausland kennt man nur den Opernball. Und der wirkt im Fernsehen wie eine schrille Promi-Veranstaltung: Unten fährt die Netrebko mit einer Kutsche ein, oben in der Loge schmückt sich Baumeister Lugner mit Berlusconis Bunga-Bunga-Schönheiten.

Schäfer-Elmayer: Ich habe schon Leute in München getroffen, die glaubten, Baumeister Lugner organisiere den Wiener Opernball! Doch ist man selbst zu Gast, genießt man ein anderes Ambiente. Es ist einfach ein großartiger Wiener Ball, den jeder besuchen kann. Oft gibt es am selben Tag noch Karten. Nur wenige Wiener Bälle sind exklusive Veranstaltungen.

ZEIT: Und woran erkenne ich einen guten Ball?

Schäfer-Elmayer: Das ist Geschmackssache. Wer es gern konservativ-wienerisch hat, geht zum Juristenball, zum Techniker- oder zum Philharmonikerball. Beim Zuckerbäcker- oder Kaffeesiederball geht es mitunter etwas legerer zu. Beim Elmayer-Kränzchen, unserem Ball mit 3000 Gästen in der Hofburg, erleben Sie eine Balleröffnung mit etwa 500 Debütanten.

ZEIT: Auf Ihrer Homepage bezeichnen Sie sich als den größten Jugendtreffpunkt Wiens. Andernorts trifft sich die Jugend im Club, im Park, im Stadion.

Schäfer-Elmayer: In Wien natürlich auch. Aber sie geht eben auch zum Tanzunterricht. Und ich spreche hier nicht nur von der Wiener High Society, die ihre Kinder bei uns in die Kurse schickt. Junge Mädchen und Burschen aus allen Schichten und Bezirken kommen zu uns, weil sie hier etwas fürs Leben lernen. Wir bringen den jungen Leuten ja nicht nur das Tanzen bei, wir vermitteln auch anspruchsvolle Etikette. Wie hilft man einer Dame in den Mantel, wann steht man auf, wann bleibt man sitzen? Wie geht das mit dem Handkuss? Die eigene Kultur zu beherrschen ist Teil der Allgemeinbildung. Sie hilft einem in Gesellschaft, im Beruf, im Ausland.

ZEIT: Das gilt vielleicht für Wiener. Wenn man sich als Deutsche in Wien so benimmt, wie es zu Hause in Ordnung wäre, hat man oft das Gefühl, etwas falsch zu machen. Gerade im Kaffeehaus.

Schäfer-Elmayer: Manche unserer Kellner behandeln ihre Gäste wie lästige Bittsteller. Das geht natürlich nicht. Aber auch im Kaffeehaus gibt es Regeln, die man kennen sollte. Die wichtigste lautet: Der Kellner ist ein Herr Ober. Und er möchte als solcher angesprochen werden. Das können manche Deutschen nicht mehr. Sie rufen: »’tschuldigung, die Rechnung bitte!« Darauf reagiert ein Ober nicht.

ZEIT: Und was mache ich, wenn der Ober eine Frau ist?

Schäfer-Elmayer: Dann sagen Sie »Fräulein«.

ZEIT: Das klingt diskriminierend.

Schäfer-Elmayer: Das ist Ihr Problem. Weil Sie nicht mehr Fräulein sagen dürfen, sagen Sie »Hallo!« oder »Entschuldigung!« – und das Fräulein lässt Sie in der Ecke schmoren.